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Religionen / Archiv | Beitrag vom 18.10.2015

IndienTödlicher Streit um die heilige Kuh

Von Antje Stiebitz

Drei Inderinnen in traditionellen Saris laufen auf einer Straße in Bangalore an einer Heiligen Kuh vorbei. (picture alliance / dpa )
Macht, was sie will: eine heilige Kuh auf einer Straße in Bangalore. (picture alliance / dpa )

Obwohl Rinder im Hinduismus tabu sind, ist Indien der größte Rindfleisch-Exporteur der Welt. Der Umgang mit den heiligen Tieren spaltet die Nation. Kürzlich wurde gar ein Moslem von radikalen Hindus umgebracht - weil er angeblich Rindfleisch lagerte.

Es ist ein ruhiger Samstagabend, gerade eine Handvoll Gläubige sind in den Sri Ganesha Hindu Tempel im Berliner Stadtteil Neukölln gekommen. Während der Priester die Andacht für die Götter einläutet, spricht Jayarama Naidu in einem Nebenzimmer über die heilige Kuh Indiens. Der frisch gewählte Präsident des Tempels bezeichnet das Tier als Kamadhenu, die "himmlische Kuh, die alle Wünsche erfüllt":

"Wenn ich Kamadhenu bitte, dann bekomme ich alles, Geld, Glück, Gesundheit und so weiter. Sie hat alle Kraft in ihrem Körper, das ist der Hauptgrund, warum wir sagen, dass die Kuh heilig ist."

Jayarama Naidu malt mit der Hand Kreise in die Luft, als er erklärt, wie diese himmlische Kuh in ihrer irdischen Gestalt in Indien verehrt wird: Die Gläubigen umrunden sie mehrmals und berühren ihre Körperteile. Danach füttern sie das Tier mit Obst oder Süßigkeiten. Das Tier schenkt dafür fünf Produkte: Milch, Butterschmalz, Joghurt, Dung und Urin. Jayarama Naidu betont:

"Wir sind tierfreundliche Menschen, normalerweise als Hindu töten wir keine Tiere. Das ist so. Und wir essen kein Fleisch, normalerweise. Und in heutiger Zeit, wir töten auch die Kuh nicht."

4,5 Milliarden Dollar nimmt Indien mit Rindfleisch ein

Doch wer glaubt, dass in Indien alle Kühe eines natürlichen Todes sterben, der irrt gewaltig. In den letzten Jahren ist Indien zum größten Rindfleischexporteur der Welt aufgestiegen. Es führt jährlich zwei Millionen Tonnen Fleisch aus und nimmt damit rund 4,5 Milliarden Dollar ein. Das Fleisch wird vor allem nach Vietnam, Malaysia, Thailand und Saudi-Arabien exportiert. Allerdings handelt es sich dabei offiziell um Büffelfleisch, denn der Büffel gilt in Indien nicht als heilig. Joachim Betz, Südasien-Experte des German Institute of Global and Area Studies in Hamburg, kurz GIGA, bezweifelt diese Darstellung:

"Von indischer offizieller Seite wird immer gesagt, dass sei im wesentlichen Büffelfleisch, informierte Kreise behaupten: Da wandert auch jede Menge Rindfleisch unter die Bestände."

Die offizielle Version wirkt auch deshalb zweifelhaft, weil neben 3600 legalen 30.000 illegale Schlachthäuser existieren sollen. Was sagt eigentlich das indische Gesetz dazu, dass die Kuh geschlachtet wird, obwohl sie heilig ist?

Harinder Makkar ist bei der Welternährungsorganisation in Rom Experte für Tierproduktion. Er erklärt, dass das Schlachten von Rindern nach der indischen Verfassung eine Sache der Bundesstaaten ist, nicht des Zentralstaats. Der indische Spezialist weiß von vielen unterschiedlichen Regelungen:

"Manche Staaten lassen das Töten von Bullen zu. Wieder andere Staaten genehmigen Schlachtungen von Bullen und Kühen, wenn die Kühe unproduktiv sind. Dann gibt es Staaten, die dem Töten von Rindern mit Null-Toleranz gegenüberstehen. Dafür kann man in manchen Staaten Kühe schlachten, wenn man eine Lizenz erwirbt. Gar keine Genehmigung braucht man in den Staaten Kerala, Manipur, Meghalaya, Mizoram, Sikkim. Dort werden die Rinder vor allem für den inländischen Konsum geschlachtet."

In Kerala leben hauptsächlich Christen, also wird dort Rindfleisch gegessen. Im Nordosten des Landes ist der Anteil der Stammesbevölkerung relativ hoch, auch bei ihnen steht Rindfleisch auf dem Speiseplan. Traditionell liegt das Schlachterhandwerk in den Händen der muslimischen Bevölkerung, denn auch im Islam ist die Kuh nicht heilig. Harinder Makkar:

"Indien ist ein säkulares Land, also kann das jeder für sich entscheiden. Wäre ich Christ, würde ich Rindfleisch essen, weil mir die Kuh nicht heilig ist. Für Muslime ist die Kuh auch nicht heilig. Wenn Indien ein säkulares Land ist, dann sollte es diese unterschiedlichen Ansichten zulassen."

Auch im Hinduismus war die Kuh nicht immer heilig

Zumal auch im Hinduismus die Kuh nicht immer so heilig war, wie der indische Historiker Dwijendra Narayan Jha in seinem Buch "Der Mythos der heiligen Kuh" nachweist. Anhand der religiösen Schriften zeigt er, dass der Umgang mit der Kuh in Indiens Vergangenheit außerordentlich vielgestaltig war. Rindfleisch, so erklärt der Historiker, gehörte schon zur brahmanischen und buddhistischen Ernährung, lange bevor der Islam nach Indien kam. Und gleichzeitig war die Kuh denen, die Ahimsa, das Prinzip der Gewaltlosigkeit streng beachteten, heilig. Er kommt zu dem Schluss:

"Die Heiligkeit der Kuh ist schwer greifbar. Denn es hat nie eine Kuh-Göttin oder einen Tempel ihr zu Ehren gegeben. Trotzdem wird die Verehrung dieses Tiers als ein charakteristischer Zug eines modernen, nicht existierenden monolithischen Hinduismus angesehen, wie er von hindunationalistischen Kräften verbreitet wird."

Was der Historiker schon vor fast 15 Jahren beschrieb, gilt mit dem Aufstieg des Hindunationalismus seither verstärkt. Hatte der aktuelle indische Premierminister Narendra Modi 2014 in seiner Wahlkampagne noch gegen die Rinderschlachtungen gewettert, schlägt er zwar mittlerweile leisere Töne an. Doch aus Sicht des GIGA-Experten Joachim Betz übt er mit Hilfe seiner Regierungspartei BJP und ihr nahestehenden Organisationen trotzdem Druck aus:

"Na ja, man formuliert immer Gesetzesvorhaben, man macht Eingaben im Parlament, man mobilisiert seine Anhängergruppen. Jetzt im Augenblick, die BJP, die beschmutzt sich nicht selber sozusagen mit Angriffen auf die muslimischen Schlachthäuser, sondern schickt ihre jugendlichen Sturmtruppen vor und dergleichen, also da kann man ja den Druck der Straße mehr oder weniger beliebig entfalten und steigern."

Im März 2015 führte der Bundesstaat Maharashtra ein umfassendes Verbot gegen Rinderschlachtungen sowie den Verkauf und Verzehr von Rindfleisch ein. Der Bundesstaat Haryana zog nach. Im September geriet Kaschmir in die Schlagzeilen, weil die dortige überwiegend muslimische Bevölkerung auf die Straße ging, nachdem ein Gericht die verschärfte Durchsetzung eines bestehenden Schlachtverbots angeordnet hatte.

Die Mehrheit der indischen Muslime weiß um die religiösen Empfindungen gegenüber der heiligen Kuh. Viele konsumieren deshalb freiwillig nur wenig Rindfleisch oder ziehen es vor, Schaffleisch zu essen. Der seit Jahrzehnten in Berlin lebende Dichter und Dozent für indische Sprachen, Arif Naqvi, betont, dass Hindus und Muslime über die Jahrhunderte des Zusammenlebens gelernt hätten, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Begingen sie beispielsweise gemeinsam religiöse Feiertage oder Hochzeiten, gebe es ungeschriebene Regeln:

"Dann achten sie, dass sie sich so verhalten, dass keiner seine Gefühle verletzt fühlt, zum Beispiel werden die vielleicht manche Leute nicht dort hinsetzen, wo Fleisch gegessen wird. Sie achten sehr viel darauf."

Der Streit um die Kuh gefährdet den Frieden

Doch der Streit um die heilige Kuh gefährdet den Frieden zwischen den Religionsgemeinschaften. Die Minderheiten, insbesondere Muslime, geraten unter Druck. Durch gezielte Aktionen radikaler Hindus, die den Fleischhandel um jeden Preis aufhalten wollen, werden sie in die Defensive gedrängt. Hindu-Nationalisten überfallen Viehtransporte, schädigen Schlachthöfe und Metzgereien. Ende September wurde im Bundesstaat Uttar Pradesh ein 50-jähriger Moslem von radikalen Hindus getötet, weil er angeblich Rindfleisch im Kühlschrank lagerte. Zwar könne man Narendra Modi und die BJP nicht direkt für solche Aktionen verantwortlich machen, kommentierte die Journalistin Nandini Krishnan auf der indischen News-Plattform Sify. Aber indem sich die Regierung immer wieder gegen Muslime und Säkularismus äußere, ermutige sie radikale Hindus.

Joachim Betz hält die Kuhschlachtungsverbote für eine Kompensation der Regierung für ihre Anhänger. Diese hätten im Wahlkampf aufopfernd für die BJP gearbeitet und hegten jetzt große Erwartungen:

"Nun stellt man plötzlich fest, die Wirtschaft, die erlebt keinen fulminanten Aufschwung, die staatlichen Schulden sind nach wie vor da. Spielraum ist begrenzt, also bitteschön, wo will man etwas tun, um die Erwartungen irgendwie der Millionen Anhänger, und es sind ja Millionen in der BJP und den Vorfeldorganisationen, ja, die müssen ja irgendwie was davon haben."

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