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Lesart / Archiv | Beitrag vom 20.01.2016

Idylle als GegengiftClaus Leggewie liest ein Winterbild

Moderation: Frank Meyer

Ein Kleinkind hat einen Schneemann gebaut und geht von diesem weg. (dpa/ picture-alliance/ Peter Kneffel)
Ein Kleinkind im verschneiten Englischen Garten und ein kleiner Schneemann; Aufnahme vom 16. Januar 2015 (dpa/ picture-alliance/ Peter Kneffel)

In unserer Rubrik "… liest ein Bild" nehmen wir uns aktuelle Pressefotos vor. Heute besprechen wir ein winterliches Parkidyll vom Wochenende, aufgenommen wurde es im Englischen Garten in München.

Ein Kleinkind, das aus dem Bild läuft, ein halb fertiger Schneemann und viel, viel Schnee. Was sagt uns dieses Bild?

Der Politologe Claus Leggewie meint: "Ich lese da eine Idylle, ich lese da Rührung, Unschuld, Verzauberung. Das ist eines der Bilder, die am Wochenende jeder hätte machen können."

Doch Leggewie sieht dieses Pressefoto auch als ein Bild, das sich von den vielen anderen Bildern, die wir seit Monaten in den Medien sehen, wohltuend unterscheide. Es sei eben KEIN Bild, das uns mit Terror und Krieg konfrontiere. Insofern könne uns dieses Postkartenidyll aufmuntern. Hin und wieder müssten wir entspannen – auch visuell.

Leggewie: "Und wer möchte in diesen Zeiten, die ja nun wirklich heiß sind, nicht auch an einem locus amoenus, an einem lieblichen Ort, sein – jenseits aller politischen Schrecken und gesellschaftlichen Zwänge. Ich glaube, das ist die Funktion – die unbewusste Funktion – eines solchen Bildes."

Das heiße aber nicht, so Leggewie, dass sich der Betrachter oder die Betrachterin in eine falsche heile Welt begeben müsse. Im Gegenteil: Er oder sie reguliere – bei der Betrachtung dieses Idylls – den eigenen Gefühlshaushalt, denn die vielen Bilder von Terror und Schrecken seien - wie aktuell - in ihrer Überfülle ein Angriff auf die Ratio:

Leggewie: "Ich glaube, dass man das nicht unendlich aushält, dass man damit auch überfüttert wird, dass man damit auch in Panik versetzt wird, wo eigentlich eine ganz kalte Gefühlsanalyse notwendig ist. Und das halte ich für ein Gegengift, wenn man also idyllische Bilder produziert."

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