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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 23.04.2010

"Im buntesten Chaos"

Das Jüdische in der Musik

Von Julia Kaiser

Unterhaltsam und spannend sind auch die Abende, an denen es nicht nur um das geht, was in der Synagoge zu hören ist.
Unterhaltsam und spannend sind auch die Abende, an denen es nicht nur um das geht, was in der Synagoge zu hören ist. (Stock.XCHNG)

Das Jüdische in der Musik zu entdecken – dieser Aufgabe hat sich der Musiker Michael Abramovich gestellt. Seine Konzertreihe auf den Spuren jüdischer Komponisten oder vom Judentum beeinflusster Musiker ist immer noch ein Geheimtipp.

"Juden lieben Musik und verstehen etwas davon. Das werden auch unsere Feinde nicht leugnen. Wenn ein Kantor zu uns kommt, laufen wir nach Biletten, um ihn zu hören. Und wenn Musikanten auf einer Hochzeit spielen, sind wir gewiss verpflichtet zuzuhören, wie die Kapelle die güldene Hühnersuppe mit ihrem Stücklein begleitet – gewöhnlich keinem fröhlichen. Dafür würden wir einen Sack Borschtsch hingeben",

schreibt der Autor Scholem Alejchem 1888 in seinem Roman "Stempenju". Die Vortragsreihe "Das Jüdische in der Musik" ist ein Kaleidoskop, von Szenen und Zahlen, Anekdoten und Personen der Musikgeschichte.

"Stempenju, er hat wirklich existiert, ein großer Klezmer. Er starb ungefähr 1880. Und man sagt, dass, wenn er in ein Stedtl kam, fielen die Frauen in Ohnmacht. Er war eine Art Lizt der Stedtl."

Der Pianist Michael Abramovich hat sich die Konzertreihe ausgedacht. Geboren in Bukarest, aufgewachsen in Jerusalem, in Berlin lebend, hat er einen kosmopolitischen Blick auf musikalische Einflüsse verschiedener Kulturen. Auch mal mit einem Augenzwinkern. Etwa, wenn er seine Gedanken mit Johann Sebastian Bach beginnt - weil er schließlich viele alttestamentarische Texte vertont habe.

Sein Blickwinkel hat die Programmdirektorin des Jüdischen Museums überzeugt. Auch vom Titel "Das Jüdische in der Musik", sagt Cilly Kugelmann.

"Es gibt sicherlich Themen, die mit dem Adjektiv "jüdisch" verbunden sind, wo ich sagen würde, das ist barer Unsinn. Es gibt zum Beispiel kein jüdisches Geld oder keine jüdische Hose. Es gibt keine jüdische Art zu Musizieren, aber in der jüdischen Musiktradition hat sich etwas aufgebaut und entwickelt, dem man nachgehen kann."

Man könnte viele Schwerpunkte setzen, zum Beispiel die Musik der im Nationalsozialismus verfolgten jüdische Komponisten. Darum geht es aber bewusst nicht, sondern um völlig unbefangene Entdeckungsfreude für die älteste Kunst im Judentum, die Musik – und Regeln dafür.

"Der nächste Komponist Salomone Rossi, also Shlomo Rossi, der Hebräer, hat 1623 in Venedig eine Sammlung von Liedern herausgebracht. Das ist eine sehr interessante Episode in der liturgischen jüdischen Musik, denn vokal polyphon zu singen, das war verboten. Die Idee war, immer nur eine Stimme zu haben, für die Zerstörung des Tempels. Und für diese Sammlung, die er veröffentlichte, brauchte er rabbinische "approval", damit er das durfte. Und Sie müssen verstehen, dass dies italienische Musik war, nur mit hebräischen Wörtern, und das war ein ganz revolutionärer Akt."

Jüdische Einflüsse gibt es in der gesamten westlichen Kultur. Lateinisch oder Griechisch, Spanisch oder Französisch – viele Texte gehen auf eine hebräische Quelle zurück. Und eben auch ihre musikalische Umsetzung.

"Im buntesten Chaos" heißt die Reihe im Untertitel, nach Richard Wagners Schrift "Das Judentum in der Musik".

"Das ist ein ziemlich abschätziges Zitat über die Juden, die nicht wirklich etwas schaffen könnten, künstlerisch, nur im 'buntesten Chaos' seien. Und trotzdem finde ich dieses Zitat sehr schön. Er war vielleicht ein Antisemit, aber auch ein ganz sensibler Mensch. Und dieses 'bunteste Chaos' ist ja auch wahr. Was damals verpönt war, Chaos und Pluralität, wissen wir heute, das ist doch normal."

Michael Abramovich lenkt die Pluralität seines Programms ganz prächtig. Unter den Gästen sind Spezialisten aller Musikgenres; Chöre, Solisten, Ensembles und Bands. Etwas Besonderes sind Abramovichs Wiederentdeckungen. Kompositionen, die vielleicht nur ein einziges Mal aufgeführt wurden und in Vergessenheit geraten sind. Oder Stücke, an denen nicht nur Juden gearbeitet haben.

"Isaak Nathan, ein Kantor, geboren 1792 in England, gestorben in Australien 1864, wollte eine Sammlung von synagogalen Gesängen herausgeben. Er hatte die Melodien, aber er wollte einen Namen, der Texte für diese Melodien schreiben sollte. Er hat mehrere Leute gefragt – und Lord Byron hat ja gesagt. Und so sind seine "Hebrew Melodies" entstanden. Das bringt uns wiederum zu Joseph Joachim – großer Musiker, Komponist, Freund Busonis. Und er hat auch Stücke geschrieben nach Eindrücken der Byron’schen Gesänge."

Ob der Titel wirklich aufgeht, ob "Das Jüdische in der Musik" wirklich gefunden werden kann, wird sich in vier Jahren zeigen. So lange geht die Reihe im Jüdischen Museum Berlin noch. Sie zeigt die leuchtendsten musikalischen Farben "im buntesten Chaos" – und Michael Abramovich präsentiert sie mit einem Augenzwinkern.

"Das Jüdische ist, würde ich was sagen, nur ein Gag. Was ist schon jüdische Musik? Es ist etwas, das man untersucht, aber es ist vielleicht ohne Antwort. Das ist auch was typisch Jüdisches, man beantwortet eine Frage mit einer anderen Frage."

Das nächste Konzert der Reihe "Im buntesten Chaos" im Jüdischen Museum Berlin ist am 24. April 2010.