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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.01.2008

In der Lyrik zu Hause

Zum 20. Todestag von Rose Ausländer

Von Joachim V. Hildebrandt

Füllfederhalter (Stock.XCHNG / Christy Thompson)
Füllfederhalter (Stock.XCHNG / Christy Thompson)

Vor 20 Jahren, am 3. Januar 1988, starb Rose Ausländer. Sie überstand die Jahre zwischen 1941 und 1944 im Ghetto ihrer Heimatstadt Czernowitz, wanderte 1946 in die USA aus, kehrte 1964 nach Europa zurück und lebte im Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Für ihr lyrisches Schaffen erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und Preise.

"Ein Tag im Exil
Haus ohne Türen und Fenster,
auf weißen Tafeln mit Kohle verzeichnet die Zeit,
im Kasten sterbe ich in Masken.
Adam, Abraham, Ahasver.
Wer kennt alle Namen?
Ein Tag im Exil, wo die Stunden sich bücken,
um aus dem Keller ins Zimmer zu kommen.
Schatten versammelt ums Öllicht im ewigen Lämpchen
erzählen ihre Geschichte mit zehn finsteren Fingern
die Wände entlang."

Als die Jüdin Rose Ausländer 1901 geboren wird, ist Czernowitz die Hauptstadt des einstigen habsburgischen Kronlandes Bukowina. Paul Celan sagte, es sei eine Gegend gewesen, in der "Menschen und Bücher lebten." Rose Ausländer beschrieb ihre Heimatstadt so:

"Östliches Kulturzentrum und seit 1875 Universitätsstadt, aber eine lebhafte Industrie- und Handelsstadt, wirtschaftliches Zentrum eines großen Einzugsgebietes, das nicht nur die ganze Bukowina, sondern auch noch Bessarabien und den nördlichen Teil der Moldau umfasste. Man las viel, nicht nur Zeitungen, Zeitschriften, Sekundärliteratur und Unterhaltungslektüre, sondern gute, beste Literatur. Man diskutierte mit Feuereifer, musizierte und sang. Das Stadttheater war immer gut besucht, bei Gastspielen ausverkauft."

1920 stirbt der Vater. Die Mutter überredet Rose Ausländer zur Emigration in die USA, aus Angst, die Familie nicht mehr ernähren zu können. Der noch nicht einmal 20-Jährigen fällt der Abschied schwer. Sie fühlt sich entwurzelt. Ihr Freund aus Czernowitz, Ignatz Ausländer, begleitet sie auf der Reise. Erste Gedichte entstehen, aber sie mag Amerika nicht. Die gestutzten Rasenflächen vor den Einfamilienhäusern, die Wolkenkratzer, der unmenschliche Arbeitsrhythmus, all das ist ihr zuwider. Sie spricht von "rasierten Seelen" und beschwört die Bukowina herauf, insbesondere Czernowitz, das "Babylon des südöstlichen Europa" oder "Jerusalem am Pruth", oder wie immer die verschiedenen phantasievollen Umschreibungen lauten. In Czernowitz lebten unterschiedliche Nationalitäten und "jeden Tag (sei) ein halbes Dutzend Sprachen zu hören" gewesen. Es war eine Symbiose aus der germanischen, romanischen, slawischen und der jüdischen Kultur.

"Der Spiegelkarpfen
in Pfeffer gesulzt
schwieg in fünf Sprachen"

Beider Einsamkeit bestimmt die Heirat Rose Ausländers mit ihrem Freund Ignatz. Als das Heimweh allzu groß wird, kehren sie 1926 nach Czernowitz zurück. Hier trifft Rose Ausländer all jene wieder, die Gegenstand ihrer Gedichte geworden sind.

"Nun, Wirklichkeit fasse ich nicht so auf. Die so genannte Wirklichkeit gibt es ja eigentlich nicht. Es gibt, was ich unter Leben verstehe, als Ganzes. Das steht dahinter: das Leben. Hinter dem Wort Wirklichkeit steht, meine ich, das Wort Leben."

Rose Ausländer findet zum Wort, dem Gedicht, der Poesie, nicht nur um die Kunst zu feiern oder die Schönheit, sondern weil das Leben ihr so zugesetzt hat und sie das Erlebte mit dem Wort, dem Gedicht zum Ausdruck bringen kann. Sie bereitet ihren ersten Gedichtband vor, der unter dem Titel "Regenbogen" erscheinen soll. Zurückgekehrt in die Bukowina, ist sie mit ihrem weltgewandten Auftreten, ihrem geistreichen Gesprächsstil, den eleganten Hüten, eine gefragte Person unter den Czernowitzer Literaturfreunden geworden. Doch inzwischen hat sich die Situation in ihrer Heimatstadt dramatisch verändert.

"In Czernowitz ansässig, hatte ich unter der Judenverfolgung, die im Sommer 1941 begonnen hat, sehr zu leiden. Ich wurde zu überaus schweren Zwangsarbeiten herangezogen, oft und schwer misshandelt. Ich lebte in namenlosem Elend und in Angst vor meinem weiteren Schicksal und der immer wieder angedrohten Deportation nach Transnistrien."

Transnistrien, zwischen Dnister und Bug, mit Odessa als bedeutendster Stadt wurde 1941 von Deutschen und Rumänen erobert und unter rumänische Verwaltung gestellt. Dorthin deportierten Wehrmachtseinheiten Zehntausende Juden zur massenhaften Vernichtung. Rose Ausländer kann diesem Schicksal entgehen. Was in jener Zeit an Gedichten entsteht, hat etwas Fragmentarisches und drückt die Zerrissenheit ihrer Gefühle aus.

1946 folgt sie einer Einladung in die USA. Sie ist inzwischen Mitte vierzig. Ende der 50er Jahre wechselt sie wieder in die "alte Welt" zurück. Sie entschließt sich zu einer großen Europareise. In Paris trifft sie Paul Celan, der ihre Gedichte aus den 40er Jahren als zu konventionell kritisiert. Durch ihn lernt sie Autoren der europäischen Moderne kennen. Ihre Gedichte bekommen eine neue Schärfe. Sie verzichtet auf die gereimte Form, und in ihrer Stimme schwingt die Trauer über die verlorene Welt der Bukowina mit. Literarisch beeinflusst fühlt sie sich vor allem von der deutschsprachigen Literatur.

"Nun, ich beginne gleich mit Goethe. Ich nenne vor allem Lyriker: Hölderlin, Else Lasker-Schüler, die halte ich für die wichtigste deutsche Dichterin. Kafka, mir auch sehr wichtig. Dann Nelly Sachs. Paul Celan, ebenfalls wichtig."

1964 entschließt sich Rose Ausländer endgültig zur Rückkehr nach Europa. Die Sprache ihrer Gedichte ist Deutsch. Ein Lyrikband, erschienen in einem kleinen Verlag in Österreich, hat einige Kritiker auf sie aufmerksam gemacht. Man beginnt sich für die jüdische Dichterin aus Czernowitz zu interessieren.

"Warum ich schreibe? Weil ich, meine Identität suchend, mit mir deutlich spreche auf dem wortlosen Bogen. Er spannt mich. Ich bin gespannt auf die Wörter, die zu mir kommen wollen. Ich rede mit ihnen zu mir, zu dir, rede dir zu, mich anzuhören. Die Welt stellt mir hinterlistige Fragen. Geheimschriftlich blättert sich mein Leben ab. Blatt für Blatt. Jahre, die sich Verse auf das undurchdringliche Woher? Wohin? machen. Ich lege Rechenschaft ab. Über mich, meine Umgebung, Zustände, Zusammenhänge."

In ihren letzten Jahren lebt Rose Ausländer zurückgezogen in Düsseldorf. 2500 Gedichte hat sie mittlerweile geschrieben. In der Sprache der Lyrik fühlt sich Rose Ausländer zu Hause. Im Wort, das von ihrem Mutterland Bukowina und von Czernowitz kündet.

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