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Fazit / Archiv | Beitrag vom 16.11.2010

"Ich muss meine Erinnerungen korrigieren"

Schriftsteller Dieter Schlesak zu den Spitzelberichten Oskar Pastiors

Dieter Schlesak im Gespräch mit Anke Schaefer

Dieter Schlesak: Wir wurden der Freiheit beraubt, eine freie Literatur zu schreiben.  (Stock.XCHNG / Ivan V.)
Dieter Schlesak: Wir wurden der Freiheit beraubt, eine freie Literatur zu schreiben. (Stock.XCHNG / Ivan V.)

Der rumäniendeutsche Autor Dieter Schlesak, Freund Oskar Pastiors, hat in Bukarest seine Akten eingesehen, die die Securitate über ihn angelegt hat. Dieter Schlesak hat darin Berichte von Pastior über sich gefunden und Hinweise darauf, dass Pastior auch den Lyriker Georg Hoprich bespitzelt hat, der sich nach der Haft wegen eines Gedichts das Leben nahm.

Anke Schaefer: Im September ist bekannt geworden, dass der Dichter Oskar Pastior in den 60er-Jahren für den rumänischen Geheimdienst Securitate gearbeitet hat. Es war der Münchner Literaturwissenschaftler Stefan Sienerth, der Pastior als IM mit dem Decknamen "Otto Stein" enttarnt hat. Unklar war aber bislang, ob er tatsächlich Spitzelberichte geschrieben hat und wenn ja, in welchem Umfang. 2006 ist Oskar Pastior gestorben, im selben Jahr wurde er posthum mit dem Büchner-Preis ausgezeichnet. Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller hat Pastiors Erfahrungen im sowjetischen Arbeitslager in ihrem Roman "Atemschaukel" verarbeitet, und sie war eine seiner engsten Freundinnen und wusste auch nichts von seiner Tätigkeit für die Securitate. Jetzt hat der rumäniendeutsche Schriftsteller und Freund Pastiors Dieter Schlesak in Bukarest seine Akten eingesehen, die die Securitate über ihn angelegt hat, und er hat darin Berichte von Oskar Pastior über sich selbst gefunden und Hinweise darauf, dass Pastior auch den Schriftsteller Georg Hoprich bespitzelt hat. Der war wegen eines einzigen Gedichts ins Gefängnis geworfen worden und hat sich nach der Haftentlassung umgebracht. Es könnte also sein, dass Pastior mit für diesen Selbstmord verantwortlich ist. Dazu hat heute Ernest Wichner bei uns im Programm Stellung genommen, der das Literaturhaus Berlin leitet und Herausgeber der Werkausgabe Pastiors ist.

Ernest Wichner: Wenn es stimmen sollte, dass Oskar Pastior nach der Haftentlassung seinen früheren Freund – die waren auch befreundet – Georg Hoprich besucht hat in Hermannstadt und über ihn Berichte für die Securitate angefertigt hat, dann ist sozusagen nichts mehr Rettendes über Oskar Pastior in irgendeiner Weise vorzubringen, dann ist er in einer Weise belastet, das führt dann bis hin zur Mitschuld an dessen Selbstmord. Aber das finde ich in diesem Artikel leider nicht nachgewiesen.

Schaefer: Und ich bin jetzt mit Dieter Schlesak verbunden, guten Abend!

Dieter Schlesak: Guten Abend!

Schaefer: Herr Schlesak, kann man denn tatsächlich so weit gehen, nahezulegen, dass Oskar Pastior für den Selbstmord von Georg Hoprich mit verantwortlich sein könnte?

Schlesak: Nein, ich möchte das nicht so direkt und auf diese Weise in den Raum stellen. Ich habe diese Nachricht von Hans Bergel bekommen, ich habe aber keine Möglichkeit einer Überprüfung und eines Beweises für diese Tatsache. Dass er nach Hermannstadt gefahren ist, dass er einen Auftrag hatte, Georg Hoprich zu bespitzeln, das ist unzweifelhaft.

Schaefer: Weil das geht aus den Akten hervor?

Schlesak: Ja. Dass er zu diesem Umkreis gehört hat, der nach der Haftentlassung Georg Hoprich so sehr bedrängt hat, dass er so verzweifelt war, dass seine Frau Angst hatte um sein Leben, das ist auch Tatsache, und es ist auch Tatsache, dass eben Pastior mit dazugehört hat zu diesem ganzen Netz. Dass er jetzt allein verantwortlich dafür ist, das ist sicher falsch.

Schaefer: Sie schreiben in der "FAZ", Oskar Pastior habe über Ihre Gedichte geschrieben in den Berichten an die Securitate, sie seien "hermetisch, kalt und unfähig, ein Gefühl oder eine Botschaft zu vermitteln, die die Leser in unserem Land angehen". Ich nehme an, wenn man so etwas liest, das trifft einen ganz ungeheuer.

Schlesak: Also mich hat weniger diese Einschätzung getroffen als das, was zwischen den Zeilen steht, über mein ideologisches Verhaftetsein mit der Moderne, also dass wir im Grunde genommen so einen Staat stürzen, umstürzen wollen. Das hat die Paranoia der Securitate uns zugewiesen.

Schaefer: Ein Umsturz eben durch die Literatur und durch die Lyrik.

Schlesak: Das war nur die Grundlage dafür. Ich meine, wo sind die Waffen? Es war nicht nur die Literatur, die Literatur war nur die Grundlage, ideologische Grundlage. Wir wurden der Freiheit beraubt, eine freie Literatur zu schreiben, und deshalb wollten wir diesen Staat angeblich umstürzen, was ja ein Wahnsinn ist. Das gab es nicht. Wir waren kleine Literaturredakteure bei einer kleinen Literaturzeitschrift, ich hatte zwar da junge Autoren, ich war Redakteur verantwortlich für Lyrik, und ich hatte allerdings denen gesagt: Es wäre schön, wenn wir einen Widerstand leisten können mithilfe dem Versteckspiel mit der Metapher, dass wir brisante Themen und brisante Wahrheiten da verbergen können, ohne dass die Zensur uns ertappt, es an den Leser zu bringen!

Schaefer: Oskar Pastior war ja selber Schriftsteller, Dichter, er war ein wundervoller Mensch, haben viele Freunde über ihn gesagt, und Sie selbst haben ihn ja auch in der "Zeit" im September sehr heftig verteidigt. Wie erklären Sie es sich, dass er dieses doppelte Spiel gespielt hat?

Schlesak: Ja, ich habe ja auch gesagt, dass es um Schizophrenie ging. Ich habe es nicht fassen wollen, ich war schockiert davon, dass er sich ja selbst, im Grunde genommen selbst verraten und bespuckt hat, indem er in mir und in dem, was ich in dieser Redaktion gemacht habe, nämlich die Moderne der rumäniendeutschen Literatur zu fördern, das moderne Gedicht, die westdeutsche Lyrik als Beispiel gab, dass er das der Securitate als feindliche Ideologie verkauft hat, wobei er selbst ja zu diesem Kreis gehört hat. Er war der modernste von uns allen und hat die modernste Lyrik geschrieben und nachher ja auch experimentelle Lyrik und Wiener Kreis und so weiter. Das weiß man ja. Das ist unverständlich. Ich traute meinen Augen nicht.

Schaefer: Aber muss man nicht auch solche Akten mit großer Vorsicht lesen, weil es könnte ja sein, dass nicht alles wirklich von ihm ist, sondern dass vielleicht der Securitate-Offizier auch einiges hinzugefügt hat.

Schlesak: Ja, genau. Das habe ich ja auch versucht. Ich habe ihn ja in der "Zeit" verteidigt, und ich habe auch hier versucht, abzuschwächen und zu sagen, dass nicht alles geglaubt werden muss und da zu barer Münze genommen werden muss, was dort steht.

Schaefer: Oskar Pastior gilt als einer der größten Sprachartisten der deutschen Lyrik. Die Frage ist, ob seine Lyrik jetzt jenseits dieser gestellten moralischen Fragen Bestand haben kann?

Schlesak: Ich glaube, das darf man nicht vermischen. Ich glaube, seine Lyrik bleibt weiter bestehen, also die Haltung, die moralische Haltung, das Leben, die verschiedenen Verwirrungen und Verstrickungen, die ein Autor erlebt hat in seinem Leben, die kann man nicht mit seiner Kunst vermischen. Das ist falsch.

Schaefer: Wie geht es Ihnen, Herr Schlesak, jetzt, mit diesen Informationen, die Sie aus den Akten entnommen haben?

Schlesak: Nicht gut. Es hat sich verändert, ich habe auch nicht nur den Oskar Pastior, sondern auch andere Freunde noch gefunden. Ich muss meine Erinnerungen korrigieren, das heißt, sie sind korrigiert worden, und ich bin jetzt in diesem inneren Prozess einer seelischen Verwirrung, meine ganze Jugenderinnerung hat darunter gelitten. Sogar die Stadt Bukarest daran meine Erinnerung, auch die rumänische Sprache hat gelitten, das ist ja alles Rumänisch, was ich da gelesen habe, nicht Deutsch.

Schaefer: Vielen Dank für das Gespräch, Herr Schlesak!

Schlesak: Ich danke Ihnen auch!

Links bei dradio.de:

Schatten der Vergangenheit <br> Ernest Wichner zur Interpretation der Berichte des Securitate-IM "Otto Stein" alias Oskar Pastior
"Ich sehe nicht, wie man das weiter halten könne" - Autor Wagner gegen Weiterführung der Oskar-Pastior-Stiftung

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