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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.07.2013

Ideologien verhindern Frieden

Jüdische und arabische Akademiker suchen Versöhnung

Rezensiert von Sebastian Engelbrecht

Junge fährt an einerr Trennungsmauer in Israel entlang (picture alliance / dpa)
Junge fährt an einerr Trennungsmauer in Israel entlang (picture alliance / dpa)

Die größte Utopie ist der Frieden in Nahost, meint der Historiker Ilan Pappe. Die Vorbedingung für eine Verständigung sei die Versöhnung, schreibt er. Gemeinsam mit dem Soziologen Jamil Hilal schreibt Pappe eine israelisch-palästinensische Historiographie.

Ilan Pappe ist Historiker und Utopist. Die Geschichtsschreibung hat für den Israeli ihren Sinn nicht in sich selbst, sondern sie dient dazu, die Utopie Wirklichkeit werden zu lassen – eine der größten überhaupt ist Frieden im Nahen Osten.

Der Professor an der englischen Universität Exeter sieht einen langen, steinigen Weg vor sich. Bevor Frieden politische Realität werden kann, müssten sich – so wörtlich – "Israel und seine palästinensischen Opfer" versöhnen. Dies sei eine "Vorbedingung", ein "erstes Stadium, das lange vor der Verwirklichung einer geeigneten politischen Struktur" erreicht werden müsse.

Und wie funktioniert nun Versöhnung? Über eine gemeinsame Geschichtsschreibung, der die Menschen auf "beiden Seiten der Mauer" zustimmen könnten.

Ilan Pappe: "Es ist nicht möglich, ein gemeinsames Leben in der Zukunft aufzubauen, wenn man kein gemeinsames Verständnis der Geschichte hat."

Aber schon das ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben: eine gemeinsame, israelisch-palästinensische Historiographie. Ilan Pappe und Jamil Hilal geben mit ihrem Buch ein Beispiel, wie ein solches Gemeinschaftsunternehmen aussehen könnte. Hilal lehrt Soziologie an der palästinensischen Universität Bir Zeit im Westjordanland. Beide gründeten 1997 eine "Gruppe palästinensischer und israelischer Akademiker".

"Das Ziel ist, sich von ideologischen Geschichtsschreibungen zu befreien, die einen zur Treue zur eigenen Seite verpflichten und weniger erkennen, dass diese Ideologie ein Hindernis für den Frieden ist. Und deshalb machen wir den Versuch, in der Vergangenheit Nachweise und Ereignisse zu finden, bei denen Juden und Araber die Wirklichkeit gemeinsam sehen konnten oder Beispiele in der Geschichte zu erkennen, wo es beiden Seiten gelungen ist, Empathie und Verständnis füreinander zu entdecken – mit dem Ziel, auf diesem Verständnis der Geschichte ein zukünftiges gemeinsames Leben zu begründen."


Buchcover: "Zu beiden Seiten der Mauer" von Ilan Pappe und Jamil Hilal (Laika-Verlag)Buchcover: "Zu beiden Seiten der Mauer" von Ilan Pappe und Jamil Hilal (Laika-Verlag)Ilan Pappe, Jamil Hilal und ihre Kollegen gaben dieser Gruppe den Namen "Palisad", eine Abkürzung für "Palästinensische und israelische Akademiker im Dialog". Sie wollten gemeinsam eine Brücke schlagen zwischen den "antagonistischen nationalen Geschichtsbildern", sie wollten diese Geschichtsbilder entnationalisieren. Aber die Gegenwart kam ihnen zuvor.

Wegen der Mauer, die die israelische Regierung seit 2002 durch das Land bauen ließ, wurden die Treffen der Wissenschaftler praktisch unmöglich. Sie arbeiten gelegentlich noch in Einzelprojekten zusammen. Und so haben Pappe und Hilal - entgegen dem Trend der Trennung und Entfremdung - nach der englischen nun auch eine deutsche Fassung ihres Buches herausgebracht. So beweisen sie sich selbst das Festhalten an der Utopie.

"Was ich jedoch als vorrangig betrachte, ist ein gemeinsamer historiographischer Versuch, die Vergangenheit auf nicht ethnozentrische, polyphone Weise zu rekonstruieren, und das Leid derjenigen, die zu Opfern der Kräfte des Bösen im Land wurden, auf reflektiertere und humanistischere Weise zu würdigen, was wir in diesem Band zu tun versuchen."

Wovon handelt nun diese andere Geschichtsschreibung? Der palästinensische Historiker Nur Masalha etwa beschreibt die "Auflösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems" in den 1950er Jahren. Damals gehörte es zur offiziellen, aber heimlich betriebenen Politik des Staates Israel, Palästinenser "umzusiedeln".

Das israelische "Flüchtlingssonderkomitee" plante, den "Wiederaufbau" palästinensischer Dörfer, die im jungen Staat Israel störten. Sie sollten zum Beispiel im Westjordanland oder gar in Libyen entstehen. Aber der Versuch scheiterte, die Palästinenser, die nach der Staatsgründung 1948 übrig geblieben waren, vollständig zu vertreiben.

Nur Masalhas Beitrag steht in engem Zusammenhang mit Ilan Pappes bekanntestem Buch über "Die ethnische Säuberung Palästinas". Pappe und Hilal schreiben Geschichte aus der Perspektive der Opfer. So geht es zum Beispiel um die "Judaisierung Palästinas" und um "Kolonialismus" der Zionisten.

"Wir glauben: Der Zionismus wurde unter Bedingungen geboren – da ist es verständlich, dass man wegen der Gefahrensituation für die jüdischen Gemeinden in Europa ein Leben außerhalb von Europa aufbauen wollte. Aber seit man beschloss, ein anderes und sicheres Leben außerhalb Europas auf anderem Territorium zu begründen, seitdem ist der einzige passende historische Begriff zur Beschreibung dessen, was der Zionismus in Palästina getan hat, der Begriff des Kolonialismus."

Für die Mehrheit der israelischen Bürger, auch der Historiker, ist seine Perspektive eine Provokation, ein Bruch mit der Weltsicht der zionistischen Mehrheit. Seine israelischen Kollegen unter den Autoren des Buches können der streitbaren Fraktion der "Postzionisten" zugeordnet werden.

Gleichwohl wollen Pappe und Hillal nicht verprellen, sondern verbinden. Und sie stellen nicht nur an die Zionisten Forderungen, sondern auch an die Palästinenser, von denen viele von ihrer nationalistischen Ideologie eingeengt sind.

"Das sind die drei Wörter, die die Basis für den Frieden sind: Anerkennung, Verantwortung und Akzeptanz. Die Israelis müssen anerkennen und Verantwortung übernehmen, und die Palästinenser müssen akzeptieren. Sie müssen dieses Kapitel abschließen und erklären:
'Die historischen Umstände, unter denen Ihr gekommen seid, sind nicht entscheidend – Ihr gehört zu dieser Region, und wir träumen nicht mehr davon, dass Ihr das nicht tut.'"

Auf dieser Grundlage – Anerkennung, Verantwortung und Akzeptanz – erkennt Ilan Pappe eine Möglichkeit, den Nahost-Konflikt zu lösen. Für ihn ist die Lösung ein binationaler Staat für Juden und Araber, für Israelis und Palästinenser. Das erscheint utopisch. Heute aber geht es erst einmal um eine neue Sicht auf die gemeinsame Geschichte.

Ilan Pappe, Jamil Hilal (Hrg.): Zu beiden Seiten der Mauer:
Auf der Suche nach einem gemeinsamen Bild der israelisch-palästinensischen Geschichte

Laika Verlag Hamburg, März 2013
443 Seiten, 29 Euro

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