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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 06.06.2010

"Ich weiß ganz genau, dass ich keinen perfekten Film gedreht habe"

"Mammut"-Regisseur Lukas Moodysson im Gespräch mit Britta Bürger

"Mammut" ist der erste englischsprachige Film des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson (AP Archiv)
"Mammut" ist der erste englischsprachige Film des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson (AP Archiv)

Die Lebensverhältnisse und Lebensentwürfe von heutigen Eltern folgen Bedürfnissen, die sich von denen der Kinder weit entfernt haben. Wir haben den Regisseur Lukas Moodysson in Schweden erreicht und ihn gefragt, ob Kinder die eigentlichen Verlierer sind in der globalisierten Welt?

Lukas Moodysson: Also Sie haben recht, dass Kinder natürlich ein zentrales Thema in meinen Filmen sind. Ich würde es jetzt aber nicht so absolut formulieren, ich würde nicht sagen, dass Kinder die einzigen Verlierer der globalisierten Welt sind. Es stimmt, Kinder sind ein bisschen vergessen worden, sie werden von der Gesellschaft ein bisschen vernachlässigt, die Gesellschaften sind eher auf die Erwachsenen abgestimmt, mehr auf ökonomischen Fortschritt, auf Wohlstand, auf Arbeitsstunden und Kinder kommen dabei wirklich zu kurz. Aber dann gibt es natürlich noch eine ganz große Gruppe, und das zeigt mein Film "Mammut" glaube ich ganz deutlich, die sehr benachteiligt ist: Das sind die Frauen. Auf den Frauen lastet in den vergangenen Jahren sehr viel größere Verantwortung. Das hat ökonomische und soziale Gründe und viele Frauen sind weltweit gezwungen, ins Ausland zu gehen, im Ausland zu arbeiten, dort im Ausland sich um die Kinder oder die Eltern der anderen zu kümmern oder in der Sexindustrie zu arbeiten. Und diese Anzahl von Frauen, die so gezwungen ist, in das Ausland zu gehen, die hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahrzehnten so unglaublich erhöht.

Bürger: In Ihrem Film "Mammut" stellen Sie eine Parallele dar, zwischen zwei ganz verschiedenen Lebensmustern: Die einen müssen ihr Land verlassen, um den eigenen Kindern ein würdiges Leben zu finanzieren, und die anderen ackern rund um die Uhr, um den bereits erreichten hohen Lebensstandard zu halten, und verlieren ja auf diesem Weg ihre Kinder. Das sind ja Entwicklungen, die den Menschen, auch Ihren Filmfiguren durchaus bewusst sind, oder?

Moodysson: Ja, Sie haben natürlich vollkommen recht und das ist etwas, was Eltern eigentlich überall auf der Welt gemeinsam haben, ganz egal von welchen sozialen, aus welchem sozialen Hintergrund sie stammen oder wie viel oder wie wenig Geld dahintersteckt. Diese Frustration und dieser Stress, den man damit hat, dass man eigentlich nicht genug Zeit mit den eigenen Kindern verbringt, das ist etwas, was wir alle kennen. Und in Schweden beispielsweise hat der Film "Mammut" genau bei diesem Thema eigentlich die Zuschauer so unglaublich berührt, weil er sehr genau dargestellt hat, wie frustrierend das letztendlich ist, wenn man mit den Kindern nicht die Zeit verbringt, die sie verdient haben, und für, wie es für alle Seiten eigentlich etwas sehr, sehr Frustrierendes ist. Das ist aber ein, letztendlich dann auch etwas, was uns Eltern weltweit miteinander verbindet, dieser Mangel an Zeit, den wir aufbringen. Und das liegt natürlich streckenweise auch daran, dass nicht genug Geld da ist, aber es liegt auch daran, dass man es nur so schwer miteinander vereinbaren kann, eben Familie, Karriere und materieller Wohlstand.

Bürger: Der Film hat ja im vergangenen Jahr auf der Berlinale nicht nur Lob bekommen. Er hat durchaus polarisiert, manche haben gesagt, das sei doch gutmenschelnde Schwarz-Weiß-Malerei, andere fanden Ihr Frauenbild durchaus fragwürdig und kritisierten sogar eine Art reaktionären Mutterkult. Haben Sie mit solchen Vorwürfen gerechnet?

Moodysson: Also ich mag schon einmal, ich freue mich über sehr starke Reaktionen, weil, ich mag es, wenn Menschen überhaupt stark und leidenschaftlich reagieren. Das bedeutet, mein Film hat sie berührt. Ich weiß ganz genau, dass ich keinen perfekten Film gedreht habe, ich glaube ich habe noch nie in meinem Leben einen perfekten Film gedreht, aber ich kann schon behaupten, alle Filme, die ich gemacht habe, die kommen wirklich aus meinem Herzen. Und das Wichtigste für mich ist nicht das, was ich versuche, mit einem Film auszudrücken, sondern das, was das Publikum sozusagen in meinen Filmen sieht. Und ich weiß, dieser Film hier hat das Publikum stark gespalten, aber das finde ich letztendlich interessant, weil mein Film doch sehr, sehr viele Diskussionen ausgelöst hat. Zum Beispiel die Diskussion, wie gehen wir mit unseren Kindern um, wie viel Zeit verbringen wir mit unseren Kindern, aber auch die Diskussion, wie wir hier im Westen, in der westlichen Welt mit den Menschen umgehen, die aus ärmeren Regionen der Welt kommen, die, den Einwanderern, die, die dort nach Arbeit suchen. Und ich deswegen freue ich mich letztendlich, wenn mein Film zu Diskussionen anregt und ich freue mich sogar, als ich Berlin ausgebuht wurde. Aber vielleicht bin ich auch ein bisschen seltsam. Und dann möchte ich noch was eigentlich Interessantes hinzufügen: Ich sage jetzt nicht, dass das zu einhundertprozentig so stimmt, aber die Kritik, die härteste und schärfste Kritik, die an meinem Film geübt wurde, kam eigentlich immer eher von älteren Männern. Ich war gestern in Madrid auf einer kleinen Pressekonferenz zum Filmstart und auch da war so ein älterer Mann, stand ganz wütend auf und verließ einfach den Saal. Anscheinend hat ihm irgendetwas nicht gefallen. Und das ist mir doch öfter passiert, dass hier anscheinend ältere Männer mir Dinge vorwerfen, auch dieser Vorwurf der Frauenfeindlichkeit kam wirklich nur von älteren Männern. Also keine einzige Frau hat mir das jemals vorgeworfen. Es mag sein, dass einige Frauen mir diesen Vorwurf irgendwie im Stillen auch machen, aber laut gesagt hat es noch keine Frau.

Bürger: "Mammut" heißt der neue Film des schwedischen Regisseurs Lukas Moodysson, mit dem wir hier in Deutschlandradio Kultur im Gespräch sind über diese, um im Bild zu bleiben: Mammutproduktion, eine deutsch-schwedisch-dänische Koproduktion, für die Sie, Herr Moodysson, an Originalschauplätzen in New York, auf den Philippinen und in Thailand gedreht haben. Warum war das wichtig?

Moodysson: Nun eigentlich die Grundidee und die erste kleine Idee, die ich zu diesem Film hatte, die fing mit den Philippinen an, weil ich mir einfach nur die Frage gestellt habe, wie fühlt es sich für jemanden an, die Toilette eines anderen zu säubern beziehungsweise für eine andere Familie einfach nur sauberzumachen. Und das ist etwas, was eben doch sehr stark mit den Philippinen verbunden ist, weil das eine Gesellschaft, in der sehr viele Männer und Frauen eben ins Ausland gehen. Die Frauen arbeiten dann meist als Babysitterin oder aber sie kümmern sich um die erwachseneren Kinder oder sie müssen sich auch um die älteren Menschen kümmern als Krankenschwestern beispielsweise, während die Männer Berufe ausüben wie zum Beispiel Matrosen. Und das war sozusagen mein Ausgangspunkt. Dann habe ich mir die Frage gestellt, was ist das für eine Familie, wo diese philippinische Frau hingeht? Und dann kam ich sehr schnell auf die USA, weil es ja da eine geschichtliche Verbindung gibt: Die Philippinen waren eine amerikanische Kolonie und es ist eben auch bis heute so, dass man auf den Philippinen eben sehr, sehr gut Englisch spricht, damit haben es Philippinos in Amerika natürlich auch leichter, weil sie schon die Sprache sprechen, und sind auch sehr begehrt. Und so kam ich dann auf Amerika und sehr schnell auf New York, weil New York schon in gewisser Weise immer noch das Zentrum der Welt, das Zentrum der westlichen Welt bedeutet und einen gewissen Mikrokosmos für diese westliche Welt auch darstellt. Und Thailand, das hatte einen ganz einfachen Grund: Thailand ist nun einmal für eine ganz gewisse, berüchtigte Industrie der wichtigste Ort und das ist die Sexindustrie.

Bürger: Warum haben Sie sich für eine durchgängige Ästhetik in dem Film entschieden? Man hätte diese Kontraste zwischen New York und den Philippinen und Thailand ja auch ganz anders herausstellen können?

Moodysson: Nun ehrlich gesagt hat mich das wirklich nicht interessiert, da ästhetische Unterschiede zu machen, weil ich eine ganz andere Idee von der Welt habe. Also ich sehe die Welt eigentlich als einen sehr schönen Ort an, in dem unglaublich viel Wachstum und in dem unglaublich viel Schönes am entstehen ist, in dem es unglaubliche Möglichkeiten gibt. Allerdings passieren in dieser schönen Welt auch sehr, sehr viele traurige Dinge. Aber für mich ist dieser Unterschied fundamental: Also wir leben nicht in einer tragischen Welt, in der tragische Dinge passieren, sondern wir leben eigentlich in einer sehr schönen Welt, in der eben auch tragische, traurige Dinge geschehen. Aber es ist eigentlich ein wunderbarer Ort. Und das ist für mich der Unterschied zwischen Zynismus und einer Form von Romantischsein, von Romantik, und ich würde wirklich sagen, ich bin kein Zyniker.

Bürger: Warum heißt der Film eigentlich "Mammut"?

Moodysson: Einerseits denke ich, das kann jeder Betrachter des Films auch so ein bisschen für sich entscheiden, was dieser Filmtitel "Mammut" für ihn bedeutet. Aber ich kann natürlich sagen, was es für mich bedeutet, und für mich bedeutet es gleich unglaublich viele Dinge. Einmal mag ich den Klang des Wortes Mammut sehr gerne, dann steckt Mama irgendwo da drin, also es geht um Eltern. Dann steht das Mammut, oder der Mammut steht dann auch für unsere Vergangenheit, nämlich dass der Mammut ausgestorben, dass Mammuts ausgestorben sind. Das wiederum steht auch ein bisschen für eine Zukunft, für eine Gefahr in unserer Zukunft, es besteht ein Risiko – ein gewissermaßen kleines Risiko, aber es besteht –, dass wir genau das gleiche Schicksal erleiden könnten, wir als Menschen, wie die Mammuts, nämlich dass wir aussterben könnten. Und dann steht natürlich "Mammut" auch für diesen sehr, sehr kostbaren Stift, den Leo geschenkt bekommt von seinem Geschäftspartner, einen sehr, sehr kostbaren, sehr, sehr teuren Stift, der aus Elfenbein eigentlich stammt, was mich dann natürlich auch daran erinnert, dass es ja irgendwie eine sehr, sehr schöne, aber auch perverse Idee ist, bei toten Tieren und Skeletts sozusagen etwas auszubuddeln, um daraus wieder etwas sehr Schönes herzustellen. Das ist in sich etwas sehr Fragwürdiges, aber auch natürlich sehr, sehr Menschliches.

Bürger: Der schwedische Filmregisseur Lukas Moodysson. Danke Ihnen für das Gespräch, Herr Moodysson!

Moodysson: Thank you very much!

Bürger: Am Donnerstag kommt "Mammut" in unsere Kinos.

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