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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.02.2011

In tragischen Höhen

Philip Roth: "Nemesis", Hanser Verlag, München 2011, 220 Seiten

Der US-Autor Philip Roth
Der US-Autor Philip Roth (AP Archiv)

Die Geschichte, die Philip Roth unter dem Titel der Rachegöttin "Nemesis" erzählt, hat einen alttestamentarischen Zuschnitt. Ihr Held, der liebenswürdige Bucky Cantor, ist eine moderne Hiob-Gestalt: Er ist fromm und gottesfürchtig - und wird dennoch mit furchtbarem Unglück geschlagen.

Die Geschichte, die Philip Roth unter dem Titel der griechischen Rachegöttin "Nemesis" erzählt, hat einen ganz und gar biblischen, alttestamentarischen Zuschnitt. Ihr Held, der liebenswürdige, gute Mensch Bucky Cantor ist eine moderne Hiob-Gestalt: Er ist fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse. Aber er wird furchtbar mit Unglück geschlagen und geprüft. Wer ist es, der das verhängt? Der Roman von Philip Roth fragt nach Gott, wie es derzeit wohl nur dieser Schriftsteller kann.

Die Handlung spielt im Sommer 1944 im jüdischen Viertel von Newark, also an dem selben Ort, wo schon "Verschwörung gegen Amerika" stattfand, Roth' Geschichtsfiktion von einem antisemitischen Amerika. Diesmal bleibt der Roman bei der realen Historie: Die Alliierten sind soeben in der Normandie gelandet, die letzte Phase des Kampfes gegen Hitler beginnt. Bucky Cantor, ein junger jüdischer Sportlehrer, körperlich bestens trainiert, wäre gern dabei, wie viele seiner Altersgenossen; nur seine starke Kurzsichtigkeit hindert ihn daran, zu seinem Leidwesen kann er sich nicht selbst in die Schlacht zwischen Gut und Böse werfen. Also bleibt er daheim, und in der Ferienzeit will er trotzdem Gutes tun, indem er den in der Stadt gebliebenen Jugendlichen ein Freund und Beschützer bei ihren Football-Spielen ist.

Fürsorge ist nötig, denn am Ort grassiert eine Polio-Epidemie, also die Kinderlähmung, die damals noch nicht heilbar war, deren Verbreitungswege – meist im Sommer, meist unter Jugendlichen – unklar sind, und die im schlimmsten Fall zum Tod führt, im kaum weniger grausamen Normalverlauf zu dauerhaften Lähmungen und nur ganz selten ausgeheilt werden kann. Natürlich kann auch Bucky Cantor die Epidemie nicht stoppen, auch in seiner Jugendgruppe erkranken die ersten Opfer. Warum trifft es den einen und den anderen nicht? Was bezweckt Gott?

Diese Fragen schraubt Roth auf immer tragischere Höhen. Denn Bucky Cantor nimmt eine Einladung aufs Land an – voller schlechten Gewissens -, wo er seine Verlobte in einem Jugendcamp fern den Gefahren der Epidemie treffen kann. Er scheint gerettet, in Wahrheit erkrankt er kurz nach der Reise aufs Land und schleppt den Polio-Erreger in die Idylle, wo bald nach seinem Eintreffen die ersten Fälle auftreten. Mit einer schmerzenden einfachen Schönheit von biblischer Wucht entfaltet Roth diese Tragöde, ohne sie aufzulösen.

Denn das Buch bleibt am Ende ein moderner Roman, weil es auch das Nachleben des Helden zeigt: Bucky stirbt nicht, er überlebt als behinderter, auch seelisch verstörter Mensch, der aufgehört hat lieben zu können. Er kann mit dem Unglück nicht fertig werden, weil er ihm "eine durch und durch strafende, düstere Bedeutung verliehen hatte", es nicht als bösen Streich der Natur, "sondern wie ein böses, von ihm selbst verübtes Verbrechen" erlebt. Warum? Ihm fehlt es, gibt der Roman abschließend zu bedenken, an Humor, ja an geistiger Statur. Bucky Cantor wollte ein guter Mensch sein, darum leidet er an seinem Unglück doppelt: Er glaubte nämlich an die Gerechtigkeit.

Besprochen von Gustav Seibt

Philip Roth: Nemesis
Aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren
Hanser Verlag, München 2011
220 Seiten, 18,90 Euro