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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.10.2012

"In Deutschland ist es sehr schwierig, ein Deutscher zu sein"

Der Politiker und Autor Ozan Ceyhun über das ewige Migrantendasein - trotz deutschem Pass

Ozan Ceyhun im Gespräch mit Susanne Burg

Personalausweis: Der Besitz eines Ausweises sagt in Deutschland noch lange nichts über die nationale Identität.
Personalausweis: Der Besitz eines Ausweises sagt in Deutschland noch lange nichts über die nationale Identität. (AP)

Warum ist es ein Tabu, dass ein deutscher Verteidigungsminister türkischer Herkunft ist? - fragt Ozan Ceyhun, der einst Wahlkampf für Gerhard Schröder machte. Ein großes Problem bei der Integration in Deutschland seien die Vorurteile gegenüber Einwanderern in den Behörden, glaubt er und spricht aus Erfahrung.

Susanne Burg: Ozan Ceyhun hat in der Türkei mehrere Militärputsche miterlebt. Als politisch aktiver Jugendlicher, der gegen das Militärregime kämpfte, wurde es für ihn irgendwann so unerträglich, dass er 1981 aus dem Land floh. Da war er 20 Jahre alt. Über Österreich kam er nach Deutschland. Und hier begann eine bilderbuchartige Integrationskarriere. Er machte eine Ausbildung als Erzieher, gab Deutschkurse für Türken, wurde politisch aktiv, erst bei den Grünen, ab 2000 bei der SPD. Er war Europaabgeordneter und Mitglied im Innenausschuss des Europäischen Parlaments und in der Parlamentarischen Delegation EU-Türkei. Nun hat er ein Buch geschrieben, das den Titel trägt "Man wird nie Deutscher". Guten Tag, Herr Ceyhun!

Ozan Ceyhun: "60 Prozent irgendwie mehr Türke als Deutscher"Ozan Ceyhun: "Wichtigste Sozialisation in Deutschland" (Agata Skowronek)Ozan Ceyhun: Guten Tag!

Burg: Ja, man wird nie Deutscher. Das klingt recht desillusioniert. Ist Ihre Integration in Deutschland, also bei allem Bilderbuchartigem, letztlich doch gescheitert?

Ceyhun: Ja, muss man als Deutscher bezeichnet werden, um integriert zu werden. Also, ich bin doch integriert und trotzdem werde ich nie Deutscher.

Burg: Also insofern würden Sie differenzieren: Sie sind zwar kein Deutscher, aber Sie sind integriert?

Ceyhun: Korrekt. Also was mein Leben in dieser Gesellschaft betrifft, was meine Integration betrifft, ich glaube, das hat perfekt geklappt. Aber als Deutscher kann ich trotzdem nicht bezeichnet werden. In Deutschland, glaube ich, ist es sehr schwierig, ein Deutscher zu sein.

Burg: Es war ja ein kleines, harmloses Gespräch bei einem Expresso mit Bundeskanzler Schröder, das Ihnen die Augen geöffnet hat. Was war so einschneidend an diesem Gespräch?

Ceyhun: Ja, ich bin sehr dankbar, das ist auch bei mir eine sehr positive Angelegenheit, also auf jeden Fall nicht negativ, was diese Erfahrung, diese Erlebnis betrifft. Ich war bei ihm Gast, weil er sich bei mir bedanken möchte für meinen Wahlkampfeinsatz, und er hat dann gesagt, Ozan, ich dank' dir sehr, du hast mir wirklich viel geholfen …

Burg: Das war für den Wahlkampf 2002, nicht?

Ceyhun: Richtig. Und dann hat er sich bedankt, wir haben über vieles gesprochen, dann hat er mich gebeten, ich sollte auch Sigmar Gabriel, damals war er noch Ministerpräsident in Niedersachsen, ich sollte ihm helfen. Dann hat er ihn angerufen, wir haben einiges vereinbart. Und nachdem alles vorbei war, da hat er mir – sagte er mir: Jetzt will ich etwas anderes sprechen. Ja, bitte?

Ozan, sagte er mir, sag mir eigentlich, warum haben deine Landsleute überhaupt diese religiöse Partei – damals war AK-Partei ganz neu gewählt – AK-Partei gewählt? Und ich gebe zu, ich war erst mal ein bisschen irritiert. Was soll ich Schröder jetzt sagen, Gerd, ich bin eigentlich ein Deutscher und warum fragst du mich danach, was für ein Wahlverhalten türkische Wählerinnen und Wähler haben?

Ich habe gesagt, Quatsch, eigentlich Gerhard Schröder hat recht: Du bist ein Türke,du lebst in Deutschland, du bist Bürger dieses Landes, aber trotzdem ein Türke und das kannst du nie ändern. Und ich könnte hundertmal laut sagen, Mensch, ich bin ein Deutscher und ich will über Türkei als ein Türke nicht reden – wäre es eine Lebenslüge. Also, ich bin in der Türkei geboren worden, bis 20 in der Türkei hab' mein Leben durchgeführt. Dann meine, die wichtigste Sozialisation ist in Deutschland gelaufen, aber trotzdem ich fühle mich 60 Prozent irgendwie mehr Türke als Deutscher, und das sieht man ja bei mir. Also, ich kann das auch nicht verstecken. Und ich war sehr dankbar, weil bis dahin ich habe immer gedacht, wenn ich sage, ich bin ein Deutscher, dann werden alle Deutschen mich als Deutschen sehen. Integriert sein sollte nicht bedeuten, dass man im klassischen Sinne ein Deutscher sein muss.

Burg: Ihr Konzept ist nun das der Mehrstaatlichkeit. Sie haben sogar eine doppelte Staatsbürgerschaft erstritten, was in Deutschland ja nur in ganz einzelnen Ausnahmen geht. Überhaupt beschreiben Sie immer wieder, wie Sie mehrfach nur durch gute Kontakte, erst in der Türkei, Ihr Vater war renommierter Schriftsteller, gut vernetzt, aber dann auch später zu politischen Kreisen in Deutschland, wie Sie dadurch eigentlich aus verschiedenen misslichen Situationen, wie zum Beispiel Abschiebung herausgekommen sind. Nun haben ja viele türkischstämmige Menschen in Deutschland diese Kontakte überhaupt gar nicht. Ist Ihre Geschichte dann nicht doch eine ganz besondere und überhaupt nicht übertragbar auf den großen Teil der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland?

Ceyhun: Auf jeden Fall! Also, ich bin wirklich die Ausnahme. Glückliche Ausnahme, muss ich sagen. Ich habe wirklich viel Glück gehabt. Natürlich das war auch Pech im Glück. Zum Beispiel diese Geschichte mit der Abschiebung: Ich war schon deutscher Staatsangehöriger und war in einer Polizeizelle in Wiesbaden, um abgeschoben, ausgewiesen zu werden. Das war ja juristisch unmöglich. Also, einen Deutschen kann man nicht ausweisen, aber das habe ich auch erlebt. Verstehen Sie, wenn ich sage, man wird nie Deutscher?

Burg: In unserer Reihe "Utopie Integration" hier im Radiofeuilleton im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit dem Europapolitiker, politischen Berater und Buchautor Ozan Ceyhun. Herr Ceyhun, Sie schreiben, dass für Sie Integration in Deutschland erst dann erfolgreich ist, wenn ein türkischstämmiger Deutscher Präsident des Bundeskriminalamtes wird. Für wie realistisch halten Sie das?

Ceyhun: Zum Beispiel: Gerade, wenn ich jetzt an diese aktuellen Debatten denke wegen neun Toten, acht Türken und ein Grieche, was man alles so mitkriegt. Natürlich ist es sehr unrealistisch, dass ein Mensch türkischer Herkunft eine Chance hätte, beim Staatsschutz oder Bundeskriminalamt so riesige Karriere zu machen. Aber tatsächlich so: Wenn wir USA unter die Lupe nehmen, dann sehen wir dort genau das, was ich beschreibe. Warum ist es ein Tabu, dass eines Tages Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland türkischer Herkunft ist? Also wenn wir das schaffen, dann brauchen wir wirklich nicht mehr darüber diskutieren oder solche Interviews durchführen.

Burg: Für Sie ist die Politik ein ganz zentraler Punkt, wenn es um Integration geht. Sie sagen aber auch, dass deutsche Politiker ein ganz massives Vertrauensproblem in der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland haben. Warum?

Ceyhun: Ja, weil wir immer die Loyalitätsfrage ganz unglücklich behandeln. Zum Beispiel ich bin todsicher, ich habe lange Zeit in Hessen gearbeitet bei der Landesverwaltung, und ich habe es öfters mit dem Staatsschutz zu tun gehabt und gewissen Herren, manche sind schon Rentner, und ich habe immer bei denen das Gefühl gehabt, ich war der Türke, der Ozan Ceyhun türkischer Herkunft, egal als Verwaltungsangestellter, was für Position hat und was für Aufgaben ausübte und öfters auch manchmal mit Staatsschutzbeamten zu tun hatte – ich habe immer das Gefühl gehabt, ich bin einer, bei dem man kein Vertrauen hatte, einfach, weil ich türkischer Herkunft bin. Also diese Vorurteile bei vielen Beamten, diese Vorurteile bei Menschen bei manchen Behörden kann man nicht so einfach abschaffen. Ich glaube, das ist das Hauptproblem.

Burg: Also es ist noch keine Selbstverständlichkeit geworden, dass türkischstämmige Politiker in der Politik aktiv sind, auch wenn ja zum Beispiel mit Aygül Özkan in Niedersachsen es doch durchaus eine ranghohe Politikerin geschafft hat.

Ceyhun: Ja natürlich, ich bin sehr glücklich, sie kenne ich sehr gut, und ich schätze sie sehr, genauso wie Dilek Kolat in Berlin oder Bilkay in Stuttgart. Es gibt mittlerweile sehr gute Beispiele, aber zum Beispiel Cem Özdemir bei den Grünen hoffe ich, dass er demnächst Minister wird auf Bundesebene, aber trotz allem sind sie auch Beispiele, die noch immer, trotzdem Ausnahmen sind.

Burg: Sie sagen auch, dass bei den Wahlkampfhaushalten häufig gar kein eigenes Budget für die Zielgruppe der neuen Inländer besteht. Was muss sich denn Ihrer Meinung nach im politischen System selber ändern?

Ceyhun: Sagen wir so: Man könnte von Amerikanern sehr viel lernen. Die USA ist dafür für uns ein hervorragendes Vorbild. Und ich habe meine Wahlkämpfe wirklich von Modell-Wahlkämpfen unter Minderheiten in den USA übernommen. Und so habe ich zum Beispiel neue Inländerwahlkämpfe mit der türkischen Sprache gestaltet. Und ich habe irgendwie viele Türken erreicht, indem ich nicht gesagt habe, wählt bitte unseren Bundeskanzler Gerhard Schröder, ich habe gesagt, wählt bitte unseren Baschbakan Gerhard Schröder. Also, Baschbakan heißt auf türkisch zum Beispiel Ministerpräsident oder Bundeskanzler.

Und auf einmal war alles viel sympathischer für sie. Sie konnten mit dem Begriff Ministerpräsident, Bundeskanzler genauso sehr viel anfangen, aber einfach mal mit ihrer Muttersprache, Begriff Baschbakan ihnen anzubieten, war schon eine sympathische Angelegenheit und haben mir ihre Herzen gewonnen. Und gerade in diesem Bereich müssten die Bundesparteien weniger Sonntagsreden halten, mehr in der Praxis solche Einsätze anbieten.

Burg: "Man wird nie Deutscher", so heißt das neue Buch, das der Europapolitiker, politische Berater und Buchautor Ozan Ceyhun geschrieben hat. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Ceyhun!

Ceyhun: Gerne. Ich bedanke mich auch!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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