Sonntag, 26. April 2015MESZ23:01 Uhr

Buchkritik

Neuer Roman von Siri HustvedtIm Korsett Frau fast erstickt
Die US-amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt posiert am 15. November 2011 in Barcelona. (picture alliance / dpa / Alejandro Garcia)

Der neue Roman von Siri Hustvedt "Die gleißende Welt" spielt in der New Yorker Kunstwelt. Im Fokus eine begabte Künstlerin, die Ehefrau eines Kunsthändlers ist, lange ihr Licht unter den Scheffel stellt, sich versucht daraus zu befreien, scheitert und zerbricht. Mehr

Klimawandel nach Vulkanausbruch 1816Schnee im Hochsommer
Ausbruch des Vulkans Popocatepetl in Mexiko; Aufnahme vom 6. Juli 2013 (  picture alliance / dpa)

Eine riesige Aschewolke ließ keine Sonnenstrahlen mehr auf die Erde: Nachdem 1815 der indonesische Vulkan Tambora ausgebrochen war, änderte sich das Wetter weltweit. Gillen D'Arcy Wood macht in "Vulkanwinter 1816" die dramatischen Folgen von Klimaveränderungen deutlich.Mehr

weitere Beiträge

Literatur

Ein literarischer RaumflugWort und Weltall
Andromedagalaxie, aufgenommen am 27.10.2010 (picture alliance / dpa  / Nasa)

Rainer Maria Rilke und Vladimir Nabokov haben über Sterne und Schwerelosigkeit geschrieben, bevor sie erkundet wurden, William Carlos Williams und Allen Ginsberg sind mittels Sprache zum Mond gereist. Was passiert bei der Begegnung mit dem Weltall? Und: Wie drückt der Mensch das aus? Mehr

weitere Beiträge

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2013

Information statt platte Parolen

Michael Skirl: "Wegsperren!?", Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012, 272 Seiten

Mit rechtsphilosophischer Gründlichkeit ist Michael Skirl das Thema angegangen.  (AP)
Mit rechtsphilosophischer Gründlichkeit ist Michael Skirl das Thema angegangen. (AP)

Nüchtern und souverän hat Michael Skirl in "Wegsperren!?" das viel diskutierte Thema der Sicherungsverwahrung aufbereitet. Dass die Maßnahme komplizierter ist, als uns die Boulevardmedien glauben machen wollen, weiß er als Leiter einer großen JVA aus praktischer Erfahrung.

Mit 26 Jahren kommt Werner D. das erste Mal hinter Gitter. Er hat mehrere Frauen überfallen und vergewaltigt. Therapieangebote interessieren ihn wenig. Niemand kann sagen, mit welchen Fantasien er auf das Ende seiner Haftzeit zugeht.

Darf man Schwerverbrecher unbegrenzt in Sicherungsverwahrung behalten, auch wenn sie ihre Strafe bereits verbüßt haben? Oder muss eine freie Gesellschaft den Preis der Unsicherheit zahlen? Zu dieser - nicht zuletzt in der Sensationspresse und an den Stammtischen der Nation - viel diskutierten Frage meldet sich nun ein Mann vom Fach zu Wort. "Wegsperren?!" heißt sein Buch und Autor Michael Skirl leitet eine der größten Justizvollzugsanstalten Deutschlands.

Gekonnt schlingt der Autor mehrere rote Fäden ineinander. Da ist zum einen das Tauziehen um die gesetzlichen Grundlagen, die seit den 90er-Jahren permanent verschärft wurden, bis Bundesverfassungsgericht und Europäischer Menschengerichtshof einschritten. Michael Skirl zeigt auf, woher der politische Druck kommt: Die "Bild"-Zeitung und ihre publizistischen Verwandten schlachten das Thema "Sex-Täter" weidlich aus. Und die Politik knickte ein, mit zum Teil absurden Vorschriften wie der Sicherungsverwahrung im Anschluss an eine lebenslängliche Haft. Dabei kann ein Lebenslänglicher nur dann entlassen werden, wenn er nicht mehr gefährlich ist - oder aber seine Haft dauert fort.

Gegen platte Parolen setzt der Autor Information - und seine genaue Kenntnis der Welt hinter Gittern. Vor allem von der mittlerweile höchstrichterlich gekippten nachträglichen Sicherungsverwahrung hat der JVA-Leiter nichts Gutes zu berichten. Bürdete sie doch dem Vollzugspersonal die Verantwortung auf, nach Anhaltspunkten für oder gegen diese Maßnahme Ausschau zu halten. Eine Dauerbespitzelung der Häftlinge, die sich im Gegenzug abschotteten, war die Folge. Oder aber Gefangene, die Abgründe ihres Innenlebens einem Therapeuten anvertrauten, handelten sich eben dadurch eine Sicherungsverwahrung ein. Solch ein Häftling wird niemals wieder für eine Therapie zugänglich sein.

Den zweiten roten Faden des Buches liefert die hoch realistisch aus mehreren echten Biografien amalgamierte Lebensgeschichte von Werner D.. Unter dramatischen Umständen wird er bei einem Freigang erneut straffällig und vergeht sich mit äußerster Brutalität an einer Frau. Ja, erklärt Michael Skirl und erteilt grenzenlosem Therapie-Optimismus eine Absage, es gibt sie: die anhaltend gefährlichen Täter. Im Umgang mit ihnen bleibt die Sicherungsverwahrung unverzichtbar. Allerdings sind die strengen menschenrechtlichen Standards des Grundgesetzes zu beachten, wozu immer auch die Perspektive der Freilassung gehört.

Ein erstaunliches souveränes Buch hat Debütant Michael Skirl geschrieben, kenntnisreich, nüchtern bis in die Knochen und in seiner rechtsphilosophischen Gründlichkeit passagenweise mühsam und dornig - wie vorbildlich. So kompliziert ist das eben mit der Sicherungsverwahrung. Niemand sollte es sich einfacher machen.

Besprochen von Susanne Billig

Michael Skirl: Wegsperren!? – Ein Gefängnisdirektor über Sinn und Unsinn der Sicherungsverwahrung
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012
272 Seiten, gebunden, 16,99 Euro