Dienstag, 2. September 2014MESZ03:55 Uhr

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

Wiener KongressMächtige Frauen im Hintergrund
Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Literatur

TagebuchLiebhaber des Halbschattens
Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 14.02.2013

Information statt platte Parolen

Michael Skirl: "Wegsperren!?", Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012, 272 Seiten

Mit rechtsphilosophischer Gründlichkeit ist Michael Skirl das Thema angegangen.
Mit rechtsphilosophischer Gründlichkeit ist Michael Skirl das Thema angegangen. (AP)

Nüchtern und souverän hat Michael Skirl in "Wegsperren!?" das viel diskutierte Thema der Sicherungsverwahrung aufbereitet. Dass die Maßnahme komplizierter ist, als uns die Boulevardmedien glauben machen wollen, weiß er als Leiter einer großen JVA aus praktischer Erfahrung.

Mit 26 Jahren kommt Werner D. das erste Mal hinter Gitter. Er hat mehrere Frauen überfallen und vergewaltigt. Therapieangebote interessieren ihn wenig. Niemand kann sagen, mit welchen Fantasien er auf das Ende seiner Haftzeit zugeht.

Darf man Schwerverbrecher unbegrenzt in Sicherungsverwahrung behalten, auch wenn sie ihre Strafe bereits verbüßt haben? Oder muss eine freie Gesellschaft den Preis der Unsicherheit zahlen? Zu dieser - nicht zuletzt in der Sensationspresse und an den Stammtischen der Nation - viel diskutierten Frage meldet sich nun ein Mann vom Fach zu Wort. "Wegsperren?!" heißt sein Buch und Autor Michael Skirl leitet eine der größten Justizvollzugsanstalten Deutschlands.

Gekonnt schlingt der Autor mehrere rote Fäden ineinander. Da ist zum einen das Tauziehen um die gesetzlichen Grundlagen, die seit den 90er-Jahren permanent verschärft wurden, bis Bundesverfassungsgericht und Europäischer Menschengerichtshof einschritten. Michael Skirl zeigt auf, woher der politische Druck kommt: Die "Bild"-Zeitung und ihre publizistischen Verwandten schlachten das Thema "Sex-Täter" weidlich aus. Und die Politik knickte ein, mit zum Teil absurden Vorschriften wie der Sicherungsverwahrung im Anschluss an eine lebenslängliche Haft. Dabei kann ein Lebenslänglicher nur dann entlassen werden, wenn er nicht mehr gefährlich ist - oder aber seine Haft dauert fort.

Gegen platte Parolen setzt der Autor Information - und seine genaue Kenntnis der Welt hinter Gittern. Vor allem von der mittlerweile höchstrichterlich gekippten nachträglichen Sicherungsverwahrung hat der JVA-Leiter nichts Gutes zu berichten. Bürdete sie doch dem Vollzugspersonal die Verantwortung auf, nach Anhaltspunkten für oder gegen diese Maßnahme Ausschau zu halten. Eine Dauerbespitzelung der Häftlinge, die sich im Gegenzug abschotteten, war die Folge. Oder aber Gefangene, die Abgründe ihres Innenlebens einem Therapeuten anvertrauten, handelten sich eben dadurch eine Sicherungsverwahrung ein. Solch ein Häftling wird niemals wieder für eine Therapie zugänglich sein.

Den zweiten roten Faden des Buches liefert die hoch realistisch aus mehreren echten Biografien amalgamierte Lebensgeschichte von Werner D.. Unter dramatischen Umständen wird er bei einem Freigang erneut straffällig und vergeht sich mit äußerster Brutalität an einer Frau. Ja, erklärt Michael Skirl und erteilt grenzenlosem Therapie-Optimismus eine Absage, es gibt sie: die anhaltend gefährlichen Täter. Im Umgang mit ihnen bleibt die Sicherungsverwahrung unverzichtbar. Allerdings sind die strengen menschenrechtlichen Standards des Grundgesetzes zu beachten, wozu immer auch die Perspektive der Freilassung gehört.

Ein erstaunliches souveränes Buch hat Debütant Michael Skirl geschrieben, kenntnisreich, nüchtern bis in die Knochen und in seiner rechtsphilosophischen Gründlichkeit passagenweise mühsam und dornig - wie vorbildlich. So kompliziert ist das eben mit der Sicherungsverwahrung. Niemand sollte es sich einfacher machen.

Besprochen von Susanne Billig

Michael Skirl: Wegsperren!? – Ein Gefängnisdirektor über Sinn und Unsinn der Sicherungsverwahrung
Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2012
272 Seiten, gebunden, 16,99 Euro