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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.06.2007

"Im Hauptberuf Poet"

Jutta Rosenkranz: "Mascha Kaléko", dtv premium, 2007, 299 Seiten

Der Berliner Potsdamer Platz 1926 (AP Archiv)
Der Berliner Potsdamer Platz 1926 (AP Archiv)

Anlässlich des 100. Geburtstags der jüdischen Dichterin, die in der Berliner Künstlerszene der 20er Jahre Triumphe feierte, ist eine Biografie über Mascha Kaléko erschienen. Da sie selbst viele Dokumente wie Korrespondenzen oder Fotos vernichtete, hat sich die Autorin Jutta Rosenkranz dafür entschieden, ein Leben mit dem Material des literarischen Werks zu erzählen.

In den so genannten "Goldenen Zwanzigern" sitzt eine junge Frau fast täglich im legendären Berliner "Romanischen Café". Selbstbewusst nimmt sie Platz in diesem "Obdachenlosenasyl für die Unbehausten im Geiste", wie der Schriftsteller Hans Sahl das Etablissement nannte. Dort dichtet sie und debattiert mit Kurt Tucholsky, Joachim Ringelnatz und Klabund. Außerdem ist sie mit Berlins großem Flaneur Franz Hessel befreundet. Mit ihren Gedichten feiert sie euphorische Auftritte im Künstler-Kabarett in der Budapester Straße und keine Geringere als Claire Waldoff bringt ihre Gedichte und Chansons auf die Bühne.

Doch als die Geschichte des Geistes- und Künstlerlebens Berlins geschrieben wird, fehlt der Name Mascha Kaléko im Personenregister. Dabei rangiert ihr "Lyrisches Stenogrammheft" in ihrem Todesjahr 1975 nach Goethes Lyrik an zweiter Stelle auf der Verkaufsliste deutschsprachiger Dichtung.

Der Berliner Autorin Jutta Rosenkranz ist also zu danken, dass sie zum 100. Geburtstag Mascha Kalékos eine Biografie vorlegt. Im Prolog betont sie, der Dichterin damit endlich jenen Platz in der Literaturgeschichte einräumen zu wollen, "den sie verdient". Denn die aus jüdischer Familie stammende Dichterin musste 1938 mit ihrer Familie emigrieren, nachdem sie Berufsverbot erhalten hatte und die Bücher der 31-Jährigen ("Das lyrische Stenogrammheft", 1933 und "Kleines Lesebuch für Große", 1934) in Berlin verbrannt wurden. Mit betont burschikosem Zungenschlag schreibt Kaléko über diese Zeit: "…als Mensch, im Hauptberuf Poet,/Erleb ich, was kein Vogelhirn versteht,/So völlig unbekannt in der Natur/Ist jener Käfig, den man nennt ‚Zensur’".

Bei ihren Recherchen fand Rosenkranz eine umfangreiche Korrespondenz, unveröffentlichte Gedichte und Briefe sowie unbekannte Fotos vor. Doch es fehlten Schriftstücke, die Kalékos Kindheit in Galizien, die familiäre Situation sowie ihre erste Ehe mit dem Philologen Saul Kaléko betreffen. Kaléko hat diese nachweislich vernichtet. Schließlich hätte sie genug "autobiografische" Gedichte verfasst und die ganz privaten Lebensdaten würde einmal ihr Grabstein verraten. Verloren ging so auch der Briefwechsel mit ihrem zweiten Mann, dem chassidischen Musiker und Komponisten Chemjo Vinaver.

In vier Kapiteln und einem Epilog rekonstruiert Rosenkranz einen Lebensweg, der im galizischen Städtchen Chrzanów beginnt und über Frankfurt am Main, Marburg, Berlin, New York und Jerusalem verläuft. Ihre Entscheidung, eine Biografie aus dem literarischen Werk zu entwickeln, ist nur zu begrüßen. Denn dadurch wird erstmals das Gesamtwerk Kalékos gesichtet. Gleichberechtigt werden die Exilgedichte ab 1938 und die späte Dichtung mit den Berlin-Texten diskutiert, wobei sich interessante Korrespondenzen zeigen, aber auch überraschende Perspektivwechsel und thematische wie stilistische Brüche.

Bei allen literarischen Entdeckungen, die diese Biografie bereithält, fasziniert letztlich die charakterliche Souveränität einer Person, deren "meistgesprochenes Wort" bereits in Kindertagen "nein" gewesen sein soll und von dem das lyrische Ich sagt: "Ich war kein einwandfreies Mutterglück./Und denke ich an jene Zeit zurück:/Ich möchte nicht mein Kind gewesen sein".

Rezensiert von Carola Wiemers

Jutta Rosenkranz
Mascha Kaléko

dtv premium/ 2007
299 Seiten, 14,50 Euro.

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