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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 22.03.2010

Im Einklang mit der inneren Uhr

Till Roenneberg: "Wie wir ticken", DuMont-Buchverlag, 312 Seiten

Manche Menschen kommen nur schwer aus dem Bett, wenn der Wecker klingelt. Das hängt mit ihrer inneren Uhr zusammen, erklärt Till Roenneberg. (AP)
Manche Menschen kommen nur schwer aus dem Bett, wenn der Wecker klingelt. Das hängt mit ihrer inneren Uhr zusammen, erklärt Till Roenneberg. (AP)

Wieder schlecht geschlafen? Heute morgen nur schwer aus dem Bett gekommen? Wer wissen will, warum er nach sechs Stunden Schlaf immer noch müde, sein Kollege dagegen topfit ist, der wird die Antwort darauf in diesem Buch finden.

Der Autor, Till Roenneberg, ist Deutschlands führender Chronobiologe. Seit mehreren Jahrzehnten beschäftigt er sich mit der Erforschung der inneren Uhr von Menschen, Tieren, Pflanzen und Zellen. Ihm ist ein spannendes Buch über das Forschungsfeld der Chronobiologie gelungen, das Laien sehr anschaulich die wichtigsten Ergebnisse über den inneren Rhythmus erklärt.

Den Leser erwarten amüsante Geschichten über nachtaktive Hamster, Geschäftsreisende und Eheprobleme, discosüchtige Teenager, Schichtarbeiter, schwierige Zeitzonen und schwankende Geburtenraten. Mit einer bemerkenswert breiten Themenpalette zeigt Till Roenneberg, wo überall innere Uhren ticken und wie sehr sie das Leben jedes Einzelnen beeinflussen. So werden nicht nur die Laune oder das Schlafverhalten, sondern zum Beispiel auch viele verschiedene Stoffwechselprozesse in unserem Körper durch die innere Uhr gesteuert, erklärt der Autor.

Eine wunderbare Mischung aus anschaulichen Beispielen und Forschungsfakten ist Roenneberg gelungen. Jedes Kapitel beginnt er mit einem Fall aus dem Alltag, darauf folgen wissenschaftliche Erläuterungen, Erkenntnisse und Experimente. Dabei fordert der Autor den Leser auf mitzudenken und lässt ihn Schritt für Schritt an den Forschungen der Chronobiologie teilhaben. So erfährt man eindrücklich, wie Wissenschaftler ihre Versuche planen und wie sie die gewonnenen Daten auswerten.

Gespannt verfolgt man zum Beispiel, wie eine Versuchsperson zwei Monate lang in einem von der Außenwelt abgeschlossenen Bunker ohne Uhren ganz nach ihrem eigenen Rhythmus lebt, und wie die Wissenschaftler überraschend feststellen, dass sich das Zeitgefühl um fast zwei Wochen verschoben hat. Ebenfalls spannend lesen sich Kapitel über Algen, die in bestimmten Rhythmen auf- und abtauchen oder Zellen, die dem Gehirn melden, wie hell oder dunkel es ist. Das ist: Wissenschaft zum Anfassen!

Nicht zufällig hat das Buch 24 Kapitel – eins für jede Stunde. Eines der vielen kleinen Details, die zeigen, wie wichtig dem Autor eine anschauliche und schlüssige Präsentation ist.

Sogar die Fußnoten liest man mit Vergnügen. Hier muss man dem Autor ein weiteres großes Lob aussprechen: wie er amüsante Details und wichtige Hintergrundinformationen hinter die kleinen Zahlen am Ende der Seite packt, ist wirklich vorbildlich.

In sogenannten Mikrolektionen erläutert er dort beispielsweise die Grundzüge der Genetik oder beschreibt die äußere Schicht des Gehirns als einen Haufen dicht gepackter Weißwürste. (Der Autor ist gebürtiger Münchner!)

Die Begeisterung des Forschers ist auf jeder Seite spürbar. Wie sehr ihm das Thema am Herzen liegt, zeigt auch sein Engagement für Gesundheit und Wohlbefinden der Bevölkerung. So loben zwar zahlreiche Sprichwörter den Frühaufsteher, schreibt Roenneberg, doch 60 Prozent der Menschen sind Spätaufsteher und leiden unter der Diskrepanz zwischen ihrer inneren Uhr und den sozialen Vorgaben. Ein späterer Arbeits- und Schulbeginn wäre deshalb sinnvoll.

Ein rundum gelungenes Werk über ein Forschungsgebiet, das jeden betrifft. Nach der Lektüre nimmt man die innere Uhr ernster.

Zum Autor: Till Roenneberg wurde 1953 in München geboren. Als einer der ersten Wissenschaftler erforschte er die Chronotypen des Menschen. Er studierte Physik, Medizin und Biologie an der Universität München und am University College London. Mehrere Jahre forschte er an der Harvard University. Heute ist er Professor am Institut für Medizinische Psychologie in München.

Besprochen von Susanne Nessler

Till Roenneberg: Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben
DuMont-Buchverlag
312 Seiten, 19,95 Euro

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