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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 09.07.2005

Im Wohnzimmer der Republik. Schein und Sein der offenen Gesellschaft

Von Bernd Wagner

Blick von der Terrasse der Akademie der Künste auf den Pariser Platz am Brandenburger Tor in Berlin (AP)
Blick von der Terrasse der Akademie der Künste auf den Pariser Platz am Brandenburger Tor in Berlin (AP)

Dass der deutsche Staat aus dem größten seiner Kleinstaaten, nämlich aus Preußen, hervorgegangen ist, sieht man sehr deutlich am Pariser Platz. Ich spiele damit nicht auf die militaristische Tradition an, denn die hat sich schon deshalb erledigt, weil man durch das Brandenburger Tor zwar auf Pferden reiten, aber nicht mit Panzern oder Raketenlafetten fahren kann. Nein, ich meine die bescheidenen Ausmaße, die sich im Vergleich zu den zentralen Plätzen ehemaliger Imperien, wie dem Roten Platz oder dem Trafalgar Square, ausgesprochen zivil und kleinstaatlich ausnehmen.

Puppenstubenhaft umstehen die Bauwerke den Platz, gehorsam die Berliner Traufhöhe einhaltend, jene durch den Alten Fritz eingeführte Anordnung, das nichts höher zu sein hat, als was er unter seinem Dreispitz hervor ins Auge fassen kann! Wie demütig und wenig triumphal wirkt im Kreis seiner steinernen Verwandten das Brandenburger Tor! Erinnert sich jemand an seine Furcht einflößende Wirkung, als es noch allein auf weiter Flur den Mauerstreifen beherrschte, und das fassungslose Staunen, mit dem wir es erstmals an einem kalten Novembertag immer wieder durchschritten, von Ost nach West und umgekehrt?

Die Wiederholung jenes so wunderbaren Aktes der Befreiung ist es, die die Menschen hierher treibt. Die Öffnung der Mauer hat uns die "offene Gesellschaft" beschert. Was Karl Popper darunter verstand, kann ich nur ahnen, was sie für die bundesrepublikanische Öffentlichkeit bedeutet, kann man am Pariser Platz und seiner Umgebung ablesen.

Die erste Voraussetzung ist das Fehlen von Uniformträgern. In der Wachstube, in der einst preußische Schutzmänner und sächsische Grenzsoldaten Dienst taten, ist ein "Raum der Stille" eingerichtet, in dem man darüber nachdenken kann, wie schwierig zur Ruhe zu kommen ist, wenn kein Schießbefehl dafür sorgt. Auch draußen verzichtet man auf die Zurschaustellung staatlicher Autorität. Nach schwarzrotgoldenen Fahnen muss man suchen, buntere wehen auf den Dächern der Botschaften, der Hotels und Niederlassungen deutscher Banken, die sich den Platz miteinander teilen. Der Wirtschaft zuliebe wird auf jedem zweiten Grundstück gebaut, damit man die Gerüste mit gewaltigen Werbeprospekten behängen kann. Leider ist das zur Vermarktung am besten geeignete Bauwerk, das Brandenburger Tor, gerade komplett saniert worden, so dass man es wohl erst im nächsten Jahr wieder gewinnbringend verhüllen kann. In der Zwischenzeit eignet es sich wunderbar als Kulisse für die verschiedensten Volksbelustigungen, Konzerte und anderen Veranstaltungen. Auch für politische Demonstrationen ist der Pariser Platz bestens geeignet. Er ist offen für jede Partei, außer für jene, die zu gern mit Stiefeln durch das Tor marschieren würde.

Nein, wir wollen nie mehr marschieren und nur noch flanieren!

In der Architektur findet die Transparenz der offenen Gesellschaft ihren angemessenen Ausdruck in der Dominanz des Baumaterials Glas. Ob in der Reichstagskuppel, in der neuen Akademie der Künste oder im Bundeskanzleramt - überall kann man durch geputzte Scheiben den Trägern der Macht über die Schultern sehen und dabei den Eindruck gewinnen, man kontrolliere sie.

Wer gefürchtet hat, ein den ermordeten Juden Europas gewidmeter Steinwald würde die Laune seiner Besucher verdüstern, muss sich eines Besseren belehren lassen. Der guten Stube wurde vielmehr ein Spielplatz angefügt, auf dem Kinder von einer Säule zur anderen springen oder ganze Familien Verstecken spielen können wie in einem barocken Gartenlabyrinth. Die Offenheit ist hier nicht zu überbieten, nichts hindert einen Passanten daran, mit seinem Fahrrad durch den Stelenwald zu fahren, wenn er eine Abkürzung zu nehmen wünscht.

Allerdings muss er an der Wilhelmstraße unweigerlich vom Rad. Was ihn zum Absteigen zwingt, erinnert auf den ersten Blick an den "Antifaschistischen Schutzwall", doch beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass die Straßensperre nicht die DDR, sondern das Vereinigte Königreich von Großbritannien beschützt. Wenn man bedenkt, dass auch die USA ihre Botschaft auf den Pariser Platz zurückverlegen werden und ihr Schutzbedürfnis vor der Absperrung ganzer Stadtviertel nicht zurückschreckt, so nährt das gewisse Zweifel an der Funktionsweise der offenen Gesellschaft. Haben nicht gerade jene beiden Staaten der Welt die Vision einer offenen Gesellschaft geschenkt, die sich jetzt hinter Beton zu verschanzen gezwungen sehen?

Zweifellos ein Fall, um sich in den "Raum der Stille" zurückzuziehen und über das schwierige Verhältnis von Schein und Sein zu meditieren.


Bernd Wagner, Schriftsteller, 1948 im sächsischen Wurzen geboren, war Lehrer in der DDR und bekam durch seine schriftstellerische Arbeit Kontakt zur Literaturszene in Ost-Berlin. 1976 erschien sein erster Band mit Erzählungen, wenig später schied er aus dem Lehrerberuf. Von Wagner, der sich dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns anschloss, erschienen neben einem Gedichtband mehrere Prosabände und Kinderbücher. Als die Veröffentlichung kritischer Texte in der DDR immer schwieriger wurde, gründete Wagner gemeinsam mit anderen die Zeitschrift "Mikado". Wegen zunehmender Repression der Staatsorgane siedelte er 1985 nach West-Berlin über. Zu seinen wichtigsten Büchern zählen "Die Wut im Koffer. Kalamazonische Reden 1-11" (1993) sowie die Romane "Paradies" (1997) und "Club Oblomow" (1999). Zuletzt erschien "Wie ich nach Chihuahua kam".

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