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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 04.11.2008

Ikonografien der Ohnmacht

Dietmar Kammerer: "Bilder der Überwachung“, Suhrkamp, 384 Seiten

Die Sicherheit, die Kameras versprechen, täuscht. (Stock.XCHNG / andrew parker)
Die Sicherheit, die Kameras versprechen, täuscht. (Stock.XCHNG / andrew parker)

Paranoide Ängste und ungeheure Hoffnungen - mit beidem ist die Technik der Videoüberwachung verbunden. Der Journalist und Kulturwissenschaftler Dietmar Kammerer legt mit "Bilder der Überwachung" ein umfassendes Standardwerk vor. Gut lesbar und unaufgeregt souverän argumentiert er alle denkbaren Aspekte: von den technischen, urbanen, wahrnehmungs- und herrschaftstheoretischen - bis zuletzt auch denen des Widerstands.

Videoüberwachung ist alltäglich geworden. Im Pionierland Großbritannien soll es mehr als 4,2 Millionen Kameras geben: Auf 14 Einwohner käme eine Kamera des so genannten CCTV, des "Fernsehens für einen geschlossenen Benutzerkreis".

In Deutschland wird die Videoüberwachung seit den 50er Jahren für Verkehrszwecke benutzt und seit 1994 verstärkt ausgebaut, vor allem im kommerziell-privaten Raum, etwa in Einkaufszentren und Parkhäusern. Trotzdem weiß man nicht viel über CCTV - was wohl der Hauptgrund dafür ist, dass sich mit ihm sowohl paranoide Ängste wie ungeheure Hoffnungen verbinden.

Dietmar Kammerer hat sich in seinem Buch "Bilder der Überwachung" ein dankbares Thema gewählt. Die gut lesbare, stellenweise blendend formulierte und unaufgeregt souverän argumentierende Doktorarbeit des jungen Journalisten und Kulturwissenschaftlers geht allen denkbaren Aspekten der Videoüberwachung nach: den technischen, urbanen, wahrnehmungs- und herrschaftstheoretischen, populär- und hochkulturellen - und zuletzt auch denen des Widerstands. Dabei vermählt sich vorzügliche empirische Kenntnis glücklich mit avancierter Theorie.

Zunächst räumt Kammerer mit der Auffassung auf, es gebe "die" Videoüberwachung. Nicht nur die Technik sei extrem unterschiedlich: Kameras mit niedriger oder hoher Auflösung, starr oder schwenkbar, in oder außer Betrieb oder zeitweise eingeschaltet, per Funk oder per Kabel mit einer Zentrale verbunden, die in der Nähe oder weit weg sein kann; Bilder werden gar nicht, auszugsweise oder ständig aufgezeichnet. Auch die die Beobachter vor den Monitoren sind mal Polizisten, mal private Sicherheitsleute oder automatisierte Systeme, deren Fähigkeiten noch gering sind.

Videoüberwachung soll Verbrechen verhindern und Bürgern Sicherheit geben. Beides gelingt ihr nur eingeschränkt: Gewaltverbrechen werden nicht verhindert, Eigentumsdelikte immerhin vermindert. Dafür reicht allerdings schon die Ankündigung, Kameras installieren zu wollen, an die dann regelmäßig erinnert werden muss: Nicht die Kameras, sondern die Ängste vor ihnen zeigen Wirkung.

Auch in anderer Hinsicht ist das Sicherheitsversprechen zweischneidig: Wo eine Kamera hängt, wird Sicherheit versprochen - und zugleich Gefahr angezeigt. Würde die Kamera ihren Zweck aber tatsächlich erfüllen, müsste sie wieder abgebaut werden.

Warum gibt es trotz eingeschränkter Wirkung und offenbarer Widersprüche immer mehr Überwachung? Kammerer bietet verschiedene Erklärungen an: Die Kameras würden, indem sie das abweichende Verhalten Einzelner und die potenzielle Abweichung von Gruppen wie Jugendlichen oder Ausländern erfassen, alte und neue Kontrollregime miteinander verbinden. Ihre Existenz zeige zudem an, dass immerhin etwas unternommen wird.

"Im Überwachungsbild wird passive Beobachtung (Jemand sieht zu) mit aktiver Überwachung (Jemand kann die Situation lenken, kann helfend eingreifen) gleichgesetzt."

Die Sicherheit, die Kameras versprechen, täuscht. Immerhin gibt es die Bilder, oder? Doch wenn nach einer Tat endlich Aufnahmen aus dem Datenwust isoliert werden, ist der Täter selten zu identifizieren. Die Aufnahmen verwandeln sich zu machtvollen Ikonografien der Ohnmacht, sie haben das Verbrechen nicht verhindern können: der verschwundene kleine Junge an der Hand seines Entführers oder Mohammed Atta, der Attentäter des 11. September 2001, in der Sicherheitsschleuse des Flughafens von Portland.

Auf der Basis dieser vielfältigen Annäherungen diskutiert Kammerer souverän die Überlegungen von Michel Foucault, Guy Debord und Gilles Deleuze zur Überwachungs-, Spektakel- und Kontrollgesellschaft. Von kulturpessimistischen Voyeurs- oder Narzissmusdiagnosen hält er nichts. Er will die Macht der Bilder als "aufgeklärter Ikonoklast" verstehen, nicht sie unterschätzen oder dramatisieren. Die Ergebnisse dieses reflektierten Bildersturms lassen das Buch wohl für längere Zeit zum Standardwerk werden.

Rezensiert von Jörg Plath

Dietmar Kammerer: Bilder der Überwachung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008,
384 Seiten, 13 Euro

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