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Religionen / Archiv | Beitrag vom 01.09.2012

Im Einklang mit den biblischen Texten

Fünf Jahre vor dem großen Luther-Jubiläum spielt auch die Musik eine wichtige Rolle in der evangelischen Kirche

Klaus-Martin Bresgott im Gespräch mit Kirsten Dietrich

Orgel im Merseburger Dom (Merseburger Orgeltage)
Orgel im Merseburger Dom (Merseburger Orgeltage)

Die evangelische Kirche bereitet sich auf das 500. Jubiläum der Reformation im Jahr 2017 vor, und in den zehn Jahren voller Veranstaltungen, der sogenannten Lutherdekade, spielt in diesem Jahr die Musik eine besondere Rolle. Verantwortlich für das Gesamtkonzept ist Klaus-Martin Bresgott.

Kirsten Dietrich: Im Kulturbüro der evangelischen Kirche in Deutschland bringt Klaus-Martin Bresgott dieses Konzept musikalisch zum Klingen, sprich, er ist unter anderem verantwortlich für eine Konzertreihe unter dem Titel "366+1 – Kirche klingt 2012", die mit einem Konzert jeden Tag musikalisch durch die evangelischen Kirchen in Deutschland wandert. Zur Zeit gastiert die Reihe in Mecklenburg-Vorpommern. Klaus-Martin Bresgott war vor der Sendung bei uns im Studio, und ich wollte wissen, was seine eindrücklichste Erfahrung war bei den vielen Stationen der kirchenmusikalischen Deutschlandreise.

Klaus-Martin Bresgott: Die für mich schönste Erfahrung in der Reihe ist eigentlich ihre Vielfalt. Ich kann gar nicht behaupten, dass das oder dieses Konzert nun das allerschönste war, sondern das Fantastische zu erleben ist, dass es einfach ein großes Spektrum gibt an Traditionen, die immer noch weiterleben und in einer sehr lebendigen Moderne, das heißt, man erlebt tatsächlich die alte Musik, die vorlutherische, die lutherische natürlich, und entsprechend aber auch Musik unserer Tage mit einer großen Präsenz.

Dietrich: Erklären Sie kurz den Titel der Reihe, "366+1", was bedeutet das?

Bresgott: "366+1" heißt so viel wie: 366 Tage hat dieses Schaltjahr, entsprechend an jedem Tage eins, und dann gibt es die Osternacht, die ja eigentlich das Kriterium der Osterbotschaft des Christentums bedeutet und deswegen "+1", das besondere Konzert noch einmal in der Osternacht.

Dietrich: Klingt denn die Kirchenmusik anders, je nach Region? Kann man das sagen, dass es anders ist in Baden-Württemberg als an der Ostseeküste?

Bresgott: Also man stellt schon fest, dass es sehr, sehr verschiedene Traditionen inzwischen gibt, dass in den einen Regionen tatsächlich die deutschstämmige Kirchenmusik eigentlich nach wie vor zu Hause ist und entsprechend auch besonders gepflegt wird in einer ganz besonderen Vielfalt und immer wieder ausgegraben wird, was es da noch für Komponisten gab und gibt. Es gibt genauso Regionen, in denen man sich mehr auf das Heute besinnt und sagt: Wie wir heute leben, wollen wir auch heute musizieren. Und entsprechend gibt es ganz viele neue Musikformen, die entsprechend diese Vielfalt auch ausmachen. Und insofern würde ich jetzt nicht behaupten, dass es tatsächlich Regionen gibt, die man voneinander unterscheiden kann, aber doch wiederum Orte, wo entsprechend dieses oder jenes oder auch gute Mitten entsprechend musiziert werden.

Dietrich: Kann man das irgendwie miteinander verbinden, die Art der Musik, die gepflegt wird, und, ja, ich sage mal, die Situation, in der sich die Kirche vor Ort befindet, also sprich, ob das zum Beispiel noch die etablierte Volkskirche ist oder eine Kirche, die sich um Mitglieder bemühen muss?

Bresgott: Ich glaube gar nicht, dass es den direkten Zusammenhang gibt. Es ist natürlich immer die erste Frage: Wie versteht der Kantor sein Musizieren und wie schafft er es mit seiner Kantorei oder mit dem Musizieren vor Ort, entsprechend auch das zu übertragen in die Gemeinde und in seine Welt, in der er lebt, hinaus? Insofern, ja, ist es immer eine Frage, welche Schwerpunkte setzen die Verantwortlichen vor Ort, und das passt eigentlich erstaunlich gut – jedenfalls nach meiner Erfahrung – dann immer auch zusammen.

Dietrich: Wenn ich mir das Programm so anschaue, dann gibt es vor allen Dingen viel, viel, viel Bach und dann noch ein paar andere große Namen, Mendelssohn-Bartholdy, Krüger, Mozart ab und zu, Musik aus der mönchischen Tradition, eher selten Gospel oder Komponisten aus der Zeit nach 45. Spiegelt das auch diese Vorlieben der Kantoren oder der Protestanten allgemein?

Bresgott: Da wage ich gleich zu widersprechen, denn da muss ich tatsächlich sagen: Es gibt wirklich Schwerpunkte der Gospelmusik, also interessanterweise ist uns das sehr in die Ohren, freudig in die Ohren gefallen, gerade im Westen der Republik, also in Nordrhein-Westfalen und so weiter, wo sehr starke Gospel-Traditionen, auch im Hannoverschen, da sind und entsprechend diese Musik gepflegt wird. Und ansonsten ist tatsächlich die klassische Moderne aufwärts, sprich ab Hugo Distler, Ernst Pepping und so weiter, durchaus eine Aufgabe für alle Kantoren und die Kantoreien, aber es ist eine, die doch allerorten gepflegt wird und auch, wenn sie quasi gegenüber den großen Namen Bach oder den großen Namen Mendelssohn nicht so augenfällig ist – es kommt trotzdem überall derartiges vor und ich bin umso dankbarer, dass es vorkommt, denn wir haben dafür auch extra ein Chorbuch herausgegeben, wo wir eben auch gesagt haben, wir müssen mit neuer Musik umgehen, also nicht nur mit der klassischen, sondern ganz neue Musik. Und ich freue mich, dass die Menge der Kantoren sich nicht zwei Mal bitten lässt und was dazu tut.

Dietrich: Neue Musik ist das eine, die ganz alte Musik ist das andere. Sie wollen ja die große Tradition betonen, auf der Musik im Protestantismus fußt, und da ist aber trotzdem der Name – also neben Bach bleibt da irgendwie relativ wenig Platz so im Alltagsbewusstsein. Sie leiten ja selber einen Chor, der nach jemandem benannt ist, der zum Beispiel also auch mir kaum bekannt ist, Leonhard Lechner Athesinus, ein Komponist, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wirkte. Wie entreißt man diesen Komponisten oder auch andere Komponisten dem Vergessen, wie etabliert man die wieder?

Bresgott: Ich glaube, in erster Linie ist es daran, dass man sie wieder singt und spielt, diese vermeintlich nur alten und nicht aktuellen Komponisten. Und dann, wenn man sie spielt und auch hört, dann stellt man fest, dass es ein großes musikalisches Verständnis gibt, was es schon vor Bach gab und seitdem auch immer weiter gibt, dass alle nämlich mit dem einen Wort umgehen, das heißt, mit den biblischen Texten, und man feststellt, dass doch dieses Wort-Ton-Verhältnis der Komponisten bei aller Verschiedenheit ihrer Individualität trotzdem sich sehr stark auf dieses Wort bezieht, dass man eine große Einheit wiederfindet. Und insofern hoffe ich – und nicht nur ich, sondern viele mit mir, die entsprechend natürlich auch mit besonderen, mit sehr individuellen Komponisten umgehen –, dass dadurch das Bewusstsein genau für diese selten gespielten, selten gesungenen Komponistinnen und Komponisten wieder da ist.

Dietrich: Es wäre wahrscheinlich einfacher, wenn die in dieser gregorianischen Tradition stehen würde, die ja nicht so dieses Problem zu haben scheint, dass Menschen die nicht mehr hören wollen.

Bresgott: Ja, interessant ist natürlich, dass diese komplexe Musik, die oftmals durch diese Komponisten vertreten wird, natürlich das Ohr auch beansprucht. Also was man so aus der monastischen Tradition hört, die ganzen Mönchsgesänge, ist natürlich dieses Still-Werden, dieses Eins-Werden, wonach sich gerade heute viele Menschen sehnen und die darin entsprechend auch schnell ihren Duktus finden. Und alle anderen, die entsprechend in komplexeren, polyphonen Strukturen arbeiten, erwarten auch, dass man mittut, mitdenkt, mitarbeitet beim Hören und nicht nur sagt, ich lehne mich zurück und lasse mich berieseln.

Dietrich: Spiegelt das vielleicht auch so ein bisschen so die generelle Krise von institutionalisierter Religion, dass man sagt, da, wo ich mich wirklich auch mit den Inhalten auseinandersetzen muss, da gehe ich dann vielleicht doch lieber nicht mehr hin?

Bresgott: Ja, ich kann mir vorstellen, dass auf alle Fälle das eine Rolle spielt, denn die Tendenz geht Richtung Religion, Richtung Wohlfühl-Religion, aber nicht Richtung Kirche, ich sage mal, Richtung Bekenntnis. Und das erfordert nämlich der Komponist auch, dass er sagt: Ich stehe tatsächlich allein hier mit meiner Vorstellung und erwarte aber auch, dass du mir zuhörst. Nur dann kann ich dir folgen. Und es ist natürlich ein Problem der Religion ganz genauso, der Kirche, dass sie mehr erwartet als nur, dass man sich bei ihr zurücklehnt.

Dietrich: Spielt eigentlich Musik aus anderen religiösen Traditionen eine Rolle jetzt bei der Konzeption Ihrer Reihe? Gibt es da so was wie ein interreligiöses Musizieren?

Bresgott: Das gibt es ganz gewiss. Also wir sehen eigentlich Musik als spirituellste in dem Rahmen aller Künste sowieso, und deswegen glaube ich auch, dass es eigentlich keine Unterschiede gibt zwischen einer katholischen und einer evangelischen Tradition, bzw. natürlich gibt es die in den Inhalten und in der bestimmten Form, aber grundsätzlich steht die Musik doch letztlich über den Dingen. Und wenn sie eine religiöse Musik ist, dann trifft sie eigentlich den Nerv aller, die ihr zuhören, und dafür muss man nicht entweder oder sein.

Dietrich: Evangelisch, katholisch, keine Frage. Wie sieht es aus mit anderen religiösen Traditionen, also mit Islam, mit Judentum, mit anderen Einflüssen – gibt es da irgendwelche Möglichkeiten, musikalisch zusammenzuarbeiten? Oder steht da so diese Sonderstellung der Musik im Christentum eher einer Verständigung im Weg?

Bresgott: Also gerade mit den jüdischen Traditionen sind wir quasi auch per du, denn wir haben gemeinsam die Psalmen, und die klingen auch bei den jüdischen Komponisten – ich nenne jetzt mal als Beispiel aus dem Barock Rossi – genauso schön und gut und sind genauso entsprechend in unsere Konzeption mit integriert und sollen dort auch zum Klingen kommen. Also das ist durchaus nicht nur gewünscht, sondern tatsächlich eben auch seltene, aber doch gelebte Praxis, dass das mit dazukommt.

Und natürlich haben Sie recht in Bezug auf islamische Musik, dass wir uns damit ich will nicht sagen schwertun, aber dass wir dann doch einer anderen Tradition gegenüberstehen, die nicht eben einfach so Eingang und Einklang findet. Das heißt aber nicht, dass wir sie nicht schätzen.

Dietrich: Klaus-Martin Bresgott war das im Kulturbüro der Evangelischen Kirche in Deutschland, zuständig für die praktischen Künste und ganz besonders in diesem Jahr für die Konzertreihe "366+1 – Kirche klingt 2012".

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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