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Profil / Archiv | Beitrag vom 18.07.2012

Im Dienste der Bühne

Theatermaler Andreas Geissel im Porträt

Von Tobias Kurfer

Berliner Schaubühne - Andreas Geissel ist dort Leiter des Malsaals.
Berliner Schaubühne - Andreas Geissel ist dort Leiter des Malsaals. (AP Archiv)

Seine Gemälde sind mal naturalistisch, mal informell-abstrakt - und weil sein Auftraggeber das so wünscht, streicht er oft einfach nur alles schwarz. Andreas Geissel ist Leiter des Malsaals der Berliner Schaubühne. Sein Schaffen steht ganz im Dienste des Theaters.

Zuletzt arbeitete der 57-Jährige für ein neues Stück von Thomas Ostermeier: Ibsens Drama "Ein Volksfeind" feiert heute Abend Premiere - allerdings nicht in Berlin, sondern in Frankreich, beim Festival d’Avignon.

Der Bühnenbildner ist zufrieden mit seinem Theatermaler. Unter dem prüfenden Blick seines Vorgesetzten wirft Andreas Geissel mit Kreide ein Interieur an die schwarzen Wände einer Guckkastenbühne. Sitzmöbel, einen Laptop, ein Designer-Fahrrad. Die Skizzen soll er live anfertigen bei den Aufführungen von Ibsens "Volksfeind" an der Schaubühne, so zumindest der vorläufige Plan.

Geissel: "Natürlich. Wenn der Regisseur sagt, sieht doof aus, dann muss alles geändert werden. Also wenn er jetzt heute kommt, Herr Thomas Ostermeier und findet die Malerei nicht gut, dann müssen wir den großen Schwamm nehmen und wieder alles wegwischen."

Andreas Geissel, 57 Jahre alt, langer Haarzopf, schwarze Hornbrille. Der Theatermaler hat für herausragende Regisseure gearbeitet: Heiner Müller, George Tabori, Robert Wilson. Er hat impressionistisch-flirrenden Bühnenlandschaften geschaffen, beklemmende Theaterräume aus abstrakten Liniengeflechte und fotorealistische Porträts.

Geissel: "Man muss wirklich total drin sein und das praktisch wie ne Zeitung lesen können, wie der Strich ist oder wie die Aggressivität ist - oder ist ja nicht nur ’ne agressiv, ist ja auch ne Feinsinnigkeit mit drin, eine Duftigkeit und Leichtigkeit drin, obwohl das harte Striche sind."

Andreas Geissel kommt am 15. Februar 1955 im Ostberliner Stadtteil Friedrichshagen zur Welt. Der Vater ist Ingenieur, die Mutter Konstruktionszeichnerin. Ihr Sohn malt schon als Dreijähriger geradezu manisch. Nach der Schule beginnt er eine Lehre zum Bühnenmaler, studiert nach Abschluss der Ausbildung Theatermalerei in Dresden. Geissel bekommt eine Anstellung beim DDR-Fernsehen, der 23-Jährige entwirft Kulissen für DEFA-Spielfilme und Unterhaltungsshows. Ein guter Job, doch der junge Künstler eckt an.

Geissel: "Die ganze politische Lage und so, das hat mir nicht mehr so zugesagt. Und bin da auch nicht mehr so richtig klargekommen. Obwohl die Malerei war einzigartig dort und hat mir auch sehr viel Spaß gemacht. Aber irgendwie ging das so nicht mehr weiter. Und im Verband bildender Künstler wollten sie mich auch nicht haben."

1985 kommt es zum Eklat mit der Hochschulleitung. Geissel kündigt. Er steht nun praktisch auf der Straße.

In der Not sattelt der Künstler um. Geissel geht bei einer freien Puppenspielerin in die Lehre. Er schnitzt jetzt Kasperleköpfe, übt sich im Schauspiel, schreibt kleine Stücke. 1987 stellt er einen Ausreiseantrag. Eine folgenschwere Entscheidung.

Geissel: "Durch den Ausreiseantrag hat man dann so ein paar Repressalien - also unsere Auftritte sind zurückgegangen. Und na ja, dann gab’s auch mit dem Laden ein paar Schwierigkeiten und so."

Der "Laden", das ist seine Galerie in Friedrichshagen. Über das, was dort vorfällt, will Andreas Geissel öffentlich lieber nicht sprechen.

Zweieinhalb Jahre nachdem er sein Gesuch eingereicht hat, bekommt der Maler die Erlaubnis zu gehen. Geissel verlässt die DDR Ende Oktober 1989. 14 Tage später fällt die Mauer.

Das neue Leben in der Freiheit beginnt auf dem Sozialamt. Mit Puppenspiel lässt sich im Westen das Leben nicht bestreiten. Geissel will in den gelernten Beruf zurückkehren. Und der Schritt gelingt fast mühelos.

Seine Arbeiten überzeugen die Verantwortlichen an der Berliner Schaubühne. 1990 erhält er dort eine Anstellung. Nach einem Monat wird er zum Leiter des Malsaals befördert.

Malsaal Leniner Platz. Bühnenbauteile müssen grundiert werden. Dann steht der Entwurf für die Plakate zum neuen Ibsen-Stück an. Theatermalerei ist Kreativarbeit im Akkord.

Geissel: "Ja, man kann zum Beispiel nachts einen Anruf bekommen: Du musst unbedingt heute noch um 23 Uhr mal schnell in die Schaubühne kommen, wir müssen das und das noch ändern. Da muss man bereit sein dafür, für den Wahnsinn."

Raum zur Entfaltung gibt es dabei stets nur so viel, wie Regisseur und Bühnenbildner einräumen. Manchmal lasse man ihn frei, sagt Geissel. Dann sei er am besten. Und wenn er einmal nicht frei sein kann.

Geissel: "Wenn ich mal nicht frei sein kann, dann mal ich mich in meinem Atelier frei, zu Hause."