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Thema / Archiv | Beitrag vom 27.01.2009

Im Schatten von Bismarck und Hitler

Vor 150 Jahren wurde der letzte deutsche Kaiser geboren

Wolfgang Wippermann im Gespräch mit Dieter Kassel

Kaiser Wilhelm II. (AP)
Kaiser Wilhelm II. (AP)

Zwar wird in vielen Feuilletons an den 150. Geburtstag von Wilhelm II. erinnert, aber in den Kultureinrichtungen hierzulande fällt das Gedenken an den letzten deutschen Kaiser unter den Tisch. Der Historiker Wolfgang Wippermann sieht darin kein Versäumnis. Wilhelm II. stehe "historisch zwischen Bismarck und Hitler" und für die antidemokratische Tradition Preußens.

Dieter Kassel: Dass keiner an den 150. Geburtstag von Kaiser Wilhelm II. denkt, kann man nicht sagen, die Medien tun das schon. Wenn man heute in die Tageszeitungen guckt, ist das Bild gemischt. Aber "Die Welt" zum Beispiel hat einen großen Artikel dazu, die "Süddeutsche Zeitung" füllt die erste Seite ihres Feuilletons mit Wilhelm II. Große Regionalzeitungen wie zum Beispiel in Berlin der "Tagesspiegel" und die "Berliner Zeitung" tun das auch, "FAZ" andererseits tut es heute nicht, "TAZ" und "Rundschau" auch nicht, aber wie gesagt, das Bild ist gemischt. Völlig eindeutig jedoch sieht das aus, wenn man sich die Museen und sonstigen Kultureinrichtungen in Deutschland anguckt, von denen mag gar niemand den 150. Geburtstag von Wilhelm II. würdigen. Im Sommer wird es zwar in Frankfurt am Main eine Ausstellung zum Thema "Wilhelm II. und die Archäologie" geben, aber ansonsten passiert nichts. Warum eigentlich nicht? Warum wird sich teilweise gar nicht gerne an diesen letzten deutschen Kaiser erinnert? Darüber sprechen wir jetzt mit Wolfgang Wippermann. Er ist Professor für neuere Geschichte an der Freien Universität Berlin. Guten Morgen, Herr Wippermann!

Wolfgang Wippermann: Ja, schönen guten Morgen!

Kassel: Verstehen Sie das, dass so gar keine deutsche Kultureinrichtung, kein Museum was macht zu diesem doch sehr runden Geburtstag?

Wippermann: Nun, also das Deutschlandradio Kultur macht etwas.

Kassel: Wie gesagt, die Medien machen viel.

Wippermann: Es hat vor allem damit zu tun, dass wir heute den 27. Januar haben, und das ist der Holocaust-Tag, und an diesem Tag mag man nicht so gerne über Wilhelm II. reden und will doch sich konzentrieren auf das Negative in der Geschichte, auf die Katastrophe, auf den Holocaust.

Kassel: Das kann ich in Bezug auf den heutigen Tag verstehen. Manche Zeitung hat deshalb auch den Trick gewählt, schon in der Wochenendausgabe drüber zu berichten. Oder zum Beispiel gestern hat es der "Tagesspiegel" gemacht. Aber 150. Geburtstag – bei manch anderer Persönlichkeit hätte man da ein "Wilhelm II."-Jahr draus gemacht.

Wippermann: Das mag sein, aber im letzten Jahr haben wir auch nicht den Geburtstag von Ludwig Quidde gefeiert, der ist auch 150 Jahre geworden und war der schärfste Kritiker Wilhelm II. Ich hätte mir gewünscht, wir hätten mehr Ludwig Quidde gefeiert als Wilhelm II.

Kassel: Warum sind Sie also, das höre ich jetzt mal ein bisschen bei Ihnen heraus, nicht nur wegen des heutigen Tages, wo es andere Gedenkanlässe gibt, warum sind Sie alles in allem so zufrieden damit, dass Wilhelm II. nicht gewürdigt wird?

Wippermann: Also Wilhelm II. steht historisch zwischen Bismarck und Hitler, und damit haben wir eine negative Kontinuität in der deutschen Geschichte. Er stand aber dann und steht immer noch im Schatten von Bismarck und Hitler. Und dass wir sozusagen dieses Zwischenglied jetzt auch betrachten, ist eigentlich positiv. Ich befürchte allerdings, dass die um sich greifende Nostalgie, das heißt zu der guten, alten Zeit – noch ist nicht gesungen worden heute, ich habe es nicht gehört, "wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben" –, aber ich sehe doch eine gewisse Ambivalenz da drin. Man verherrlicht die angeblich gute, alte Zeit, gerade in Krisenerscheinungen, in Krisenzeiten, wie wir haben. Und das ist auch für den Historiker, der sich sonst freut, wenn über die Geschichte gesprochen wird, egal welche Geschichte, ist das doch etwas bedenklich.

Kassel: Sehen Sie tatsächlich die Gefahr, dass gerade vielleicht auch jetzt in einer Wirtschaftskrise, die ja in den Augen mancher auch eine politische Krise ist oder sein kann, dass mancher sagt, na ja, früher war das einfacher, da hatten wir einen Kaiser oder einen König und dann war Ruhe?

Wippermann: Ja, das ist richtig. Der Ruf nach dem Führer, nach dem Kaiser – nach dem Kaiser kam der Führer, und der war noch schlimmer, bedeutend schlimmer –, das ist eine bei Deutschen, aber nicht nur bei Deutschen, tief verwurzelte Angewohnheit, dass man sagt, der große Mann wird’s richten. Und wir haben keinen großen Mann, auch keine große Frau, und das ist etwas sehr Problematisches daran.

Kassel: Was Wilhelm II. angeht – Sie haben ja gesagt, er steht zwischen Bismarck und Hitler –, da gab es ja, ich glaube, das ist relativ out, aber ich kann mich noch in den vergangenen Jahrzehnten erinnern, eine gewisse Theorie, was seine Abdankung, sein Exil in Holland angeht und die Folgen für das Deutsche Reich. Damals haben manche, also nicht damals im Sinne von 1918, aber in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg, manche Historiker gesagt, gerade damit sei Wilhelm II. mit Schuld am Aufstieg Adolf Hitlers, denn wäre er in Deutschland geblieben und wäre Kaiser geblieben, dann hätte es neben dem Kaiser keinen Führer geben können.

Wippermann: Ich hoffe, dass das kein deutscher Historiker war, jedenfalls kein anerkannter Historiker. Das ist also wirklich etwas unsinnig, das möchte ich gar nicht erst kommentieren. Also bei Wilhelm II. muss man auch sehen, das erklärt also auch ein bisschen jetzt das Positive, dass er wirklich beliebt war, bis 1914 war er beliebt. Nach 1914 war er verhasst, er wurde für den Krieg verantwortlich gemacht. Das stimmt nur zum Teil. Und dann, nach 1918, ist er merkwürdigerweise tatsächlich vergessen worden. Also er steht dann im Schatten von Bismarck, der dann verherrlicht wurde und gesagt wurde, der hatte alles gut gemacht und Wilhelm II. hat es versiebt. Und dann steht er natürlich im Schatten von Hitler. Und wir sehen heute, dass man nicht alles mit Hitler erklären kann, sondern auch tiefer gehen muss, und tiefer in die Geschichte und dabei natürlich auch auf Wilhelm II.

Kassel: Und dann muss man auch drüber reden, was gerecht ist und was nicht gerecht. Sie haben ja gerade gesagt, bis 1914 war er beliebt. War das gut begründet?

Wippermann: Nicht gut begründet, sondern Wilhelm II. war ein Medienstar, er wäre heute ein Fernseh-Kaiser, und er hatte gewisse Ähnlichkeiten mit heutigen Politikern wie Sarkozy und Berlusconi. Mit Berlusconi vor allen Dingen durch seine dummdreisten Sprüche. Also er wäre heute bei Ihren Kollegen, bei den Journalisten der Star. Er war rumgereicht worden von einer Mediendiskussion, Talkshow zur anderen. Und er hätte auch seine Sache gut gemacht, besser als andere, die das heute machen.

Kassel: Nun gab es aber doch die Medien in unserer heutigen Form damals noch nicht, natürlich gab es die Presse. Hat das schon gereicht, um einen solchen Menschen so populär zu machen beim Volk oder kam da noch mehr dazu?

Wippermann: Ja, es kamen vor allem noch die Bilder hinzu. Wir haben den ersten Kaiser und König, der im Bild da ist, und zwar nicht nur das gemalte Bild, sondern auch das bewegte Bild. Wir haben bewegte Bilder, wir haben Fotos, wir haben Filme, und er hat sich darauf ja auch immer schön vorbereitet durch seine verschiedenen Uniformen. Also er wollte in der Öffentlichkeit sein, und das hat er auch gemacht. Und die Medien haben das quotiert, auch wenn sie ihn skandalisiert haben. Also er war im Positiven und Negativen der Medienstar und insofern eben auch schon ein sehr moderner Herrscher. Und deshalb vielleicht auch, weil wir diese Bilder haben, und Bilder machen Geschichte, ist er heute wieder in.

Kassel: Nun haben Sie schon gesagt, Herr Wippermann, dass eine gewisse Gefahr, dass in unruhigen Zeiten Menschen die Vergangenheit verherrlichen und sich nach der guten, alten Zeit sehnen, da ist. Das ist auf der einen Seite klar. Auf der anderen Seite habe ich immer das Gefühl gehabt, dass es gerade in Deutschland der Wunsch nach einer Monarchie, und sei es eine parlamentarische Monarchie, wie sie ja viele europäische Staaten bis heute haben, erstaunlich gering ist. Schon in unserem Nachbarland Österreich ist die ein bisschen größer, da gibt es zumindest eine Splittergruppe, die das ernsthaft fordert und versucht, sich als politische Partei zu engagieren. Nicht mit Erfolg, aber sie existiert. Ich habe immer das Gefühl, die Deutschen wollen keinen König zurückhaben. Ist in Deutschland die Republik ohne Monarchie gefestigter als woanders?

Wippermann: Das ist schwer zu entscheiden. Auf der einen Seite wollen viele Deutsche, vor allem auch die Medien, etwas Glanz und Glamour und Skandale, und nicht umsonst gibt es eine ganze Sparte des Journalismus, die sich mit den Geschichten der Königshäuser beschäftigen und darüber auch Fernsehserien machen, und die sind auch sehr beliebt. Selbst Herr Knopp macht so etwas jetzt. Also das deutet darauf hin, dass man - in der Weimarer Republik hieß es immer - die graue Republik nicht haben möchte, man möchte mehr Stars und Glamour haben. Aber dahinter steht ja nicht nur der Ruf, wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wiederhaben, sondern es steht auch immer wieder der Ruf, wir wollen einen Führer wiederhaben. Und wenn Sie die Frage stellen, wollt ihr einen Kaiser oder wollt ihr einen Führer, dann ist leider das Letztere populärer als der Kaiser.

Kassel: Kann das eine auch manchmal Deckmäntelchen für das andere sein? Also kann hinter dem Ruf, wir hätten gerne einen Kaiser, auch diese andere Forderung, die Sie gerade erwähnt haben, stecken?

Wippermann: Ja, der kann dahinter stecken, und so sehr ich, also noch einmal, dafür bin, dass jetzt nicht nur Hitler in den Medien ist, sondern auch andere Gestalten der deutschen Geschichte, so sehr muss man darauf hinweisen, dass dieses Regime eben nicht demokratisch war. Wilhelm II. war übrigens auch nicht nur deutscher Kaiser, sondern letzter preußischer König. Und das hängt auch im Zusammenhang mit der Nostalgie, der um sich greifenden neuen Liebe zum alten Preußen. Und da wird es problematisch, denn Preußen war und konnte nicht demokratisch sein und von daher auch nicht unbedingt Vorbild sein. Das heißt also, schwarz-rot-gold, unsere demokratische Tradition, ist immer noch besser als die weiß-schwarz-weiße Tradition von Preußen. Und das macht mir etwas Sorgen. Also so sehr es sonst gut ist, in die Geschichte zurückzublicken – man meint ja, etwas aus der Geschichte zu lernen –, so ist doch der Blick auf die deutsche Geschichte hier, die preußische Geschichte etwas Problematisches, weil aus der gegenwärtigen Perspektive hier nichts Demokratisches zu lernen ist.

Kassel: Die Person Wilhelm II. wird ja immer noch von unterschiedlichen Biografen unterschiedlich gesehen. Es gibt, sagen wir mal, eine große Kernmenge über ihn, darauf hat man sich irgendwie geeinigt, aber an den Rändern franst es aus. Wie sehen Sie denn schließlich sein Ende? Abgedankt, klar, das wissen wir, 1918, dann hat er ja bis 1941, ich würde fast mal die Formulierung benutzen, in Doorn in Holland noch gesessen und gestänkert. War er am Ende so eine Art tragische Figur?

Wippermann: Also tragisch würde ich nicht sagen, denn er hat das ja selbst verschuldet, er hätte jederzeit den Krieg vermeiden können, er hätte nicht seine antidemokratischen Reden, er hätte nicht seine antisemitischen Sprüche, die gerade im Exil bedeutsam waren, und er hätte nicht, was ich als gebürtiger Bremerhavener immer besonders bei ihm verübele, der hätte nicht die Hunnenrede 1900 in Bremerhaven reden müssen, sagen müssen. Also er ist nicht ein nur Getriebener, sondern auch ein Treiber. Er hat das selbst verschuldet, dass er seine Beliebtheit, die er hatte, verspielt hat. Und er wurde dann doch zum gehasstesten Mann vor Hitler.

Kassel: Der gebürtige Bremerhavener und heute in Berlin ansässige Historiker Wolfgang Wippermann über Kaiser Wilhelm II., der heute 150 Jahre alt geworden wäre. Herr Wippermann, ich danke Ihnen und wünsche Ihnen einen Tag mit Gedenken an was auch immer Sie gerne denken möchten.

Wippermann: Okay.

Kassel: Tschüss.

Wippermann: Tschüss.

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