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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 26.10.2013

Im Erbsenwahn

Ein fragwürdiges Ernährungsexperiment im 19. Jahrhundert

Von Udo Pollmer

Erbsen als Fleischersatz? Das kann unangenehme Folgen haben. (Wikipedia GNU)
Erbsen als Fleischersatz? Das kann unangenehme Folgen haben. (Wikipedia GNU)

Durch Georg Büchners "Woyzeck" gelangte der Fall zu Berühmtheit: 1833 wollte der Chemiker Justus von Liebig herausfinden, ob sich tierisches Eiweiß durch den Verzehr von Hülsenfrüchten ersetzen lässt. Dazu startete er einen kuriosen Menschenversuch - mit gefährlichen Folgen.

Die Forderung nach weniger Fleisch auf dem Teller wird immer lauter. Greenpeace beispielsweise rät zu mehr Bohnen, Erbsen und Linsen, denn auch die würden Eiweiß enthalten. Die Frage, ob Fleisch wirklich durch Hülsenfrüchte ersetzt werden kann, beschäftigt die Wissenschaft seit 180 Jahren. 1833 wurden dazu die ersten Versuche durchgeführt, und zwar an der Uni Gießen. Versuchskaninchen waren Soldaten, der Versuchsleiter hieß Justus von Liebig. Ein Schwerpunkt seiner Forschung galt dem Fleischersatz.

Ein berühmter Neurologe war Zeuge des wohl ersten Experiments zur Frage, ob Hülsenfrüchte Fleisch ersetzen können. Nach seiner Schilderung musste der Proband drei Monate lang Erbsbrei essen – und nichts als Erbsbrei. Vertragsgemäß hatte er sich jederzeit für Untersuchungen zur Verfügung zu halten. Ganz besonders wichtig war neben der körperlichen und seelischen Verfassung die Untersuchung des Urins, weil er Rückschlüsse auf den Eiweißstoffwechsel zulässt. Dafür erhielt die Versuchsperson zwei Groschen am Tag. Der kommerzielle Hintergrund der Studie: Gelänge es teures Fleisch durch Trockenerbsen zu ersetzen, so könnte man das Militär und das Proletariat viel billiger verköstigen.

Versuche am Menschen waren damals normal

Doch die extrem einseitige Speise bekommt dem Probanden überhaupt nicht. Er entwickelt allmählich Wahnvorstellungen, leidet unter Halluzinationen. Er verliert die Kontrolle über seine Muskeln, sein Puls wird unregelmäßig. Als er seinen Harn nicht mehr verhalten kann, gerät der Versuchsleiter in Rage. Der Berichterstatter - Georg Büchner - hat seine Beobachtungen in ein Drama verpackt, es heißt "Woyzeck" - ein solider Einblick in die Ernährungsforschung der damaligen Zeit.

Was auf den Betrachter des Dramas wie eine Satire auf die medizinische Forschung wirken mag, war ziemlich real. Versuche am Menschen waren damals normal. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Ernährungsfragen am Tier zu testen – gab es doch genug Menschen, die entweder aus Armut mitmachten oder die dazu gezwungen werden konnten. Der Tierversuch kam erst auf, als das Leben eines Menschen mehr Wert hatte als das Leben einer Ziege.

Für Büchner, der zum Zeitpunkt der Niederschrift des "Woyzeck" bereits promovierter Neurologe war, war dieser Stoff natürlich ein gefundenes Fressen. Die neurologischen Symptome, die der Soldat Woyzeck im Laufe der Erbsenesserei entwickelt, sind nicht die Folge psychosozialer Belastung, sondern die Beschreibung einer Vergiftung.

Gifte werden als wertvolles Eiweiß ausgewiesen

Viele Hülsenfrüchte enthalten sogenannte nicht proteinogene Aminosäuren. Das sind – wenn man so will – "gefälschte Aminosäuren". Sie können vom Körper nicht zur Bildung von Eiweiß genutzt werden. In diesem Falle wirken sie als typische Nervengifte. In den Nährwerttabellen werden diese Gifte übrigens als wertvolles Eiweiß ausgewiesen.

Problematisch ist in Gartenerbsen vor allem ein Stoff namens BIA, ausgeschrieben ß-(Isoxazolin-5-on-2-yl)-alanin. Daraus bildet sich im Körper ein Stoff namens BOAA, und der verursacht schwere Nervenschäden. Er ist auch in Platterbsen enthalten und führt in Anbauländern wie Bangladesch oder Äthiopien immer wieder zu Vergiftungen. Die Muskeln versagen dann ihren Dienst, auch Störungen der Blasenfunktion sind ein typisches Symptom – gerade so wie bei Woyzeck. Und woher kommen die Halluzinationen? Von einem Stoff namens DOPA. Auch der ist in Erbsen reichlich enthalten.

Es geht hier wohlgemerkt nicht um die Verzehrgewohnheiten von Erbsenliebhabern – es geht um toxische Effekte, die auftreten können, wenn die Erbsen nicht mehr Beilage zum Fleisch oder Zutat im Eintopf sind, sondern ganz bewusst in großer Menge anstelle von Fleisch gegessen werden – gerade so wie im "Woyzeck" geschildert. Das ist Wahnsinn – so oder so. Es gibt übrigens ein ganz einfaches Gegenmittel: Tierisches Eiweiß! Mahlzeit!


Literatur:
Georg Keckl: Woyzeck und 175 Jahre Fleischkritik. dlz Agrarmagazin 2012; H.10
Rozan P et al: Nonprotein amino acids in edible lentil and garden pea seedlings. Amino Acids 2001; 20: 319–324
Ray H, Georges F: A genomic approach to nutritional, pharmacological and genetic issues oft he fabe bean (Vicia faba). GM Crops 2010; 1: 99-106
Deshpande SS: Handbook of Food Toxicology. CRC, Boca Raton 2002
Von Witzke H et al: Fleisch frisst Land. WWF Berlin, Oktober 2011
Ikegami F et al: Biosynthesis of beta-(isoxazolin-5-on-2-yl)-alanine, the precursor of the neurotoxic amino acid beta-N-oxalyl-L-alpha,beta-diaminopropionic acid. Chemical Pharm Bull (Tokyo). 1991; 39: 3376-7
Ennking D: The nutritive value of grasspea (Lathyrus sativus) and allied species, their toxicity to animals and the role of malnutrition in neurolathyrism. Food & Chemical Toxicology 2011; 49: 694-709
Köhler M: Woyzeck im Netz. Ossietzky 2010; H.3
Krätz O: "…Ja die Erbsen, meine Herren …" Kultur & Technik 2009; H.4: 34-39

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