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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.11.2011

Ich weiß es doch auch nicht!

Sarah Kuttner: "Wachstumsschmerz“, S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011, 288 Seiten

Sarah Kuttner (picture-alliance/ dpa)
Sarah Kuttner (picture-alliance/ dpa)

Die Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner legt ihr zweites Buch vor. Es handelt von Luise, Schneiderin, 32 Jahre alt, die in ihrem Leben mit Job, Freund und sich selber hadert. Wie so viele andere Gleichaltrige hat sie Probleme mit dem Erwachsenwerden und kommt einfach nicht zu Potte.

Wenn Verlage Wochen vor Erscheinen eines Titels großformatige Hochglanzbroschüren von vier bis acht Seiten auflegen, mit riesigen Fotos des Autors oder der Autorin, Inhaltsangabe und Hinweisen zu Werbemaßnahmen und Anzeigenplatzierung, dann heißt das nicht nur, das sich der Verlag viel von diesem Buch verspricht. Auch die angesprochenen Medien müssen gut aufpassen: Achtung, Ereignis! Achtung, Bestseller! Der neue Roman der Fernsehmoderatorin Sarah Kuttner gehört in diese Kategorie, und die Begründung liefert der Verlag in seinem Folder gleich mit: Ein Jahr hat Kuttners 2009 veröffentlichter Debütroman "Mängelexemplar" in den Bestsellerlisten gestanden und sich über eine halbe Million mal verkauft.

Hatte "Mängelexemplar" zum einen aber eine Art Charlotte-Roche-Bonus (ah, jetzt auch die Kuttner!), zum anderen ein genauso ernstes wie modisches Thema (Burn-Out bei jungen Leuten!), so ist der zweite Kuttner-Roman "Wachstumsschmerz" jetzt das schwierige zweite Buch. Es geht darin um die Schwierigkeit, endlich erwachsen zu werden, sich für einen Partner ultimativ zu entscheiden, beruflich Pflöcke einzuschlagen.

Kuttners Heldin heißt Luise, ist 32 Jahre alt, arbeitet als Schneiderin von Herrenanzügen und hat beschlossen, endlich mit ihrem Freund Flo zusammenzuziehen. So weit, so alltäglich. Doch schon das gemeinsame Wohnen ist für Luise ein großer Schritt. Es kommt, wie es kommen muss: Zu viele "Wir-Gefühle", wie Luise es ausdrückt, zu wenige "Ich-Gefühle", zuviel "Wir-Zeit", zu wenig "Ich-Zeit". Und dann ist Flo auch nicht einer der streitlustigsten Männer und geht jedem Konflikt aus dem Weg. Dass die Beziehung in die Brüche geht, weiß man übrigens von Beginn an, weil Kuttner in ihren Text immer wieder kleine "Memos" eingeschoben hat, in denen die Ich-Erzählerin in der plötzlich wieder Flo-losen und viel zu großen Wohnung dem Verflossenen nachsinniert.

"Ich weiß doch auch nicht", sagt Luise, als es zum entscheidenden Gespräch mit Flo kommt. "Ich bin einfach nicht zufrieden. Nicht mit mir, meinen Entscheidungen, meinem Leben und nicht mit dir. Uns". Warum Luise auch sonst unzufrieden ist, das erzählt Kuttner in einer leicht aufgekratzten, manchmal betont flapsigen und schlichten Ildiko-von-Kürthy-Prosa. Luise weiß nicht, ob sie nicht weiterhin nebenher modeln soll (und lässt es irgendwann), ob sie sich nicht als Schneiderin zu Höherem berufen sein sollte (eigene Kollektion! Theater!). Zudem läuft es mit ihrem Vater nicht so, wie sie sich das vorstellt. Der liebt sie nicht so, wie sie es gerne hätte. Halt findet sie nur bei ihrer Schwester Jana oder ihrer Freundin Rieke.

"Wachstumsschmerz" ist ein Zielgruppenbuch, die "extendend version" eines "Neon"-Artikels. Es wendet sich an die Generation der 30- bis 40-Jährigen, im Übrigen nicht ausschließlich an dessen weiblichen Teil: Quarterlife-Crisis, das Labyrinth der Lebens-, Liebe-, und Berufsmöglichkeiten, das Ende aller juvenilen Illusionen, das sind die Themen. Kuttner schafft es tatsächlich, dass ihre Leser sich aufgehoben fühlen und sich nicht fremdschämen müssen. Kurzum: ein ordentlicher Bestseller. Von einer Autorin, die man allerdings auch mit diesem Roman nicht als Schriftstellerin bezeichnen möchte.

Besprochen von Gerrit Bartels

Sarah Kuttner: Wachstumsschmerz
S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011
288 Seiten, 16,99 Euro

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