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Interview / Archiv | Beitrag vom 10.10.2011

IG-Metall-Chef erwartet Lohnsteigerungen "in beträchtlichem Umfang"

Appell an die Politik: Auswüchse im Niedriglohnsektor beschränken

Berthold Huber im Gespräch mit Jan-Christoph Kitzler

Bleibt die Wirtschaft jetzt stabil, könnten Stahlarbeiter im kommenden Jahr mehr Lohn bekommen. (AP)
Bleibt die Wirtschaft jetzt stabil, könnten Stahlarbeiter im kommenden Jahr mehr Lohn bekommen. (AP)

IG-Metall-Vorsitzender Berthold Huber hat deutliche Einkommenssteigerungen für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie angekündigt. Die nächste Tarifrunde sei im Frühjahr kommenden Jahres. "Dann werden wir auch wieder Einkommenssteigerungen in beträchtlichem Umfang haben".

Jan-Christoph Kitzler: Die Gewerkschaften sind ein wichtiger Machtfaktor in Deutschland, und das zu Recht. Denn bei den Verhandlungen zwischen Arbeitgebern und den Gewerkschaften, den Vertretern der Arbeitnehmer, geht es ans Eingemachte. Wie viel ist Arbeit hierzulande wert und unter welchen Bedingungen sollen die Beschäftigten arbeiten, das sind die Grundsatzfragen. Aber die Gewerkschaften, sie sind immer wieder auch eine wichtige Stimme im tagespolitischen Klein-Klein. Die Macht der Gewerkschaften, die zeigt sich dieser Tage auch beim Gewerkschaftstag der IG Metall in Karlsruhe: Unter dem Motto "Kurswechsel: Gemeinsam für ein gutes Leben" beraten die rund 480 Delegierten noch bis Samstag. Bundespräsident Christian Wulff hat da gestern schon gesprochen und auch die Kanzlerin will in dieser Woche noch vorbeischauen. Doch wie steht es um die Gewerkschaften in Zeiten der Krise? Darüber spreche ich jetzt mit Berthold Huber, dem Vorsitzenden der IG Metall. Schönen guten Morgen!

Berthold Huber: Guten Morgen, Herr Kitzler!

Kitzler: Sind Krisenzeiten eigentlich schlechte Zeiten für Gewerkschaften, weil der Kuchen kleiner wird, weil die Bürger das Gerede von den alternativlosen Entscheidungen eher zu glauben geneigt sind?

Huber: Nein, aber viele Menschen fühlen sich natürlich bedroht. Arbeitsplatzverlust, Krisen bringen ja immer Ängste auch hervor und Angst ist ein schlechter Lehrmeister. Und das führt nicht automatisch zu Solidarisierung. Wir haben uns immer entschieden, dass wir in solchen existenziellen Fragen die Sicherheit des Arbeitsplatzes nach vorne stellen, und haben – das sehen Sie ja an der Krise 2008, 2009 bis Anfang 2010, dass wir das ganz gut bewältigt haben –, im Verhältnis zu früheren Krisen haben wir weniger Arbeitsplätze verloren, deutlich weniger Arbeitsplätze verloren ...

Kitzler: ... und dafür wurden die Gewerkschaften ja auch zu Recht gelobt.

Huber: Ja.

Kitzler: Wie ist das aber, die Krisenzeit ist aber keine Zeit für kräftige Lohnerhöhungen.

Huber: Nein.

Kitzler: Wie groß ist denn das Verständnis dafür noch bei Ihren Mitgliedern?

Huber: Ja, ich kann es ja mal so sagen: Wenn die Leute an Bord bleiben – was unser erstes Ziel war, unsere Parole war, keine Entlassungen –, dann bleiben die Menschen an Bord, Produktion findet nur noch auf 50-Prozent-, 40-Prozent-Ebene statt, dann haben Sie Produktivitätsverluste, die sind natürlich gigantisch, das ist doch logisch. Das ist keine gute Zeit für Lohnerhöhungen. Wir haben 2008 noch ein außerordentlich gutes Tarifergebnis erreicht, gut, und wir hoffen natürlich sehr, dass die Wirtschaft stabil bleibt. Und wir haben unsere nächste Tarifrunde im Frühjahr nächsten Jahres, also wenn es um Lohn geht, was die Lohnfrage anbelangt. Ja, und dann werden wir auch wieder Einkommenssteigerungen in beträchtlichem Umfang haben.

Kitzler: Deutschland kommt ganz gut durch die Krise, aber trotzdem, die Lohnentwicklung über alle Branchen hinweg ist in Deutschland seit 2000 die niedrigste in der gesamten EU. Haben die Gewerkschaften da nicht etwas falsch gemacht?

Huber: Das eigentliche Problem ist das, wo ich ganz offen sage, das ist sehr schwierig zu beeinflussen. Wir haben einen gravierend anwachsenden Bereich des Niedriglohnes, das sind inzwischen über sieben Millionen Menschen! Und das, wenn man es gesamtwirtschaftlich betrachtet, führt dann dazu, dass Sie in der Metall- und Elektroindustrie drei, zwei, fünf Prozent vereinbaren können, das dringt aber gar nicht bis zum Niedriglohnsektor raus. Und ich will auch ausdrücklich sagen, das können wir alleine nicht lösen. Dazu gehören Mindestlöhne, das muss Politik mitmachen, dazu gehört das Eindämmen von Niedriglohnarbeit, wir haben ja rund 38 Prozent der jungen Leute bis 25, die letztes Jahr – 38 Prozent, das muss man sich mal vorstellen –, die letztes Jahr in Leiharbeit, in befristeter Arbeit, in Zeitverträgen drin waren. Das muss man anpacken, das ist eines der größten Probleme. Um die Durchsetzungsfähigkeit der IG Metall bei Lohnforderungen in unseren Kernbereichen mache ich mir keine Sorgen.

Kitzler: Sie sind ja ein Vertreter der sogenannten Realwirtschaft. Wie bitter ist das für Sie persönlich, dass jetzt schon wieder von riesigen Rettungssummen für die Banken die Rede ist?

Huber: Also, ehrlich gesagt, ich habe das mehrfach gesagt auch in Berlin, auch in direkten Diskussionen, in öffentlichen Debatten. Ich habe mich diesem Geschwätz vom XXL-Aufschwung nicht angeschlossen, niemals. Das war immer ein dummes Geschwätz, das war so Fishing-for-Compliments ...

Kitzler: ... aber?

Huber: Aber ich habe immer gesagt, die eigentlichen Ursachen für 2008, 2009 sind nicht beseitigt. Man muss strukturelle Veränderungen vornehmen. Das heißt zum Beispiel, dass man die Finanzierung der Realwirtschaft loslöst vom spekulativen Investmentbanking, dass die Frage der Finanztransaktionssteuer jetzt endlich, und nicht nur zum Schein nach, angegriffen wird, dass wir eine Finanzierung auch in Europa aufbauen, die stabile Entwicklungen möglich macht. Und da ist ja überhaupt oder fast gar nichts geschehen.

Kitzler: Aber diese Aussagen, die gab es ja auch schon 2008, nach der Pleite der Lehman Brothers.

Huber: Na gut, dann kann ich nur sagen, dann bin ich nicht gehört worden. Ich predige das rauf und runter und ich verstehe nicht, warum Politik ihren Pflichten an der Stelle nicht nachkommt. Wobei ich ausdrücklich sagen will, das ist nicht nur eine nationale Frage, sondern ist eine gesamteuropäische Frage, zumindest die des Euroraumes.

Kitzler: Blicken wir mal in die Zukunft der Gewerkschaften: Schon aus demokratischen Gründen wird es ja vermutlich langfristig weniger Arbeitslose geben möglicherweise, es ist schon die Rede vom Fachkräftemangel. Heißt das ...

Huber: ... Sie meinen demografische ...

Kitzler: ... demografischen, genau, heißt das auch, die Arbeitnehmer werden in Zukunft stärker umworben, die Gewerkschaften haben weniger zu tun?

Huber: Nein. Das heißt, die Gewerkschaften haben eher mehr zu tun. Warum: Wir haben an Krisenszenarien und bedrückenden Ängsten kein Interesse. Was wir wollen, ist gute Arbeit, sicher und fair, dass die Leute Entwicklungschancen haben, dass die Jungen nach ihrer Ausbildung in ein festes Arbeitsverhältnis übernommen werden, dass sie auch ein Stück weit ihre eigene Lebensplanung machen können. Entschuldigung, da fallen mir, Herr Kitzler, eine Menge Punkte ein, was Gewerkschaften nicht nur nicht überflüssig macht, sondern wichtiger denn je.

Kitzler: Und diese Themen werden diskutiert bei Ihrem Gewerkschaftstag bis Samstag noch ...

Huber: ... natürlich, klar ...

Kitzler: ... unter dem Motto "Kurswechsel: Gemeinsam für ein gutes Leben". Der Gewerkschaftstag der IG Metall, das war Berthold Huber, der Vorsitzende. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Huber: Ich danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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