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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.09.2009

In der Diaspora

Abraham B. Jehoschua: "Freundesfeuer", Piper Verlag 2009,

Jirmi denkt nicht daran, nach Israel zurückzukehren. (AP)
Jirmi denkt nicht daran, nach Israel zurückzukehren. (AP)

Das Werk des 1936 geborenen Abraham B. Jehoschua ist fast vollständig ins Deutsche übersetzt worden. Die unbedingte Treue zu "Eretz Israel" grundiert all seine Romane. Jehoschua ist – anders als manche seiner Romanfiguren – kein "pragmatischer Zionist", und so lässt er in seinen Romanen die unsteten "Diaspora-Juden" immer wieder scheitern.

Er streift die Anfänge des Zionismus, die Shoa, die Wirklichkeit in den Kibbuzim, die Kriege, die Israel führte ebenso wie den Missstand der über 40 Jahre währenden Besatzung. In seinem neuen tragikomischen Roman flieht ein älterer Israeli vor der kummervollen persönlichen Geschichte wie der desolaten Lage im Nahen Osten nach Afrika.

Jirmi hat seine Tätigkeit als israelischer Diplomat in Tansania aus Altersgründen längst aufgegeben, doch denkt er mitnichten daran, nach Israel zurückzukehren. Er schätzt es, in einem Land und auf einem Kontinent zu leben, "wo man den prähistorischen Affen sucht, der nicht ahnte, dass seinen Lenden eines Tages auch Juden entspringen würden". In Afrika, wo weder Fliesen noch Grabmäler noch Synagogen an Exil und Diaspora erinnern, schält Jirmi seine Identität ab, und selbst für seinen Namen hat er nur Spott übrig. Jirmi ist die Kurzform für Jeremias. Den Propheten hält er für eine "nervenzermürbende Gestalt, einen verbitterten Typen und billigen Strategen".

Abraham B. Jehoschuas Roman "Freundesfeuer" wird im hebräischen Untertitel als Duett bezeichnet. Angestimmt wird das Duett von Jirmis Schwager Amotz Jaari, einem 60-jährigen Bauingenieur, und seiner Schwägerin Daniela. Jirmis Frau Shuli ist in Afrika verstorben und Daniela will zur ersten "Jahrzeit" in Afrika um die Schwester trauern und Jirmi zur Rückkehr nach Israel bewegen.

Der Roman ist durch eine strenge Zweiteilung der Stimmen strukturiert. Die Handlungszeit hat der Autor auf jene acht Tage begrenzt, während der das Weihefest Chanukka gefeiert wird. Sieben Tage verbringt Daniela in Afrika. Am achten Tag kehrt sie zum Anzünden der letzten Chanukka-Kerze nach Tel Aviv zurück.

Während Daniela es mehr und mehr als persönliche Befreiung empfindet, sich dem Fremden auszusetzen und dem Alltag einer fürsorglichen Ehefrau zu entkommen, wird von ihrem zu Hause gebliebenen Ehemann absolute Präsenz gefordert: Sein pflegebedürftiger greiser Vater erteilt ihm einen speziellen Auftrag; Amotz sorgt sich um seinen zum Reservedienst eingezogenen Sohn; er hält die Kaprizen des launischen Schwiegervaters aus und zündet Chanukka-Kerzen mit den zwei verwöhnten Enkelkindern an. Außerdem muss er als Liftkonstrukteur hartnäckige Bewohner eines Wohnhauses beschwichtigen, die sich von rätselhaften Windgeräuschen über die Maßen belästigt fühlen.

Die treibende Kraft von Wind und Feuer zieht sich motivisch durch den ganzen Roman. Neben dem rituellen Anzünden des Chanukka-Lichtes benutzt Jehoschua das Bild des flackernden, lodernden Feuers, um die erotischen Schwingungen zwischen Amotz und Daniela, zwischen Daniela und dem Schwager Jirmi sowie zwischen Amotz' Vater und dessen heimlicher ehemaligen Geliebten zu beschreiben. Mehr als alle anderen Bilder aber entpuppt sich das titelgebende Wort "Freundesfeuer" als Angelpunkt für das Romangeschehen. Es ist ein tröstend gemeinter, indes grausiger Euphemismus für den Tod von Soldaten, die versehentlich durch Kugeln der eigenen Armee sterben.

Erst nach mehreren Kapiteln erfahren wir, dass Jirmi und Shulis Sohn bei einem Einsatz im Westjordanland durch Feuer der eigenen Truppe umgekommen ist. Beiläufig vermittelt Jehoschua, wie das Militär mit solch tragischen Unfällen umgeht. Es hilft Verwandten bei der Aufklärung der Todesumstände nur, wenn diese hartnäckig danach forschen, denn generell gilt, dass kein einzelner Soldat belastet werden soll. Kameraden des Getöteten besuchen die Hinterbliebenen regelmäßig. Sie werden üblicherweise selbst zu Familienfeiern eingeladen, und gerade das macht für viele – auf jeden Fall für Jirmi und Shuli - den Verlust des einziges Kindes umso unerträglicher. Die Eltern getöteter Soldaten, weiß Abraham B. Jehoschua, "stehen in einer anderen Zeitordnung".

Neben der Frage, wie Eltern nach dem Tod eines Kindes weiterleben, kreist der Roman "Freundesfeuer" um Totenrituale und deren kultureller Wert. Wie in den Romanen "Die fünf Jahreszeiten des Molcho", "Der Liebhaber", "Später Scheidung" oder "Die fremde Braut", zeigt sich, dass die Stärke des Erzählers Abraham B. Jehoschua in der psychologisch subtilen Beschreibung familiärer Bindungsgeflechte liegt. "Freundesfeuer" ist auch ein höchst amüsanter, ironisch-humorvoller Familienroman.

Bisweilen hat man den Eindruck, dass der Autor sich in der Figur des Amotz Jaari selbst porträtiert hat. Amotz weiß um sein paternalistisches Kontrollbedürfnis. Er braucht stets klare Ziele und ist ein Pragmatiker, der im Gespräch schnell herausfinden muss, welche Lebensziele sein Gegenüber verfolgt. Dass Israelis – wie die Figur Jirmi - nach einem Ort suchen, an dem sie nur Mensch sein und ihre religiöse Bindung vergessen können, empfindet Jehoschua als Provokation. Die Diaspora ist ihm ein einziges Schreckensbild. Juden, die außerhalb Israels leben, brandmarkt er leichthin als neurotische Selbsthasser. Mit anderen Schriftstellern hat er über diese Frage schon oft und öffentlich gestritten. Gleichwohl scheint ihn die Idee fasziniert zu haben, dass sich wohlmöglich einzig in Schwarzafrika niemand dafür interessiert, wie Israelis ihren Glauben leben oder ob sie überhaupt einen haben.

Eine der berührendsten Szenen ist Jehoschua gelungen, als er Amotz' greisen Vater nach langen Jahren die einstige heimliche Geliebte wiedersehen lässt. Der Sohn begleitet den Alten, der seine Krankheit nicht mehr verbergen kann, nach Jerusalem. Im Aufschrei des Vaters beim Anblick der verblühten einstig Geliebten, erkennt der Sohn "einen Vulkanausbruch großer Freiheit". Es sind diese Beobachtungen, die einen ganz und gar einnehmen für die literarischen Fiktionen eines lebenserfahrenen Erzählers.

Besprochen von Sigrid Brinkmann

Abraham B. Jehoschua: Freundesfeuer
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama
Piper Verlag, München 2009
480 Seiten, 22,95 Euro

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