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Fazit / Archiv | Beitrag vom 29.12.2010

"Immer Drama um Tamara"

Film-Farce von Stephen Frears

Von Hans-Ulrich Pönack

Der britische Filmregisseur Stephen Frears besucht das süditalienische Ischia Global Film & Music Fest. (AP)
Der britische Filmregisseur Stephen Frears besucht das süditalienische Ischia Global Film & Music Fest. (AP)

Eine Großstadtpflanze bringt in "Immer Drama um Tamara" von Stephen Frears mit einem raffinierten Manipulations-Feldzug ihren früheren Heimatort in Unordnung. Die beschwingte Film-Farce ist mit pointiertem britischem Humor gespickt.

"Immer Drama um Tamara" von Stephen Frears (GB 2009; 111 Minuten): Selbst ein nicht so doller, etwas kraftloser neuer Film von Stephen Frears - Originaltitel: "Tamara Drewe" - ist immer noch anschauenswerter als so viele neue "bunte Simpelfilmchen" drumherum. Der am 20. Juni 1941 in Leicester/GB geborene Sohn einer Sozialarbeiterin und eines Physikers hat sich nie festgelegt/festlegen lassen und zählt gerade wegen seiner thematischen Genre-Vielfalt zu den spannendsten Filmemachern der Gegenwart.

Der mit den schwarzhumorigen Sozialdramen "Mein wunderbarer Waschsalon" (1985) und "Samy und Rosie tun es" (1987) einst erfolgreich seine Karriere startete; um dann mit dem Kostüm-Krimi "Gefährliche Liebschaften" (1988, mit Michelle Pfeiffer, John Malkovich und Glenn Close)), dem Hollywoodausflug "Ein ganz normaler Held" (1992, mit Dustin Hoffman), der Horror-Show "Mary Reilly" (1996, mit Julia Roberts), dem Neo-Western "The Hi-Lo Country" (1998, mit Woody Harrelson), der Nick-Hornby-Adaption "High Fidelity" (2000, mit John Cusack) sowie den Historien-Knallern "Lady Henderson präsentiert" (2005, mit Judi Dench) und "Cheri – Eine Komödie der Eitelkeiten" (2009, mit Michelle Pfeiffer) sich auf vielen verschiedenen Spiel- und Denkfeldern zu bewegen. Nicht zu vergessen sein Großerfolg "The Queen" von 2008, in dem die wunderbare Helen Mirren triumphierte und mit dem "Oscar" belohnt wurde.

Für seinen neuen Film adaptierten Frears und seine Drehbuch-Autorin Moira Buffini den Comic-Roman "Tamara Drewe" der britischen Karikaturistin und Schriftstellerin Possy Simmonds aus dem Jahr 2007. Der basiert auf ihren gleichnamigen Cartoons von 2005/2006, die in einer wöchentlichen Beilage für die britische Tageszeitung "The Guardian" erschienen und sich lose an Thomas Hardy´s vierten Roman "Weit entfernt von der Hektik des Alltags" von 1874, seinem ersten großen literarischen Erfolg, orientieren.

Spielort: Das Dorf Ewedown in der englischen Grafschaft Dorset. Ein Provinznest, in dem sich mehr oder weniger feine Pinkels eitel tummeln. Angesagt ist das Stück "Der Besuch der jungen Dame". Die heißt Tamara und war hier früher die Außenseiterin. Wurde als "die Hässliche" gerne gehänselt. Jetzt ist sie - mit reparierter Nase - zurückgekommen, um das Haus ihrer verstorbenen Mutter erst zu renovieren und dann profitabel zu verscherbeln.

Tamara ist als erfolgreiche Kolumnistin nunmehr nicht nur (sehr) attraktiv, sondern auch selbstbewusst. Und verdreht im Handumdrehen, mit ihrer Hotpants-Wackelei, den "angepiksten" Kerlen hier den Hormon-Haushalt. Den älteren Semestern genauso wie einigen jugendlichen Draufgängern. Die Folge(n): Ein chaotischer, verlogener Episoden-Wirbel der Emotionen, in dem auch zwei fantasievolle weibliche Halbwüchsige perfide mitmischen, die sich täglich an der Bushaltestelle treffen, um sich erbärmlich zu langweile.

Bis auch ihre Chance zu handfesten, intriganten dörflichen Irritationen und Rangeleien kommt. Ein nettes Dorf-Völkchen, in dem ein blöder, aber erfolgreicher wie geiler Krimi-Schürzenjäger-Autor ebenso strippenziehend herumeiert wie ein angesagter, potenter Punk-Rocker-Drummer.

Eine Großstadtpflanze und ihr raffinierter Manipulations-Feldzug auf altem Trauma-Terrain. Einst verhöhnt, jetzt begehrt und gefürchtet. Je nach individueller Sichtweise. Thema: Pointierte Lügen-Triebe. Frivol wie stets zweideutig mit vorhersehbarem schwarzen Boulevard-Charme. Will sagen: Stephen Frears liefert hier keine sonderlich große Filmnummer ab, sondern eine solide, provokant-gemütliche Farce von schönem ländlichem Briten-Humor. In einem überschaubaren "Feingeist-Kosmos" mit unterschiedlichen IQ-Bewegungen. Angeführt von dem Sexy-Biest Gemma Arterton, 2008 als Bond-Girl in dem 007-Thriller "Ein Quantum Trost" angemessen aufgefallen und hier als Titel-schöne flott-kess dominierend.

"Immer Drama um Tamara" ist ein beschwingtes Schräg-Movie, bzw. umgekehrt. "Immer Drama um Tamara" oder - manchmal lohnen sich Schönheits-OPs doch ... oder so ...

Großbritannien 2010, Originaltitel: Tamara Drewe, Regie: Stephen Frears, Darsteller: Gemma Arterton, Roger Allam, Bill Camp, Dominic Cooper, Luke Evans, Tamsin Greig, Charlotte Christie, Jessica Barden, John Bett, Josie Taylor, ab 12 Jahren, 111 Minuten

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