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Thema / Archiv | Beitrag vom 15.12.2010

"Ich werte es als ein tolles Theater"

Filmemacher Cyril Tuschi über den Fall Chodorkowski

Cyril Tuschi im Gespräch mit Joachim Scholl

Michail Chodorkowski in einem Gerichtssaal in Moskau (AP)
Michail Chodorkowski in einem Gerichtssaal in Moskau (AP)

"Am Anfang war er für mich einfach nur ein Opfer", sagt Cyril Tuschi, der einen Film über Michail Chodorkowski gedreht hat. Inzwischen bewertet er den Fall aber nicht nur als Schwarz-Weiß-Drama, sondern glaubt, dass in diesem Spiel alle Täter und Opfer seien - so auch Chodorkowski.

Joachim Scholl: Vor fünf Jahren wurde Michail Chodorkowski wegen Steuerhinterziehung zu acht Jahren Haft verurteilt. Schon damals bezweifelten viele die Rechtmäßigkeit des Verfahrens, man sprach von einem politischen Prozess, weil der einstmals reichste Mann Russlands dem damaligen Präsidenten Putin in die Quere kam. Heute sollte in Moskau das Urteil in einem zweiten Prozess gegen Michail Chodorkowski fallen, wegen Unterschlagung der Einnahmen von über 200 Millionen Tonnen Öl. Dem Angeklagten drohen weitere Jahre Haft. Im Studio begrüße ich nun Cyril Tuschi, er hat gerade einen fast zweistündigen Film über Michail Chodorkowski fertiggestellt. Guten Morgen, Herr Tuschi!

Cyrik Tuschi: Guten Morgen!

Scholl: Sämtliche westlichen Beobachter bewerten dieses neue Verfahren als Farce und Justizskandal. Sie auch?

Tuschi: Ich werte es als ein tolles Theater, ich würde fast sogar vorschlagen, man könnte alle Theater Moskaus schließen und dann alle Leute und die Gäste ins Gericht führen, weil es so spannend ist.

Scholl: Ist es für Sie auch ein absurdes Theaterstück?

Tuschi: Ja, sehr oft wurde schon zitiert, dass es eher kafkaesker … wie der Prozess sei, und so ist es auch, und für jeden Laien, wirklich jeden Laien ist klar, dass das, was da passiert, nicht wirklich Sinn macht.

Scholl: Sie haben 2005 mit der Arbeit an Ihrem Film über Michail Chodorkowski begonnen, das Jahr seiner Verurteilung. Was hat Sie an diesem Fall, an dieser Person so besonders interessiert?

Tuschi: Ich war mit meinem letzten Spielfilm auf einem Festival in Sibirien und habe davon gehört, dachte, was für ein tolles shakespearsches Drama, was für eine Fallhöhe, und habe mich erst danach entschlossen, einen Dokumentarfilm zu machen, weil ich halt diesen widersprüchlichen Charakter so toll fand, dass jemand, der wirklich absoluter gläubiger Sozialist war, zu einem perfekten Kapitalisten wurde und jetzt im Gefängnis eine, wirklich wie Dostojewski, eine ganz große Aura entwickelt.

Scholl: Lassen Sie uns das noch einen Moment zurückstellen, Herr Tuschi. Wie schwierig war es denn, diesen Film überhaupt zu drehen? Ich meine, man kann so sagen, ja, jetzt drehe ich einen Film über Michail Chodorkowski, und ich meine, dieser Fall hat ja wirklich großes Aufsehen erregt und war ein Politikum in Russland und ja, nicht nur in Russland. Wie schwer war es, diesen Film zu realisieren?

Tuschi: Die ersten anderthalb Jahre habe ich gar kein Interview bekommen, mit niemandem, also von der staatlichen Seite habe ich bis heute keins bekommen, und in der ersten Phase habe ich auch von Chodorkowskis Seite kaum jemanden sprechen können. Und erst nach anderthalb Jahren hat sich das jetzt gebessert.

Scholl: Sie haben schließlich über 180 Stunden Interviewmaterial angesammelt. Was hat sich daraus für Sie ergeben, also welches Bild haben Sie jetzt von diesem Fall?

Tuschi: Eins, was ich mir immer gewünscht hatte, weil ich … Am Anfang war er für mich einfach nur ein Opfer. Ich bin immer für die Fußballmannschaft, die verliert. Und jetzt mittlerweile ist es differenzierter, also ich sehe auch, dass das nicht nur ein Schwarz-Weiß-Drama ist, sondern dass alle Täter sind eigentlich in dem ganzen Spiel, und auch Opfer. Und Chodorkowski ist ein Teil dessen.

Scholl: Sie haben vorhin schon den Namen Shakespeare fallen lassen, also die große Fallhöhe, der einst mal reichste Mann Russlands fällt also ganz tief da bis ins sibirische Straflager. Welches Bild haben Sie denn inzwischen auch von diesem Mann, der Persönlichkeit von Michail Chodorkowski? Er war ja der Inbegriff des russischen Oligarchen, so des Blitzmilliardärs auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und jetzt bezeichnet man ihn aus westlicher Perspektive als einen, ja, Märtyrer der Demokratie. Wie sehen Sie ihn?

Tuschi: Ich glaube, er hat alles das, was er in sich halt trägt, trägt er zu allen Zeiten immer in sich. Sein Lieblingsheld war der sozialistische Held Pawel Kotschargin, und er war ein wirklich Gläubiger, und er hatte ein Lenin-Poster in seinem Jugendzimmer. Und dann wurde er zu einem sehr gläubigen Kapitalist, und jetzt ist er … Er hat eine Mission auf jeden Fall. Ich glaube, er denkt sogar selber, dass er ein Messias ist.

Scholl: Was ist das für ein Gedanke, was für eine Mission glaubt Michail Chodorkowski zu haben?

Tuschi: Na, das ist ja nur mein Eindruck, und der kommt daher, weil ich gelernt habe, dass er wirklich ein sehr gläubiger Sozialist war und dass er so viele Vorbilder hatte, und dass er damals schon etwas Großes leisten wollte, dass er immer große Ziele hatte. Und ich glaube, jetzt, in dieser Phase, nachdem Geld ihm auch nicht mehr wichtig war – wenn man acht Milliarden hat, hat man andere Ziele –, dass man dann denkt: Was kann ich noch machen, also muss ich mein Land retten? Ich glaube, eher so, und dafür ist er bereit, große Opfer zu bringen.

Scholl: Hat er eigentlich diesen Glauben behalten, oder haben ihn diese acht Jahre jetzt auch, ja, verändert in dieser Richtung, was glauben Sie?

Tuschi: Sein Anwalt sagt, er hat sich nicht geändert, aber ich glaube, er hat sich schon stark geändert, die Frage ist nur, wann – ob vor dem Gefängnis oder danach? Und wenn es im Gefängnis wäre, könnte ein Zyniker sagen: Na ja, dafür sind auch Gefängnisse da, das sind Korrektureinrichtungen. Und ich glaube, er hat sich auch vorher schon geändert, und das ist das Interessante an ihm.

Scholl: Ich meine, das war ja schon vorher so, als er denn Oligarch war, hat man ja immer davon gesprochen, dass er soziale Projekte angeht, also Russland wirklich in die Demokratie führen. Er war dann nicht so ein Vorzeigekapitalist, der sich nur die Taschen vollstopft, oder?

Tuschi: Ja und nein. Er war der erste, der überhaupt so was wie Charity angefangen hat, aber er hat auch gesehen in der Anfangsphase, dass, wenn er seine Firma offen gestaltet und auch mit Charity sozusagen solche Projekte macht, dass er dadurch auch höhere Gewinne macht. Also er hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

Scholl: Sie, Herr Tuschi, konnten Michail Chodorkowski im April 2009 erstmals im Moskauer Gericht interviewen, durch eine Glasscheibe hindurch. Sie fragten, was er denn erwarte, wie dieser Prozess ausgeht, und das war seine Antwort:

Michail Chodorkowski: Bis jetzt weiß das keiner, aber im Unterschied zu einem normalen Verfahren, von dem man nicht weiß, wie es ausgeht, weil den Ausgang das Gericht entscheidet, ist es in meinem Fall so, dass keiner das Ende kennt, weil niemand weiß, welchen Befehl sie geben werden. Es ist ganz offensichtlich, dass es bislang keine abschließende Ansage von oben gibt, vielleicht – ich will eine solche Situation nicht ausschließen – werden sie dem Gericht ja sagen: Entscheidet selbst. Aber das ist doch eher zweifelhaft.

Scholl: Michail Chodorkowski im O-Ton. Cyril Tuschi, der Filmemacher, hat ihn interviewen können. Wie muss man sich das vorstellen, dieses Interview? Mitten in der Pause sind Sie dann an diesen Glaskasten gegangen und haben ein Mikrofon hingestellt?

Tuschi: Ja, das war in der Pause im Gericht, ganz am Anfang des zweiten Prozesses, und ich habe mich das nur getraut zu fragen den Richter, ob ich auch ein Interview machen kann, weil ich die jetzige Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger dort gesehen habe, wie sie eine Minute mit ihm reden durfte. Und dann habe ich einfach den Richter gefragt, ob wir auch ein Interview machen können. Und nach einer schriftlichen Anfrage durften wir es überraschenderweise am nächsten Tag machen.

Scholl: Wie lange konnten sie dann mit Chodorkowski reden?

Tuschi: Genau zehn Minuten, und jede Minute tippte mir ein Mensch mit einer Maschinenpistole auf den Rücken und machte sozusagen Countdown rückwärts.

Scholl: Das ist auch eine makabere Weise, an die Zeit erinnert zu werden. Wie war das überhaupt in diesem Prozess als Zuschauer? Sie saßen ja so mitten im Raum, auch unter anderen Zuschauern, Herr Tuschi. Was hat sich da so abgespielt, was war das für eine Stimmung?

Tuschi: Meist sehr heiter, weil die Aktionen der Prokuratoren, also der Staatsanwälte, sind immer so komisch, so absurd, dass alle immer lachen. Das ist natürlich auch grenzwertig, weil man merkt die intellektuelle Überlegenheit von den fünf Anwälten und von Chodorkowski gegenüber den Staatsanwälten, aber in Russland gibt es ja keine Tradition von Recht, also ist auch der Ruf von Staatsanwälten sehr gering.

Scholl: Im Fokus der Aufmerksamkeit stand auch immer der Richter. Wie hat der sich gegenüber Chodorkowski verhalten?

Tuschi: Na ja, der ist im Laufe dieser zwei Jahre sehr geschrumpft, der sieht eher aus wie eine Comicfigur und schrumpft immer weiter in sich zusammen, und man merkte auch, dass er oft Sympathien für die Häftlinge hat, für die Angeklagten, aber man merkt den inneren Kampf total. Also er ist auch fast einen Film wert.

Scholl: Das Absurde an diesem Theaterstück, wie Sie vorhin sagten, ist ja, dass die Anklage, ja, man kann schon gar nicht von tönernen Füßen sprechen, sondern es gibt eigentlich überhaupt keine Füße. Wird das eigentlich auch von den Beteiligten reflektiert in diesem Prozess, von den Medien, hört man da die entsprechenden Stimmen?

Tuschi: In russischen Medien wird natürlich fast nichts über den Prozess gesagt, weil die russischen Medien bis auf eine Zeitung und ein Radio kontrolliert sind, aber es wird doch relativ viel, dafür, dass alles kontrolliert ist, wird doch relativ viel thematisiert, aber nicht, dass das so absurd ist.

Scholl: Was für ein Urteil erwarten Sie?

Tuschi: Es gab früher glaube ich so einen Ausdruck von Kremlinologie, und ich kann es natürlich nicht wissen, aber so, wie die Sache jetzt läuft, gibt es zwei Möglichkeiten: Wenn der Richter zu viel Unabhängigkeit zeigt und ihm unter anderthalb Jahre gibt, wird ein dritter Prozess gestartet, und wenn der Richter ihm brav sieben Jahre gibt, dann wird kein dritter Prozess gestartet.

Scholl: Hypothetisch gesprochen, Chodorkowski kommt frei, was fürchten denn seine Gegner?

Tuschi: Nicht erst, weil er sich jetzt ja die Aura des Märtyrers aufgebaut hat, sondern auch vorher schon, fürchten sie seine Aura und sein Geld, und dass er vielleicht doch eine größere politische Macht im Land gewinnen könnte als erhofft.

Scholl: Im nächsten Jahr sind Wahlen, im nächsten Jahr würde seine Haftzeit offiziell enden. Glauben Sie, dass auch hier eine kleine kluge Zeitrechnung hinter dem Ganzen steht, dass man sagt, der Mann muss weiter verschwinden?

Tuschi: Genau, deshalb habe ich gerade ja gesagt, also wenn er sozusagen vor den Präsidentschaftswahlen freikommt, dann glaube ich, um dem entgegenzutreten, wird noch ein dritter Prozess gestartet.

Scholl: In unseren Medien heißt es wiederum, das Urteil in diesem Prozess sei zugleich ein Urteil über das russische Rechtssystem insgesamt, ob es wirklich demokratisch wird, das heißt, politisch unabhängig, so wie es Präsident Medwedew ja angekündigt hat, dass es sich in dieser Richtung entwickeln soll, oder ob es so den bekannten Strukturen politischer Einflussnahme verhaftet bleibt. Was glauben Sie?

Tuschi: Ja, es wird auf jeden Fall, man nennt es glaube ich den Lackmustest, ob die Versprechen Medwedews einfach nur Schall und Rauch sind oder ob sie der Wahrheit entsprechen, und natürlich gibt es ganz viele wirtschaftliche Interessen. Alle Wirtschaftsleute aus Deutschland, Amerika, sonst woher, die gerne investieren würden und Investitionssicherheit hätten, gucken da genau hin.

Scholl: Ihr Film ist fast zwei Stunden lang, der erste großformatige Film über Michail Chodorkowski. Viele Menschen werden sich dafür interessieren. Wann wird die Öffentlichkeit den Film sehen können, Herr Tuschi?

Tuschi: Na, ich hoffe es in der Berlinale, da haben wir es gerade eingereicht. Ich finde auch, Berlin wäre ein Super-Ort dafür, weil auch die Berlinale früher, vor der Maueröffnung, immer einen großen Ostkontakt hatte und das würde ich gerne weiterführen.

Scholl: Cyril Tuschi und sein Film "Chodorkowski". Herzlichen Dank für Ihren Besuch und, ja, alles Gute für den Film!

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