Montag, 1. September 2014MESZ20:58 Uhr

Buchkritik

Zweiter WeltkriegKriegsinferno ganz nah
Der Autor und Historiker Antony Beevor, aufgenommen 2010 in Helsinki.

Mit dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen begann vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. Der Historiker Antony Beevor entwirft in seinem 1000-Seiten-Buch nun ein gewaltiges Panorama jener Zeit - das mit seiner Wucht ebenso beeindruckt wie mit seiner Akribie.Mehr

RomanRobinsonade auf Hiddensee
Lutz Seiler, deutscher Schriftsteller, Ingeborg-Bachmann-Preistraeger 2007. Aufgenommen am 08.10.2010 in Frankfurt

Inselabenteuer in der Ostsee, die Geschichte einer ungewöhnlichen Freundschaft. Das lang erwartete Romandebüt "Kruso" von Lutz Seiler ist eine grandiose sprachliche Exkursion in das ungesicherte Gelände verschiedener Zeitschichten.Mehr

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Der österreichische Staatsmann versuchte durch Kongreßdiplomatie, die vorrevolutionäre politische und soziale Ordnung in Europa wiederherzustellen. Er bekämpfte alle liberalen und revolutionären Bewegungen. Klemens Wenzel Fürst von Metternich wurde am 15. Mai 1773 in Koblenz geboren und ist am 11. Juni 1859 in Wien gestorben. Die zeitgenössische Darstellung zeigt stehend (l-r): Wellington, Lobo da Silveira, Saldanha da Gama, Löwenhjelm, Noailles, Metternich, La Tour du Pin, Nesselrode, Dalberg, Rasumofsky, Stewart, Clancarty, Wacken, Gentz, Humbold, Cathcart sowie sitzend (l-r): Hardenberg, Palmella, Castlereagh, Wessenberg, Labrador, Talleyrand und Stackelberg.

Prunkvolle Empfänge, exklusive Soiréen, informelle Gespräche. Die Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch stellt spannend und detailliert dar, wie gebildete und kluge Frauen vor 200 Jahren den Wiener Kongress beeinflussten.Mehr

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Literatur

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Der Mailänder Dom

Als patriotisch gesinnter Student aus Mailand zieht Carlo Emilio Gadda 1914 in den Krieg und wird Schriftsteller. Erstmals erscheinen nun seine Kriegserinnerungen in Deutschland.Mehr

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.07.2012

In den Tiefen der Sprache tauchen

Barbara Köhler: "Neufundland - Schriften, teils bestimmt", Edition Korrespondenzen, Wien 2012, 257 Seiten

Barbara Köhler versammelt in "Neufundland" verschiedene Genres, aber immer geht es um Poesie.
Barbara Köhler versammelt in "Neufundland" verschiedene Genres, aber immer geht es um Poesie. (Stock.XCHNG - Daniel Wildman)

In ihrem neuen Werk geht Barbara Köhler dem, was wir Sprache nennen, auf den Grund. Köhler fragt nach den Ursprüngen gängiger Wörter wie Phrasen. Sie enthüllt dabei ganz Erstaunliches - nicht ohne Komik und mit einer lustvoll-lehrreichen Dimension.

Barbara Köhler (geboren 1959) folgt als Poetin und Multimediakünstlerin gern dem Prinzip des Minimalismus. So fabelt sie lieber "von zwei bis drei Wörtern" als ganze "Märchen in Prosa" zu erzählen. Lyrik ist für sie eine Kunstform, die sich in der Spannung "kürzester Wege" wie "größter Distanzen" von Wort zu Wort entwickelt. Um diese Sprach- wie Denkräume ausloten zu können, bedarf es einer genauen Betrachtung des sprachlichen Materials. Seit ihren vielfach ausgezeichneten Gedichtbänden "Deutsches Roulette" (1991) und "Blue Box" (1995) kann der Leser an diesem Vorgang teilnehmen.

In ihren nun vorliegenden Schriften, die aus den Jahren 2004 bis 2010 stammen, geht sie dem, was wir Sprache nennen, erneut auf den Grund. Köhler fragt nach den Ursprüngen gängiger Wörter wie Phrasen und enthüllt dabei ganz Erstaunliches, das nicht der Komik entbehrt und stets eine lustvoll-lehrreiche Dimension in sich trägt.

Denn wer hat schon über das Märchen vom "HASE & IGEL" als ein grammatisches Abenteuer nachgedacht. Barbara Köhler schon. Für sie beginnt das Dilemma bereits bei der Frage, wie viele Akteure hier eigentlich gegeneinander antreten. "HASE ist ja eine Einzahl, ist einer, ein ER... Von IGEL hingegen ist – solange ohne Artikel – nicht klar, ob Plural oder Singular": "IGEL ist zahllos". Aus dem märchenhaften Wettlauf zwischen Ackerfurchen wird bei Köhler eine Hasengrammatik mit philosophischen Denkschlenkern.

In "Berliner Zimmer" wird der gleichnamige Raum zum Terrain der Erinnerung. Da sich das Fenster stets in der Ecke des Raumes befindet, gelangen weder Tageslicht noch Nachbarblicke hinein. In dieser Struktur begreift Köhler das Berliner Zimmer als eine "obskure Kammer". Wobei das Moment des Unverständlichen, das im Wort "obskur" enthalten ist, sie an das Zimmer des Vaters in Franz Kafkas Erzählung "Das Urteil" erinnert, wo eine "hohe Mauer" bedrohliche Schatten wirft. Nun kann anhand der architektonischen Besonderheit die finstere Seite in der Geschichte Berlins erinnert werden.

Barbara Köhlers Schriften sind souverän und autark. Sie leistet niemandem literarische Dienste. Was darunter zu verstehen ist, davon war schon in "Niemands Frau" (2007) zu lesen, wo Homers "Odyssee" aus der Perspektive Penelopes, Odysseus’ Frau, erfahren wird. Köhler nistet sich in die Lücken der Wörter ein. Mit ihrer Kunstform schafft sie Differenzen dort, wo im Material selbst Unstimmigkeiten herrschen. Es ist ein Vorgang des Bewusstwerdens, bei dem es immer auch um das Geschichtliche im Wortmaterial geht. In ihren Texten zu Mechthild von Magdeburg und in den Übersetzungen Gertrude Steins (1874-1946) und Elizabeth Bishops (1911-1979) wendet sie dieses geheime, da unter der Oberfläche der Sprache verborgene Wissen, an.

Dass wir vom Dialogischen in Köhlers Sprechen aufs Feinste inspiriert werden und dabei den "boden unter den füssen" verlieren, um ihn an anderem Ort neu zu finden, macht den intellektuellen Reiz der Schriftstücke aus. Sind wir doch selbst "grenzfälle des raumes" und damit im buchstäblichen Sinn für den Fall und somit für Veränderung vorprogrammiert.

Besprochen von Carola Wiemers

Barbara Köhler: Neufundland - Schriften, teils bestimmt
Edition Korrespondenzen, Wien 2012
257 Seiten, mit CD, 24 Euro