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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 20.05.2012

In Limo, Plastik und Beton

Universelle Süßstoffe werden für alles mögliche verwendet

Von Udo Pollmer

Nicht nur zur Herstellung von Limonaden werden künstliche Süßstoffe verwendet.
Nicht nur zur Herstellung von Limonaden werden künstliche Süßstoffe verwendet. (picture alliance / dpa / Daniel Karmann)

Ein schlimmer Verdacht lastet auf den künstlichen Süßstoffen. Laut einer neuen Studie sollen sie Herz und Kreislauf schädigen. Nun sind Studien erfahrungsgemäß mit Skepsis zu betrachten. Deshalb hat sich Lebensmittelchemiker Udo Pollmer die Daten genauer angesehen.

Wer jeden Tag Diätlimos trinkt, der soll einem erhöhten Risiko für Gefäßerkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt ausgesetzt sein. So das Ergebnis einer Studie der Columbia Universität in New York. Bei gewöhnlichen Zuckerlimos gab's keine Probleme, ebenso wenig beim gelegentlichen Trinken einer Diätlimonade.

Ein Blick in die Daten zeigt, – und ich unterstelle einmal, sie sind echt – dass die Autoren offenbar gründlich vorgegangen sind und bemüht waren, zumindest die allgemein bekannten Einflussfaktoren wie Vorerkrankungen herauszurechnen. Deshalb dürfen wir das Ergebnis durchaus ernst nehmen. Es ist ja auch nicht das erste dieser Art. Schon früher hatten andere Studien ähnlich unerfreuliche Resultate erbracht. Speziell das sogenannte Metabolische Syndrom, das als Drehscheibe für Erkrankungen wie Diabetes oder Herzinfarkt gilt, wird durch Süßstoff-Getränke gefördert.

Seit Langem wird vermutet, dass Süßstoffe eine Ausschüttung des Hormons Insulin provozieren, ähnlich wie beim Zucker. Allerdings mit dem Unterschied, dass sie gerade nicht den auf der Zunge angekündigten Nährstoff liefern. So läuft das Insulin ins Leere. Dieser Effekt auf die Bauchspeicheldrüse ist offenbar so ausgeprägt, dass eine japanische Universität sich das als Weltpatent hat schützen lassen. Vermutlich auch deshalb sind Süßstoffe als Masthilfsmittel so wirksam sind. Es erklärt, warum Diät-Limo-Trinker schneller dick werden als Zuckerschlecker.

Auch bei der Europäischen Lebensmittelbehörde EFSA beschäftigt man sich zum wiederholten Male mit dem ältesten unserer Süßstoffe, dem Saccharin. Aktuell ging es um die Frage, wie riskant der Stoff bei der Herstellung von Plastik ist, genauer gesagt von PET-Flaschen. Da braucht man Saccharin, um die Polymerisation in Gang zu bekommen. Die EFSA sieht in seiner Verwendung für Getränkeflaschen kein nennenswertes Risiko. Sehr beruhigend. Denn Saccharin wird nicht nur für PET sondern auch noch für Kautschuk oder Polyacryl verwendet, einem Material aus dem viele Salatschüsseln bestehen.

Es ist schier unglaublich, wofür ein so harmlos daherkommender Zusatzstoff so alles verwendet wird. Oder hätten Sie geahnt, dass nicht nur Abfüller von Limonaden zum Saccharin greifen sondern auch - der Maurer. Bei der Herstellung von Beton ist es ein wichtiger Bestandteil des Bindemittels. Ein deutscher Kosmetikkonzern hat sich den Süßstoff für seine Haarpflegemittel patentieren lassen: dadurch würde, ich zitiere "die Aufhellleistung von Blondiermitteln signifikant verbessert" – es wirkt im Haar so wie sonst das sprichwörtliche Wasserstoffperoxid.

Auch die Pharmaindustrie hat ein Auge auf das Wundermittel geworfen. Schließlich zählt Saccharin zu den Sulfonamiden, - und das ist eine Gruppe von Antibiotika. Was die Darmflora schädigt, das könnte vielleicht auch größeren Lebewesen den Garaus machen, dachten sich offenbar die Chemiker bei der BASF. Ihnen ist es tatsächlich gelungen, aus Saccharin ein neues Rattengift zu zimmern. Ihre bahnbrechende Erfindung haben sie sich kürzlich als Patent schützen lassen.

Das süßeste Saccharin-Patent allerdings trägt die Nummer CN101774851 und datiert vom Juli 2010. Darin wird ein ganz besonderes Düngemittel vorgestellt. Man nehme einen handelsüblichen Kunstdünger samt ein paar Bodenbakterien und versetze ihn mit einer Saccharinlösung. So erhält man eine Mixtur, die sich ganz speziell zum Anbau von Stevia rebaudiana eignet. Genau dem Stevia, das als Süßstoff-Kraut, als natürliche Alternative zum künstlichen Saccharin allerorten umworben wird. Das saccharinhaltige Mittel düngt nicht nur, sondern hält – so die Erfinder - auch die Schädlinge fern.

Geben Sie also Ihre Süßstofftabletten nicht achtlos in den Kaffee oder gar in den Müll. Wer weiß, wofür die noch alles in Haus und Garten gut sein könnten. Mahlzeit!

Literatur:
Gardener H et al: Diet soft drink consumption is associated with an increased risk of vascular events in the Northern Manhattan Study. Journal of General Internal Medicine 2012; epub ahead of print
Dhingra R et al: Soft drink consumption and risk of developing cardiometabolic risk factors and the metabolic syndrome in middle-aged adults in the community. Circulation 2007; 116: 480-488
Fung (prüfen)
Paganini
Naim M et al: Effects of sodium saccharin on the activity of trypsin, chymotrypsin, and amylase and upon bacteria in small intestinal contents of rats. Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine 1985; 178: 392-401
BASF: 1,2-Benzoisothiazole compounds useful for combating animal pests. US 2011/0166162
National University Corporation Gunma University: Insulin secretion stimulator. WO 2010/044371
Hongfa Yin: (Microorganism-containing organic compound fertilizer for stevia rebaudiana.) CN 101774851
BASF: 1,2-Benzoisothiazole compounds useful for combating animal pests. US 2011/0166162