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Tonart | Beitrag vom 14.03.2016

Iggy Pop: "Post Pop Depression"Der altersmilde Punkrock-Opa

Von Markus Mayer

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US-Sänger Iggy Pop auf der Bühne (dpa / Picture Alliance / Ferdy Damman)
Je oller desto doller: US-Sänger Iggy Pop rockt mit 68 Jahren die Bühne. (dpa / Picture Alliance / Ferdy Damman)

Iggy Pop, der wilde Mann des Rock, veröffentlicht sein Alterswerk: Auf dem Album "Post Pop Depression" zeigt sich der 68-Jährige angegriffen und zerbrechlich wie nie zuvor.

Wer hätte gedacht, dass es von Iggy Pop, dem coolsten Hund des Garagenrock, mal ein Alterswerk zu hören gäbe? Bei "Post Pop Depression", dem neuen Album von James Osterberg alias Iggy Pop handelt es sich um ein solches. Auch wenn der 68-jährige Punkrock-Opa immer noch ein schockierend agiler Performer ist. Er tut gut daran, sich nicht jünger zu machen, als er ist.

Auf "Post Pop Depression" widmet sich Iggy Pop Themen wie der Rückschau. In dem Titel "German Days" lässt er die Zeit in Berlin aufleben. Wer als älterer Herr immer noch die gleichen Inhalte beschreibt und besingt wie mit 20, wie das etwa Paradiesvogel Morrissey tut, der macht etwas verkehrt.

Dem Hörer das Herz brechen

Aber erst mal schön der Reihe nach: Mit der dramatischen Ankündigung einer Verführung beginnt das Album. Er wolle dem Gegenüber, also dem Hörer, das Herz brechen, ihm unter die Haut gehen, droht Iggy. So wie das klingt, glaubt man es auch.

Der Opener wartet mit sämtlichen schaurig-schönen Stilmitteln auf, die das Album zu bieten hat. Hier zeigt Josh Homme, was er kann. Der Mastermind der "Queens Of The Stone Age", der amtlichen Hardrockkapelle unserer Tage, könnte ein Sohn von Pop sein, ein musikalischer Ziehsohn ist er allemal.

Homme zieht alle Register, die einem Kapellmeister in der Rockmusik und gewieften Produzenten derzeit zur Verfügung stehen: Die Klangräume der Instrumente trennt er scharf voneinander, nichts überlagert sich.

Es wird schnörkellos gespielt, mit viel Druck, Zierrat wie Soli müssen draußen bleiben. Die "Raw Power", die nackte Lebenskraft, die Igyy einst mit den Stooges musikalisch beschwor, wird in ein hoch komprimiertes Mini-Epos im Songformat kanalisiert.

Eine Ballade rahmt Homme mit einem knalligen Gitarrenriff, bei anderen dreht er die Stimmung des Hauptteils in einem lyrischen Nachspiel um, die Aussage des Stücks wird relativiert. In "Sunday" endet die schonungslose Selbstbezichtigung mit einem herbstlichen Walzer.

Todesbote aus dem Comic-Magazin

Iggy Pop, der wilde Mann des Rock, zeigt sich angegriffen, altersmilde und zerbrechlich wie nie zuvor. "This hasn't been an easy life", resümiert er in "American Valhalla" und empfiehlt sich selbst als Held für die Ruhmeshalle, zu der er den Weg nicht findet. In "Vulture" beschreibt er einen Geier am Straßenrand als Todesbote aus dem Comic-Magazin, ein kokettes Spiel mit dem Thanatos.

Auch an Pops Stimme ist das Alter nicht spurlos vorbeigegangen: Manchmal dröhnt sie wie ein Nebelhorn. Die Geschmeidigkeit von einst - dahin. "Post Pop Depression" ist ein wehmütiger Hörfilm, ein Balladenalbum, das viele Sound-Ideen der Berlin-Scheiben von Iggy Pop, die David Bowie produziert hat, aufgreift, bis dann im letzten Song "Paraguay", einer Fluchtfantasie in eine andere, schöne Welt, der alte Wüterich wieder zum Vorschein kommt und eine Tirade gegen das "Digital Age" loslässt – gemeint sind wiederum wir, die Hörer - oder sind es Mitspieler wie Josh Homme?

Er wolle das Album noch auf einer Tournee präsentieren, erklärte Pop im Interview, danach will er sich Gedanken über einen Rückzug machen. Mit "Post Pop Depression" kann er zufrieden sein. Das Album, auf der Höhe der Zeit, lässt sich zwischen Meisterwerken wie "New Sensations" und "American Caesar" und persönlichen Statements wie "Avenue B" und "Préliminaires" einordnen. Und: Man muss dazu nicht über die Bühne toben, man könnte die Songs auch im Sitzen vortragen.

Iggy Pop: Post Pop Depression
Caroline (Universal Music)

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