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Fazit / Archiv | Beitrag vom 18.10.2007

In alter Würde und neuem Glanz

Anna Amalia Bibliothek vor der Wiedereröffnung

Von Ulrike Greim

Der sanierte Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (AP)
Der sanierte Rokokosaal der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar (AP)

Am kommenden Mittwoch wird in Weimar feierlich die Anna Amalia Bibliothek wieder eingeweiht. Im September 2004 stand ihr Dachstuhl in hellen Flammen, 50.000 Bücher wurden unwiederbringlich zerstört, 63.000 schwer beschädigt. In den vergangenen drei Jahren wurden viele Bücher restauriert und die wunderbare Bibliothek wiederhergestellt.

"Für mich ist dieser Tag wie das Aufwachen aus einem schrecklichen Albtraum, heller Tag nach der schwärzesten Nacht."

Michael Knoche, der Direktor der Herzoglichen Anna Amalia Bibliothek in Weimar, ist der Mann, der die Lutherbibel aus den Flammen gerettet hat.

"Die Bibliothek steht plötzlich wieder da in alter Würde und neuem Glanz, so, wie ich mir das in den 90er Jahren immer vorgestellt hatte."

Seit den 90er Jahren, so betont es Michael Knoche, hat sich die Klassikstiftung Weimar um eine Sanierung und Erweiterung der Bibliothek bemüht. Es hätte gut gehen können, wenn nicht dieser schicksalhafte Brand kurz vor Fertigstellung des neuen Magazins gekommen wäre. Nach aber einer langen Zeit der Erschütterung überwiegt nun sichtbar die Erleichterung und Freude. Der Direktor spricht allen Mitarbeitern, den Helfern, allen Sponsoren und vor den 22.000 privaten Spendern seinen Dank aus.

"Es ist, als ob das Feuer am 2. September 2004 nicht nur vieles zerstört hätte, sondern auch große Energien freigesetzt hätte - den Geist von Weimar."

20,8 Millionen Euro Spenden sind seitdem eingegangen. Es sind große Summen, wie die fünf Millionen von der Vodafone-Stiftung, aber auch kleine Spenden von Weimarer Schülern und Nordthüringer Müllmännern. Der Direktor weiß sich von einer Welle der Anteilnahme und Sympathie getragen. Dies ist nun der Anlass, das Ergebnis stolz zu präsentieren.

"Mit der Wiedereröffnung des historischen Gebäudes kehrt die Herzogin Anna Amalia Bibliothek zurück in den Kreis der Forschungsbibliotheken. Sie ist jetzt baulich und organisatorisch so geordnet, dass sie ihre angestammte Rolle wieder spielen kann wie in ihrer Blütezeit um 1800."

Der große Pressetross wird eingeladen, zu sehen, was nun geworden ist. Von außen strahlt das historische Gebäude bereits edel in dezent rötlichem Ocker und Neapelgelb. Innen arbeiten noch die Handwerker. Wer in das Herzstück des Hauses will, muss sich Plastikfüßlinge über die Schuhe stülpen - alles ist neu, auch der Fußboden. Innen, im Rokokosaal riecht es nach Farbe. Aber auch der leichte muffelige Geruch der alten Bücher ist zurück. Der Saal, bekannt in Gold und Altweiß blüht in zart sphärischem Blau.

"Die Bibliothek war ursprünglich blau,"

sagt Architekt Walther Grunwald.

"weil es ein Weiß gar nicht gab, hat man das Weiß sehr stark mit einem Naturfarbstoff - Waid - bläulich gemacht. Warum? Weil Kalkfarbe nie weiß ist. Weiß ist eine ganz moderne Farbe. Es ist immer der Ton des jeweiligen Kalkbruches. Und man wollte unbedingt einen starken Kontrast zu dem Gold haben."

Der sakrale Charakter des Saales ist wiederhergestellt, sagt Klassikstiftungspräsident Hellmut Seemann: Durch die Emporen erinnert er an eine Kirche, die Bilder wirken wie Heiligenbilder, an der Stirnseite gibt Herzog Carl August seinen Segen. In der unteren Etage des Saales stehen fast alle originalen Bücher wieder an ihrem Platz. In der ersten Galerie gibt es viele Lücken in den Bücherregalen, hier haben Feuer und Löschwasser großen Schaden angerichtet. Durch das reich verzierte Deckenauge schaut man, den Kopf im Nacken, wie gehabt, zwei Etagen hoch in das Dachgeschoss, das völlig zerstört war. Hier oben gab es nach dem Brand kein Dach mehr, hier war freier Himmel. Nach außen hin wurde das Dachgeschoss wieder originalgetreu aufgebaut, innen ist es neu konzipiert und wird modern ausgestattet als Sonderlesesaal.

"Sie sehen in der Mitte diese berühmte, vielfach fotografierte, ovale Balustrade. Dort haben wir einen Teil der originalen Situation nach dem Brand erhalten und haben es im Übrigen behutsam restauriert, so dass es von unten so aussieht, als ob die Balustrade der historische Zustand sei, und oben sieht jeder auf den ersten Blick, dass es eine furchtbare Katastrophe gegeben haben muss. Insofern ist das hier auch eine Art Mahnmal für das, was hier tatsächlich passiert ist."

Die Klassikstiftung wappnet sich nun für einen Besucheransturm. Auch wenn sie gleich bremsen muss. Direktor und Präsident sagen, dass der Publikumsbetrieb erst langsam anfangen wird, voraussichtlich ab Dezember, und dann auch nur begrenzt. Doch mit der Eröffnung nächsten Mittwoch ist ein Meilenstein gesetzt. Die Bibliothek ist ein Eckstein in der Klassikstiftung geworden. Inhaltlich ist sie dies schon immer, aber spätestens seit dem Brand ist sie das auch in der öffentlichen Wahrnehmung.

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