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Reportage / Archiv | Beitrag vom 11.07.2013

"Ich schäme mich für meine Mitbürger"

In Berlin machen NPD und Anwohner mobil gegen Flüchtlinge

Von Claudia Van Laak

Die geplante Notunterkunft für Flüchtlinge im ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium in Marzahn-Hellersdorf. (picture alliance / dpa Foto: Hannibal Hanschke)
Die geplante Notunterkunft für Flüchtlinge im ehemaligen Max-Reinhardt-Gymnasium in Marzahn-Hellersdorf. (picture alliance / dpa Foto: Hannibal Hanschke)

Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf sollen 200 Flüchtlinge in einer leer stehenden Schule untergebracht werden. Nur wenige Nachbarn haben keine Vorbehalte gegenüber den Asylsuchenden. Die Ängste der Anwohner werden von Rechtsextremen zusätzlich geschürt.

In Berlin sind Schulferien, trotzdem strömen an diesem heißen Sommerabend etwa 800 Menschen auf den Hof der Schule am Rosenhain. Einige junge Männer tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift: "Nein zum Heim".

In Jackett, weißem Hemd und mit akkuratem Seitenscheitel, so steht Franz Allert, der Leiter des Berliner Landesamtes für Gesundheit und Soziales vor den Hellersdorfern.

"Wir alle wissen, dass wir derzeit in der Welt die größten Fluchtbewegungen überhaupt haben. Laut Aussagen der Vereinten Nationen. Und ein Teil dieser Leute kommt eben nach Europa, nach Deutschland und eben auch nach Berlin."

Sein Versuch, Verständnis für die Flüchtlinge und die neue Notunterkunft zu wecken, quittieren die Anwesenden mit höhnischen Zwischenrufen und Sprechchören.

"Nein zum Heim" brüllen die einen. "Nazis raus" die anderen.

Direkt vor dem Podium hat sich Berlins NPD-Landesvorsitzender Sebastian Schmidke postiert, die Arme herausfordernd vor der Brust verschränkt. Plötzlich stürzt er nach vorn, schnappt sich ein Mikrophon.

"Schönen guten Tag, wir setzen uns natürlich gegen das Asylbewerberheim hier ein."

Einige johlen, andere entreißen dem NPD-Chef das Mikrofon. Junge, durchtrainiert wirkende Männer mit kurzen Haaren und verspiegelten Sonnenbrillen, viele von ihnen am ganzen Körper tätowiert, rücken auf das Podium zu, zwei postieren sich dahinter. Es dauert einige Zeit, bis Mitarbeiter des Bezirksamtes Marzahn-Hellerdorf die Neonazis zurückdrängen können. Dann ergreift ein Befürworter der Flüchtlinge das Wort:

"Wenn Sie mal im Lexikon nachgucken, 1830, da steht über Berlin etwa 100.000 Einwohner, von denen 27 Prozent der deutschen Sprache mächtig sind. 83 Prozent waren Flüchtlinge. Ihr alle seid Nachkommen von Flüchtlingen. Schämt Euch."

Der Mann kommt nicht ungehindert zurück zu seinem Platz, ein Neonazi pöbelt, schubst ihn. Gleichzeitig ergreift ein Anwohner das Wort: die Flüchtlinge damals sind ja aus West- und Osteuropa gekommen, sagt er, das ist etwas ganz anderes als heute.

"Nicht vom Balkan, nicht aus Afrika und auch nicht aus Asien. Ist ein großer Unterschied. Das ist das Erste. Das Zweite: Welche legale Möglichkeit haben wir jetzt noch, dieses Heim zu verhindern? Bevor Mord und Totschlag ausbricht?"

Während immer mehr Hellersdorfer Stimmung machen gegen das Flüchtlingsheim, versinken die politisch Verantwortlichen fast hinter ihrem Tisch, werden blasser und kleinlauter.

Rechte Stimmungsmache im Internet

Dabei hätten sie vorgewarnt sein können: auf Facebook macht seit Wochen eine anonyme Gruppe namens "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf" gegen die Notunterkunft für Flüchtlinge mobil. Kommentatoren mit Fantasienamen hetzen gegen Ausländer, preisen die "Nein zum Heim"-T-Shirts an, initiieren eine Online-Petition gegen das geplante Flüchtlingsheim.

Facebook ist DER neue Ort für Rechtsextreme. Das hat wenige Stunden zuvor Stefan Glaser von der Organisation "Jugendschutz.net" auf einer Pressekonferenz in Berlin festgestellt.

"Die Rechtsextremen verlagern ihre Aktivitäten ins Social Web. Das heißt, nutzen die Dienste, die die Jugendlichen tagtäglich nutzen. Wenn sie etwas bei Youtube oder Facebook einstellen, dann erreichen sie eine ganze Menge junger Leute, die natürlich ihre Hauptzielgruppe ist."

Zurück auf den Schulhof in Hellersdorf. Jetzt melden sich immer mehr Frauen zu Wort. Ich habe mir gerade ein neues Auto vom Mund abgespart, sagt eine tätowierte Mittzwanzigerin, ihre Stimme droht überzuschlagen. Wer garantiert mir, dass die Ausländer das nicht klauen? Andere beklagen sich über fehlende Mitsprachemöglichkeiten: Das Heim wird uns einfach vor die Nase gesetzt, sagen sie. Und warum müssen wir Ausländern helfen?

"Wir haben auch unsere Arbeitslosen, sicherlich. Unsere sozial Schwachen, die mit solchen Gebäuden vielleicht unterstützt werden können. Und, und wir haben unsere Obdachlosen, nicht zu vergessen."

Ein älterer Mann in kurzer Sommerhose und mit offenem Hemd kommt auf die Reporterin zu, zeigt auf das Mikrofon. Bitte senden Sie diese Hetze nicht, sagt der pensionierte Pfarrer Dietmar Meckel in flehentlichem Ton, ich schäme mich für meine Hellersdorfer.

"Ja, das ist richtig. Ich schäme mich für meine Mitbürger, die hier rumbrüllen. Da bin ich tief betroffen über diese Stimmung hier, ja. Ich bin schockiert."

Am Ende, nach eineinhalb Stunden, sind alle aufgebracht. Entweder, weil sie gegen das Heim sind und sich machtlos gegenüber der Politik fühlen. Oder weil sie sich darüber ärgern, dass der Bezirk Marzahn-Hellersdorf als Veranstalter nichts gegen die Neonazis unternommen hat. Bianca Klose ist dieser Ansicht, die Leiterin des mobilen Beratungsteams gegen Rechtsextremismus in Berlin. Sie zieht nervös an ihrer Zigarette, tippt ins Handy, kritzelt etwas in ihr Notizbuch.

"Hier gab es auch keinen Schutz für Menschen, die wahrscheinlich, hoffentlich, auch gerne das Wort gegen diese Rechtsextremen erheben wollten. Sondern ganz im Gegenteil, die wurden ja zum Teil nach Redebeiträgen für die Unterbringung von Flüchtlingen hier in Marzahn-Hellersdorf von Rechtsextremen bedroht, angepöbelt, bespuckt."

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