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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.06.2013

Im Strudel der Ereignisse

Patrícia Melo: "Leichendieb", Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 203 Seiten

Mit dem gefundenen Kokain nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf.  (picture alliance / dpa)
Mit dem gefundenen Kokain nimmt die Geschichte ihren unheilvollen Lauf. (picture alliance / dpa)

Ein Angler wird Zeuge eines Hubschrauberabsturzes. Im Wrack findet er ein Paket Kokain - der Beginn einer Reihe an Ereignissen, die ihn mitzureißen drohen. Patrícia Melos genau konstruierter Thriller dreht sich im Kern um die Frage: Was braucht es eigentlich, um uns zu kriminellen Handlungen zu verleiten?

Wer klaut schon Leichen? Unweigerlich denkt man an kranke Gemüter mit sonderbaren Neigungen und macht sich auf das Schlimmste gefasst. Es geht aber auch ganz anders: unter letztlich ganz plausiblen Umständen, mit sehr normalen Personen, mit Verkettungen von Ereignissen freilich, die nicht jedermanns Alltag sind.

Ein Ex-Manager, der sich schuldig fühlt am Selbstmord einer seiner Mitarbeiterinnen und deshalb aussteigt, sich in die tiefste Provinz zurückzieht, wo er sich eher schlecht als recht durchschlägt und bei gelegentlichen Angelausflügen über sein Leben grübelt, wird bei einem dieser Ausflüge unmittelbarer und offenkundig einziger Zeuge eines Flugzeugabsturzes.

Die kleine Maschine stürzt in den Fluss, der junge Pilot stirbt, kaum dass der Angelfreund und Ich-Erzähler die Unglücksstelle erreicht und versucht, den Schwerverletzten irgendwie zu bergen. Ein Anruf bei der Polizei hätte das Abenteuer schnell enden lassen können, aber das Auffinden eines beträchtlichen Kokain-Pakets im Flugzeug verändert die Lage gründlich. Der klamme Angler nimmt es an sich, ein befreundeter Nachbar kennt die Wege, das Material in Geld zu verwandeln.

Natürlich sollte die Aktion eine einmalige bleiben, um die aktuelle Misere zu überwinden. Allerdings ziehen manche Handlungen andere nach sich, und hier entsteht ein Strudel, in dem der Hobby-Dealer schließlich unterzugehen droht. Denn der freundliche Nachbar bahnt ein nächstes Drogengeschäft an, alles verläuft bestens, jedoch ist das erzielte Geld schneller ausgegeben als gedacht, man bleibt dem Lieferanten eine erhebliche Summe schuldig. Und weil das Geld irgendwie aufgetrieben werden muss – bekanntlich verstehen diese Leute keinen Spaß in solchen Angelegenheiten –, muss eine "Geschäftsidee" her. Hier kommt die nie aufgefundene Leiche des abgestürzten Piloten ins immer gefährlicher werdende Spiel. Ließe sich die womöglich bei der betuchten Familie des Toten zu Geld machen?

Überaus raffiniert baut Patrícia Melo diesen Thriller auf, in dem jedes Detail, jeder einzelne Schritt in der Handlung genau motiviert sind. Genretypisch erzählt dieser Roman nicht nur den "Fall an sich", sondern gibt Blicke frei in die Befindlichkeiten einer Gesellschaft: Vom Druck auf die Psyche von Menschen, die sich im überhitzten Moloch einer Metropole durchschlagen, ist da ebenso die (oft sarkastische) Rede wie von der allgegenwärtigen Korruption, die auch das letzte Provinznest durchdrungen hat. Von vernachlässigten familiären Beziehungen wie von der enormen Verteilungsungerechtigkeit, die zwischen Armen und Reichen herrscht.

In seinem Kern freilich kreist dieser genau konstruierte Roman um zwei Fragen: Wie viel Schicksalhaftigkeit bestimmt unser Dasein? Wie viel (oder wie wenig) braucht es, um uns zu fragwürdigen oder gar kriminellen Handlungen zu verleiten?

Besprochen von Gregor Ziolkowski

Patrícia Melo: Leichendieb
Aus dem Portugiesischen von Barbara Mesquita
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2013
203 Seiten, 18,95 Euro

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