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Interview / Archiv | Beitrag vom 29.06.2013

"In Deutschland werden Kinderrechte verletzt"

UNICEF Botschafterin kritisiert Chancenungleichheit von Jugendlichen

Das Logo und der Schriftzug von UNICEF ist auf einem Plakat in der Zentrale in Köln zu sehen. (AP)
Das Logo und der Schriftzug von UNICEF ist auf einem Plakat in der Zentrale in Köln zu sehen. (AP)

Wenn man nicht in einem guten Elternhaus aufgewachsen ist, sei es für Kinder häufig schwierig, in der Schule Anschluss zu finden oder genügend gefördert zu werden, sagt Sophie-Charlotte Lemmer, Junior-Botschafterin von UNICEF Deutschland, und fordert mehr Mitbestimmungsrechte für junge Menschen.

Marietta Schwarz: 1946 wurde das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen UNICEF gegründet, zunächst, um Kindern in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg zu helfen. Ein paar Jahre später – der Wiederaufbau war in vollem Gange – entstand auch eine deutsche Sektion des UN-Kinderhilfswerks aus der Initiative dankbarer Bürger. Inzwischen zählt UNICEF Deutschland neben den USA und Japan zu den spendenstärksten Ländern und engagiert sich bei akuten Krisen ebenso wie mit langfristigen Projekten in Entwicklungsländern. Morgen feiert die deutsche Sektion ihr 60-jähriges Bestehen, und aus diesem Grund bin ich telefonisch verbunden mit Sophie-Charlotte Lemmer, sie ist Junior-Botschafterin von UNICEF Deutschland. Hallo und guten Morgen!

Sophie-Charlotte Lemmer: Guten Morgen!

Schwarz: Sophie-Charlotte Lemmer, wie wird man das überhaupt – Junior-Botschafterin bei UNICEF?

Lemmer: Also das kann erst mal grundsätzlich jeder werden, vor allem junge Kinder sind natürlich herzlich willkommen, wir freuen uns über jeden, der mitmacht. Also man wird Junior-Botschafter praktisch schon, wenn man zum Beispiel an einem Schülerlauf teilgenommen hat, der durch die Schule organisiert werden kann, aber der auch durch Schüler initiiert werden kann. Und man kann aber zum Beispiel auch eine Aktion machen, zum Beispiel man verkauft Selbstgebasteltes und spendet es an UNICEF oder an eine andere Hilfsorganisation, oder man informiert ganz viele Leute, zum Beispiel an einem Informationsstand – und dann ist man eigentlich schon Junior-Botschafter.

Schwarz: Und Sie sind eine von ganz, ganz vielen in Deutschland?

Lemmer: Ja, genau. Jedes Jahr werden es immer mehr, habe ich das Gefühl, und das ist natürlich toll, ein Teil dieser Gemeinschaft zu sein.

Schwarz: Was sind Ihre Aufgaben?

Lemmer: Also als Junior-Botschafter sollen wir vor allem, ja, die Arbeit von UNICEF und die Kinderrechte natürlich an jüngere Kinder vermitteln, denn die Kinderrechte sind gar nicht so bekannt in Deutschland. Das wundert einen vielleicht, aber ganz viele Kinder kennen die nicht. Und wir wollen natürlich auch in Deutschland viele über ihre Rechte aufklären.

Schwarz: Das heißt, Ihre Arbeit beschäftigt sich eher mit dem, was UNICEF in Deutschland tut, gar nicht so stark die internationale Entwicklungszusammenarbeit, Entwicklungsarbeit?

Lemmer: Es geht auch natürlich um das Aufklären über die internationalen Missstände, was Kinder ja Schlimmes erleben müssen auf dieser Welt, und man sammelt natürlich auch Spenden. Aber es geht vor allem in Deutschland eher um die Partizipation von Kindern und Jugendlichen. Und da spielen natürlich die Junior-Botschafter eine große Rolle.

Schwarz: Was heißt das genau?

Lemmer: Jedes Kind hat laut der UN-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Mitbestimmung, das heißt: In Entscheidungsprozessen müssen die Stimmen von Jugendlichen und Kindern gehört werden. Und es gibt zum Beispiel Jugendparlamente, Jugendräte oder auch Beiräte oder Berater für Politiker soll es ... also fänden wir gut, wenn es das geben würde, teilweise ist es schon verwirklicht, aber dass einfach viel mehr auf Kinder- und Jugendstimmen gehört wird, denn wir können ja noch nicht wählen, und deswegen muss eben gerade die Politik auch in Deutschland viel mehr die Jugend mit einbeziehen.

Schwarz: Sie sind, Sophie, inzwischen 18 Jahre alt und machen das seit fünf, sechs Jahren bei UNICEF. Wie kam es dazu, dass Sie sich für UNICEF engagiert haben und nicht für eine der vielen, vielen anderen Hilfsorganisationen?

Lemmer: Erst mal: UNICEF ist eigentlich sehr präsent für Kinder und Jugendliche, also zum Beispiel in den Kindernachrichten "logo!" habe ich oft von UNICEF mitbekommen und auch "GEOlino" gelesen, und "GEOlino" wird ja erstellt in Zusammenarbeit mit UNICEF, und das ist einfach sehr präsent für Kinder. Und mir hat es eigentlich auch immer gut gefallen. Von Anfang an dachte ich, oh, das muss eine gute Sache sein. Und so bin ich eben zu UNICEF gekommen.
Schwarz: Sie haben eben gesagt, die Kinderrechte in Deutschland, die werden gar nicht so richtig wahrgenommen, dass man die hat. An welcher Stelle sind Sie denn vor allen Dingen gefragt, gefordert?

Lemmer: Man denkt immer so, Kinderrechte, gut – die armen Kinder in Afrika dürfen nicht zur Schule gehen. Aber sage ich mal so: Auch in Deutschland werden vielerorts Kinderrechte verletzt. In Deutschland werden die Ungleichheiten immer größer und viele Kinder sind armutsgefährdet, von relativer Armut. Klar, in Deutschland kann natürlich jeder zur Schule gehen, aber die Chancen sind nicht immer gleich. Wenn man nicht in einem guten Elternhaus aufgewachsen ist, ist es auch häufig für Kinder schwierig, in der Schule Anschluss zu finden oder genügend gefördert zu werden. Und da darf einfach nicht das Elternhaus oder das Vermögen der Eltern entscheidend sein. Und dass auch in Deutschland immer noch keine Chancengleichheit gibt, das ist eigentlich, was uns allen ziemlich Sorge macht.

Schwarz: Welche Erfahrungen haben Sie denn bei dieser Arbeit bei UNICEF besonders geprägt in den letzten Jahren?

Lemmer: Also was eigentlich für mich eine wertvolle Erfahrung immer ist, ist, dass man sich dafür einsetzen soll, wovon man überzeugt ist, und auch, wenn viele sich ausruhen, viele bequem sind, dass man das einfach selber nicht wird, also dass man unermüdlich sich dafür einsetzt und sich einfach nicht entmutigen lässt, auch wenn man natürlich weiß: Ich kann nicht die Welt retten. Aber meine Hilfe ist gut, und die geht eben nicht verloren. Und das ist eigentlich eine sehr schöne Erkenntnis gewesen.

Schwarz: Das System UNICEF funktioniert ja über Paten oder auch viel über Paten, die regelmäßig spenden, in Deutschland sind es über 170.000. Haben die Kinder und Jugendlichen, die Junior-Botschafter von UNICEF eine Meinung, wie man diese Spenden sinnvoll investieren muss?

Lemmer: Die Junior-Botschafter sind eigentlich immer sehr daran interessiert: Wie viel kommt eigentlich wirklich an bei den Projekten? Natürlich gibt es da auch immer Aufwände für Verwaltungsaufgaben und so weiter, aber ich glaube im Endeffekt, durch die Geschäftsberichte ist das alles relativ transparent. Und ich denke, also Deutschland ist eins der spendenreichsten Länder, wie schon gesagt, neben Japan und den USA, und deswegen: Also wir sind eigentlich relativ zuversichtlich, dass auch dadurch viel bewirkt werden kann.

Schwarz: Welche Projekte bei UNICEF finden Sie denn besonders gut?

Lemmer: Also das, was ich besonders gut finde, sind natürlich Schulen in Afrika, was ja eigentlich eher so eine klassische Sache schon ist, einfach weil Bildung so super wichtig ist. Aber inzwischen: UNICEF befindet sich auch zurzeit in einem Veränderungsprozess. Früher wurde es eben gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg für Europa, und inzwischen geht es eben vor allem um Entwicklungs- und Schwellenländer, und gerade jetzt, wo ja viele neue wirtschaftliche Supermächte aufsteigen in China und in Indien, muss man sich natürlich auch fragen: Das sind gerade die Länder, die – obwohl sie ein mittleres Einkommen haben –, ... da sind die meisten extrem armutsgefährdeten oder in extremer Armut lebenden Kinder auf der Welt, und dass gerade UNICEF in diese Länder geht, das ist sehr wichtig.

Schwarz: Sophie-Charlotte Lemmer, Junior-Botschafterin von UNICEF Deutschland. Ja, Sophie, vielen Dank und weiterhin viel Erfolg bei UNICEF!

Lemmer: Ja!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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