25. September 2016

 

Kompressor 24.08.2015

Imagefilm der Stadt HeidenauWie klaffen Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander?Wolfgang Kaschuba im Gespräch mit Christine Watty

Demonstranten tragen in Heidenau ein Plakat mit der Aufschrift: "Asylflut stoppen!" (picture alliance / dpa / Marko Förster)Menschen protestierten in Heidenau gegen die Unterbringung von Asylbewerbern in einem ehemaligen Baumarkt; Aufnahme vom 21. August 2015 (picture alliance / dpa / Marko Förster)

Spott und Häme in den sozialen Netzwerken über ein Imagevideo aus Heidenau von 2012: "Na komm, tritt ein, du bist willkommen, setz dich zu uns, krieg das Zuhausgefühl." Wie passt dieses Selbstbild zu den rassistischen Ausschreitungen gegen Flüchtlinge im Ort?

2012 war im sächsischen Heidenau die Welt zumindest noch so in Ordnung, dass das Städtchen von engagierten Bürgern seinen eigenen Soundtrack-Titelsong bekam. 

Das dazugehörige Video zum Song rund um das "Zuhaus"-Gefühl in Heidenau macht nun im Netz die Runde. Als bitterer Beweis dafür, wie sehr Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinander klaffen können.

Heidenau ist derzeit der Ort, der mit für die dramatischsten Schlagzeilen in Sachen Ausländerfeindlichkeit und Rechtsextremismus sorgt: Hunderte Menschen versammelten sich am Wochenende dort, und randalierten vor einer Notunterkunft für Flüchtlinge, lieferten sich Auseinandersetzung mit Polizei und linken Gruppen. Das Zuhaus-Gefühl, 2012 gesungen, war so sicher nicht gemeint.

"Kleinere Gemeinden sich anfällig für ein Wir-Gefühl"

Die Probleme in Heidenau hätten auch mit dem besonderen Lebensgefühl der Kleinstädte und Dörfer zu tun, meint dazu Wolfgang Kaschuba. Er ist Direktor des Berliner Instituts für Migrationsforschung an der Humboldt-Uni Berlin.

"Wir wissen ja aus der Geschichte wie aus der Gegenwart, das gerade kleinere Gemeinden durchaus anfällig sind für ein Wir-Gefühl, das sich gegen ein 'Die' richtet – und 'Die' sind immer die anderen, die anders aussehen, einen anderen Glauben haben oder eben zugewandert sind in eine Gesellschaft, die sich als Gemeinschaft versteht."

Dörfer waren bis vor 100 Jahren durch Bauern und Handwerker geprägt, erläuterte Kaschuba – "und die Äcker und die Handwerksbetriebe ließen sich nicht vermehren (...), also man musste im Grunde genommen Fremde auch abhalten, um überleben zu können".

"Jeder weiß was von jedem und jeder kontrolliert jeden"

Bis heute gebe es in kleinen Gemeinden wenig Heterogenität. Willkommen seien dort vor allem Menschen, die einem gleich oder ähnlich seien.

"Gerade in den kleinen Gemeinden, die wir dann  Face-to-Face-Gesellschaften nennen – kennt jeder jeden. Das heißt aber auch: Jeder weiß was von jedem und jeder kontrolliert jeden."

Mit dem Neuen tue man sich schwer. Und da reiche dann schon das von den Nazis gegebene Stichwort "Heimatverteidigung", um die Leute in Aufruhr zu versetzen. Auch beobachte man "kritische Gegenkräfte" in dörflichen und kleinstädtischen Kontexten seltener,

"weil jeder Konflikt in einer kleinen Gemeinschaft natürlich einen Riss durch die Gemeinschaft zieht, deswegen traut sich ja auch manchmal keiner, dagegen anzutreten".

Man müsse daher darüber nachdenken, ob Flüchtlinge im urbanen Umfeld nicht besser aufgehoben seien. Dort gebe es auch mehr Angebote und Arbeitsmöglichkeiten.

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