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Interview / Archiv | Beitrag vom 27.08.2014

Indien"Die Ergebnisse sind mager"

Anil Bhatti kritisiert mangelndes Engagement der indischen Regierung für Frauenrechte

Moderation: Liane Billerbeck

Narendra Modi begrüßt seine Anhänger in Gujarat, Indien. (Picture Alliance / dpa / EPA / Divyakant Solanki)
Der indische Regierungschef tut zu wenig für die Frauen in seinem Land, die vielerorts unter Diskriminierung und Gewalt leiden - sagen Kritiker. (Picture Alliance / dpa / EPA / Divyakant Solanki)

Die Regierung von Nerandra Modi ist seit 100 Tagen im Amt - und tut zu wenig, um die Situation der Frauen in Indien nachhaltig zu verbessern und die Gewalt einzudämmen. Stattdessen gebe es nur Lippenbekenntnisse, kritisiert Politikwissenschaftler Anil Bhatti.

Liane von Billerbeck: Seit hundert Tagen ist er im Amt, der indische Premier Narendra Modi – große Hoffnungen wurden in den Hindu-Nationalisten gesetzt, insbesondere von Frauen, denn die sexuelle, körperliche und seelische Gewalt gegen Frauen, die ist in Indien alltäglich. Und die Öffentlichkeit schrie erst auf, als 2012 eine Studentin an den brutalen Verletzungen durch die Vergewaltigungen starb, die ihr von einer ganzen Gruppe von Männern zugefügt worden waren. Und so wird auf jede Äußerung des Premiers gerade von Frauen sehr genau geachtet. Wie seine Rede am 15. August, dem indischen Unabhängigkeitstag, als Modi davon sprach, dass diejenigen, die Vergewaltigungen begehen, auch jemandes Söhne sind.

Wir wollen nun wissen, wie dessen 100-Tage-Bilanz ausfällt, im Gespräch mit dem Kulturwissenschaftler und Germanisten Anil Bhatti. Er ist emeritierter Professor der Nehru-Universität Neu-Delhi. Herr Bhatti, ich grüße Sie!

Anil Bhatti: Grüße Sie auch!

von Billerbeck: Die Lage von Frauen, die sich auch dadurch verbessern soll, dass man in die Erziehung auch der Jungen investiert. Das hört sich gut an, allein, was hat die Regierung Modi getan, um da eine Verbesserung zu erreichen?

Bhatti: Die Frage ist komplizierter. Es geht nicht nur um die Investition in die Erziehung, sondern es geht um die Struktur der Gesellschaft, die patriarchalisch strukturiert ist. Wenn da nicht eine große Umwandlung stattfindet, dann kann man wenig erreichen. Die Gewalt liegt in den Großstädten, es liegt aber auch auf dem Lande, wo Frauen massiv unter Druck gesetzt werden. Und hier, die Protestbewegungen der Frauengruppen, die jetzt sehr stark werden, hoffen tatsächlich durch das Eingreifen der Regierungen etwas zu erreichen, was bis jetzt nicht erreicht worden ist. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob man diese unterdrückenden Strukturen tatsächlich überwindet, und das erfordert eine große Reform.

Und da befürchte ich, dass die Regierung nicht in der Lage sein wird, diese große soziale Reform durchzuführen, die dann tatsächlich die Emanzipation der Frauen fördern wird, sodass sie nicht abhängig sind von ihren männlichen Verwandten oder Strukturen in der Gesellschaft, die von den Männern dominiert sind.

von Billerbeck: Was müsste denn die Regierung konkret tun, um solche Veränderungen zu erreichen?

"Viele Frauenbewegungen scheitern an der Wand der Unfähigkeit"

 Bhatti: Ja, als erstes müsste sie tatsächlich stark eingreifen und dort, wo Vergewaltigungen stattgefunden haben, das Gesetz walten lassen. Sie müssen in Aktion treten. Oft geht das so, dass die Protestbewegung bleibt auch von den Politikern auf der Ebene der Lippenbekenntnisse. Wenn man tatsächlich bestrafen will, wenn man etwas erreichen will, fällt es auf, dass da nichts konkret geschieht. Und das ist das, was die Frauen frustriert.

Es gibt in den Großstädten, auch auf dem Dorf, viele Frauenbewegungen, die das erreichen wollen. Die scheitern an der Wand der Unfähigkeit, über diese Lippenbekenntnisse hinauszukommen und tatsächliche Maßnahmen zu ergreifen. Und wenn die Regierung das macht, ist es wunderbar, nur sehe ich da keine Anzeichen bis jetzt dafür.

Eine junge indische Frau steht vor einer Wand in einem rosafarbenen Sari. (dpa / Divyakant Solanki)Eine indische junge Frau im Hochzeitsgewand. (dpa / Divyakant Solanki)

von Billerbeck: Ja, reden kann man viel – man muss schon was tun.

Bhatti: Ja, genau. Unser Problem hier  in Indien ist, es gibt eine große Rhetorik der Verbesserung, oder irgendetwas zu erreichen, aber die Ergebnisse sind mager.

von Billerbeck: Es gab in Indien auch immer eine massive Abtreibung weiblicher Föten, tausend neugeborenen Jungen stehen 914 Mädchen gegenüber. Ist das auch ein Ausdruck der Missachtung von Mädchen und Frauen? Und ändert sich daran was?

"Es gibt Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert"

Bhatti: Ja, nicht nur Missachtung der Frauen, auch eine strukturelle Missachtung der Rolle der Frau in der Gesellschaft. Sie ist überflüssig, das ist das große Problem. Das ist ja sicherlich ein Ausdruck, aber da, mittlerweile, glaube ich, gibt es Anzeichen dafür, dass sich etwas ändert, zumindest in den Großstädten, wo es verboten ist seit mehreren Jahren, dass man also vor der Geburt einen Gendertest macht, das heißt, einen Versuch, festzustellen, ob das Kind ein weibliches oder männliches Kind ist. Da kann man sehen, dass da irgendetwas doch sich durchsetzt. Aber viel nicht. Aber das sind Maßnahmen, die seit zehn bis fünfzehn Jahren schon im Gange sind.

von Billerbeck: Ein Thema, das immer auch wieder Zündstoff ist in Indien, das ist das Thema Religionsfreiheit. Die wird zwar von der Verfassung garantiert, aber ist der Staat tatsächlich neutral?

Bhatti: Nein. Der Staat ist nicht neutral. Der Staat soll Gleichbehandlung aller Religionen anstreben. Der indische Säkularismus ist Gleichbehandlung, und da ist das große Problem seit mehreren Jahren auch, es wird wahrscheinlich stärker in Erscheinung treten mit der jetzigen Regierung. Gleichbehandlung der Religionen bedeutet, dass man nicht so etwas wie eine Leitreligion oder eine Leitkultur hat.

Sie kennen diese Debatte aus Europa und aus Deutschland. Was die hinduistische Partei mit dem Slogan "Hindutva" anstrebt, ist, dass der auf der Grundlage des Hinduismus entstandene Zivilisationserfolg in Indien soll eine Leitkultur werden für alle Religionen. Das ist der starke Eingriff in die säkulare Philosophie, die Indien, und die Philosophie der Toleranz, die Indien bis jetzt verfassungsmäßig garantiert. Ob die Regierung das wirklich durchsetzt oder nicht, das kann ich jetzt nicht sagen.

Wenn man so will, steigen die Anzeichen der großen Auseinandersetzungen zwischen zumindest Hindus und Moslems in verschiedenen Teilen Indiens, und wie neutral nun die Politiker sind oder die Regierung ist, das wird sich erst zeigen. Der Staat muss die verfassungsmäßig garantierte Religionsfreiheit ernst nehmen und tatsächlich in dem Sinne neutral bleiben, dass alle Religionen gleiche Chancen haben, sich als Religionen zu profilieren – mehr nicht.

"Indien ist ein Produkt von verschiedenen Religionen und Entwicklungen"

von Billerbeck: Die Regierung hat ja auch angekündigt, dass sie eine Kommission einsetzen wird, um die Lerninhalte in den Schulen zu verändern. Geht es da auch um Religion, oder was soll da verändert werden?

Bhatti: Nicht nur Religion, also Lerninhalte – das ist nun tatsächlich sehr besorgniserregend – die indische Kultur soll ernster genommen werden. Das klingt alles sehr schön, aber was man damit dann vergisst, ist, dass Indien ein Produkt ist, das von verschiedenen Religionen, verschiedenen historischen Entwicklungen. Und wenn man das alles auf eine Religion zuspitzt, verliert man sehr viel, was zu dieser farbigen Vielfalt Indiens gehört.

von Billerbeck: Professor Anil Bhatti über die Veränderungen Indiens. Dessen Premier Modi ist heute seit 100 Tagen im Amt. Danke Ihnen für das Gespräch!

Bhatti: Vielen Dank! Wiederhören.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema:

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