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"Im Zölibat der DDR-Existenz"

Der aus Jena stammende Schriftsteller Lutz Rathenow berichtet über literarische Netzwerke in der DDR

Lutz Rathenow nach seiner Wahl zum neuen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Sachsen
Lutz Rathenow nach seiner Wahl zum neuen Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen in Sachsen (picture alliance / dpa / Matthias Hiekel)

"Schriftverwirklichungsgesellschaft DDR" - unter diesem Titel wurde am Dienstag in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur diskutiert, welchen Spielraum DDR-Schriftsteller überhaupt hatten. Zu Forschungszwecken übergab einer der Teilnehmer, Lutz Rathenow, der Stiftung sein Privatarchiv.

Lutz Rathenow hat mit der Zensur in der DDR und der Staatssicherheit sehr unangenehme Erfahrungen gemacht. Sein literarischer Arbeitskreis in Jena wurde Mitte der 70er Jahre verboten. Danach wurde der heute 60-Jährige zweimal verhaftet. Dennoch blieb Rathenow bewusst in der DDR, obwohl er nach dem Erscheinen seines ersten Buchs hätte ausreisen können. Auf die Frage, warum er diese Chance nicht genutzt hat, sagte er am Dienstagabend im Deutschlandradio Kultur:

"Ja, weil das sehr langweilig gewesen wäre, weil die Staatssicherheit das wollte, und weil ich das Gefühl hatte, noch etwas weiter betreiben zu müssen: das Schreiben, das Wahrnehmen, das Organisieren von der Verbreitung von Geschriebenem in der DDR, bei Lesungen."

Aufgrund der unausgesetzen Bemühungen kritischer DDR-Autoren sei eine "subkulturelle Szene" entstanden. Die Übermittlung von Informationen in den Westen habe zudem ein "Ost-West-Netzwerk" entstehen lassen, das unter anderem auch Veröffentlichungen in West-Medien, wie zum Beispiel der "taz", ermöglicht habe. Im Rahmen seiner oppositionellen Tätigkeit habe er auch in den "journalistischen Randformen" gearbeitet und dabei eine Gesetzeslücke in den deutsch-deutschen Journalisten-Vereinbarungen genutzt:

"Ich konnte ja in Ost-Berlin einlesen, für den SFB oder RIAS oder den NDR [...] Also ich lebte in der DDR ein wenig, zunehmend als Gesamtdeutscher im Zölibat der DDR-Existenz."

Anlässlich der Podiumsdiskussion übergab Rathenow, der seit März 2011 als Sächsischer Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Dresden tätig ist, der Bundesstiftung sein Privatarchiv.

Wie der Autor sagte, besteht dieses hauptsächlich aus einem größeren Konvolut an Tagebüchern aus den Jahren 1976 bis 1989, aber auch aus diversen Zeitschriften-Veröffentlichungen, wie zum Beispiel aus der "Wanderbühne", die heute kein Mensch mehr kenne. Wie Rathenow weiter sagte, will er diese möglichst schnell zugänglich gemacht wissen, weil sie Auskunft über die Szenenbildung innerhalb der DDR und die literarische Vernetzung zwischen Ost und West gäben.


Das vollständige Gespräch mit Lutz Rathenow können Sie bis zum 24. Februar 2013 als MP3-Audio in unserem Audio-on-demand-Player nachhören.

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