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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 07.10.2011

Im Swing das Maß aller Dinge

Zum 100. Geburtstag des amerikanischen Jazzmusikers Jo Jones

Von Günther Huesmann

"Bei Jo gibt's keine Tom-Tom-Prügeleien, kein Maschinengestampfe." (Stock.XCHNG / Daniel Wilson)
"Bei Jo gibt's keine Tom-Tom-Prügeleien, kein Maschinengestampfe." (Stock.XCHNG / Daniel Wilson)

Der Jazzexperte Phil Schaap rät Schlagzeuger auf der Suche nach dem richtigen Swing, "so überzeugend wie möglich zu versuchen, wie Jo Jones zu spielen." Der vor 100 Jahren geborene Jo Jones war Herz und den Motor im Count Basie Orchestra, der führenden Big Band der Swing-Ära.

"Jo Jones erinnert mich an den Wind. Er hat mehr Klasse als jeder andere Schlagzeuger, den ich gehört habe. Bei Jo gibt's keine Tom-Tom-Prügeleien, kein Maschinengestampfe", "

so hat es der Schlagzeuger Don Lammond einmal formuliert.

Jo Jones herausragende Leistung besteht darin, dass er Generationen von Schlagzeugern den Weg zu mehr Musikalität gewiesen hat. Im Count Basie Orchestra der 30er-Jahre entwickelte er jene sensitiven Rhythmen, die in der Swing-Ära zum Maß aller Dinge werden sollten.

Geboren wurde er in Chicago am 7. Oktober 1911. Als Sechsjähriger versuchte er eine Zigarre mit einer Zeitung am Gasherd zu entzünden, löste ein vernichtendes Feuer aus und erlitt hochgradige Verbrennungen. Um ihn aufzumuntern, nahm ihn seine Tante mit zu einer Zirkusvorstellung.

""Ich spürte die Sounds der Bass-Drum in meiner Magengegend. Und dieses Gefühl hat mich nicht mehr losgelassen. Das war meine Einführung in die Musik. Ich konnte nicht still sitzen. Tante Maddie musste mich in den Armen festhalten. Danach zog sie los und kaufte mir eine Trommel."

Der Junge erwies sich als Multitalent. Noch minderjährig tourte er mit Vaudeville-Bands im Mittleren Westen. Er spielte Schlagzeug, Trompete, Saxofon, Klavier, trat in Medicine Shows als Sänger, Steptänzer und Preisboxer auf.

Dann ließ er sich in Omaha, Nebraska nieder. Als dort die Spielmöglichkeiten immer rarer wurden, ging er 1933 nach Kansas City. Noch schwankte er, was er denn nun mehr sei: Pianist oder Schlagzeuger, da fragte ihn der Bassist Walter Page, ob er in der Count Basie Big Band trommeln wolle.

"Ich spielte eine Nacht mit Basie und kündigte. Nachdem Lester Young sein Solo über 'After You've Gone' gespielt hatte, verließ ich die Bühne und weigerte mich, die Gage anzunehmen. Ich sagte: 'Ich geh zurück nach Omaha zur Schule.'"

Doch die Musiker der Basie-Band bedrängten ihn zu bleiben. Es wurden 14 Jahre draus. Im Basie-Orchester schuf Jones ein Optimum an federnder rhythmischer Energie. Gemeinsam mit dem Pianisten Basie, dem Bassisten Walter Page und dem Gitarristen Freddie Green bildete er ein Team, das zum Modell einer perfekt eingeschworenen Rhythmusgruppe wurde. Man krönte sie zur "All American Rhythm Section".

"Was uns zusammenschweißte: Wir übertrugen unsere persönlichen Lebensgeschichten auf unsere Instrumente und brachten das auf die Bühne."

Obwohl Jo Jones den modernen Jazz nicht erfunden hat, bezogen sich viele Schlagzeuger des Bebop auf seine rhythmische Kunst. So auch Max Roach:

"Von jeweils drei Beats, die ein Schlagzeuger heute spielt, kommen zwei von Jo Jones."

1947 verließ Jones die Basie Band. Er tourte mit dem Jazz at the Philharmonic Ensemble, begleitete Jazzgrößen wie Coleman Hawkins und Roy Eldridge. In den 60er-Jahren, als es ruhiger um ihn wurde, gründete er ein Schlagzeuggeschäft und unterrichtete viele jüngere Jazzmusiker.

Weil sich unzählige Drummer auf seine humorvolle, disziplinierte, intelligente Spielweise beziehen nannte man ihn: "Papa" Jo Jones. Er selbst war überzeugt, dass das englische Wort "to beat", wenn es um Perkussionsdinge geht, nichts mit Schlagen zu tun hat, sondern mit Spielen. Als Jo Jones am 4. September 1985 starb, sagte Albert Murray:

"Man müsste seinen Kopf auf Münzen prägen."

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