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Interview / Archiv | Beitrag vom 01.03.2012

"Ich kann mir Priesterinnen vorstellen"

Präses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend wünscht sich Umdenken in Kirche

Simon Rapp im Gespräch mit Jörg Degenhardt

Rapp: "Gemeinsame christliche Botschaft hinaustragen." (Deutschlandradio - Daniela Kurz)
Rapp: "Gemeinsame christliche Botschaft hinaustragen." (Deutschlandradio - Daniela Kurz)

Die Kirche werde nicht als die Institution wahrgenommen, die tatsächlich die Lebensfragen junger Menschen beantwortet, sagt Simon Rapp, Präses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ). Die Kirche müsse sich mehr bemühen, die Fragen der Menschen von heute zu beantworten.

Jörg Degenhardt: Kirchenaustritte, die Zukunft der katholischen Fakultäten an den deutschen Hochschulen, der innerkirchliche Gesprächsprozess – an Gesprächsthemen herrschte wohl kein Mangel bei der Frühjahrstagung der Deutschen Bischöfe, die heute in Regensburg zu Ende geht. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, macht in Optimismus, in vielen Fragen weiß er seine Kirche auf einem guten Weg. Die Laienbewegung "Wir sind Kirche", die sieht das ganz anders, sie meint, Laien werden missachtet, kritische Priester erhalten einen Maulkorb.

Wie steht es also um den innerkirchlichen Dialog, wie kommt die katholische Kirche aus der Krise und findet zeitgemäße Antworten? Darüber möchte ich mit Pfarrer Simon Rapp sprechen, er ist Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend. Guten Morgen, Herr Rapp!

Simon Rapp: Guten Morgen!

Degenhardt: Allzu viel ist bisher nicht nach draußen gedrungen aus der Konferenz, von kontroversen Debatten ist jedenfalls nichts zu hören Regensburg. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?

Rapp: Das ist jetzt morgendlich passend Kaffeesatzleserei, was wirklich rauskommt. Ich denke, da sind unsere Bischöfe ganz unterschiedlich drauf. Mal kommen kontroverse Debatten raus, mal kommt die Harmonie raus, mal eben nicht. Und sie halten hinter verschlossenen Türen, bis sie sich endgültig geeinigt haben. Ich bin selber mal auf die Pressekonferenz heute Mittag ganz gespannt!

Degenhardt: Welche Fragen und vor allem auch welche Antworten sind denn Ihnen besonders wichtig?

Rapp: Sie haben ja dieses Mal einen Schwerpunkt gesetzt auch auf die wissenschaftliche Theologie, wie die in Deutschland betrieben wird, das wissenschaftliche Reden von Gott, wie es Kardinal Lehmann gestern ausgedrückt hat in seiner morgendlichen Ansprache. Ich denke, das ist durchaus etwas, was sich lohnt, mal näher hinzusehen. Denn Geisteswissenschaften sind ja bei jungen Menschen heutzutage nicht ganz unbeliebt, also, das gibt es ja immer noch, nur die katholische Theologie scheint davon ziemlich abzufallen.

Degenhardt: Dann machen wir es mal ganz praktisch, wie empfehlen Sie beispielsweise heute jungen Menschen ein Theologiestudium?

Rapp: Ehrlich gesagt, wüsste ich auch nicht, warum sie Theologie studieren sollten.

Degenhardt: Immerhin eine ehrliche Antwort!

Rapp: Ja, weil, einmal habe ich eben, in der Arbeit mit jungen Leuten merke ich immer wieder, dass die Kirche nicht als die Institution wahrgenommen wird, die tatsächlich die Lebensfragen von jungen Menschen beantwortet, da haben wir einen ganz, ganz großen Vertrauensverlust erlitten, dass junge Menschen hier eben kaum die Antworten auf die Fragen ihres Lebens finden. Und wenn jemand Theologie studiert, stellt sich immer gleich die Frage, was will er denn damit dann hinterher?

Priesterberuf ist jetzt heutzutage nicht gerade … Also, da gibt es viele Vorbehalte, als Priester in die Kirche einzusteigen, in den anderen pastoralen Berufsgruppen gibt es manchmal Einstellungsstopps in den Bistümern, das Personal wird zurückgefahren. Da ist es sicherlich sehr, sehr schwierig, was mache ich anschließend mit diesem Studium?

Degenhardt: Ich will mal noch einen Schritt zurückgehen, Herr Rapp: Wie groß ist denn der wirkliche Bedarf, die christliche Botschaft weiter zu erforschen?

Rapp: Ich denke, der Bedarf ist riesengroß. Wir müssen neu lernen und immer noch tiefer daran arbeiten, die Botschaft Gottes, die Botschaft, die uns auch die Heilige Schrift überliefert, mit der Lebenswirklichkeit der Menschen heute in Kontakt zu bringen und auf die Fragen der Menschen von heute eine Antwort zu geben auch aus den Schriften, die uns da überliefert sind. Und da braucht es auch die wissenschaftliche Rede von Gott. Um die richtigen Worte zu finden, um auch manches noch mal neu deuten zu können.

Degenhardt: Was fragen denn junge Menschen zum Beispiel Sie als Pfarrer? Mit welchen Problemen sind Sie zuallererst konfrontiert?

Rapp: Es sind oftmals tatsächlich Fragen in Beziehungssachen, so das erste Verliebtsein, wie gehe ich damit um, da komme ich durchaus ab und an mal ins Gespräch mit jungen Menschen, allerdings nicht so viel. Es sind mehr so die Zukunftsaussichten: Lohnt es sich oder was soll ich in dieser Welt noch leben, wo gibt es Hoffnung in dieser Welt, wenn man konfrontiert ist mit allen möglichen Problemlagen?

Oder auch die heutigen Fragen, dass junge Menschen unglaublich unter Druck stehen, was die Schule, was die Berufsausbildung anbelangt, und kaum Freiräume haben, um sich selbst mal zu entwickeln. Das sind so Fragen, die wir durchaus im kleinen Kreis oder im Gespräch mit jungen Leuten dann ab und an mal besprechen.

Degenhardt: Katholizismus in der heutigen Zeit: Wie sehr gehören für Sie Frauen dazu, auch als Priesterinnen?

Rapp: Frauen gehören für mich ganz, ganz wesentlich dazu, weil, mindestens die Hälfte der Katholiken sind Frauen und auch wenn man Jesu Wirken und Leben anbelangt: Er hat Frauen eingebunden, nie ausgeschlossen. Und von daher wäre es für mich gar nicht vorstellbar. Außerdem ist es eine große Bereicherung, wenn wir Männer und Frauen zusammen Kirche gestalten können. In den Jugendverbänden erlebe ich das sehr konkret, dass also Männer- und Frauen-Amtsträger und sogenannte Laien miteinander Kirche gestalten können, und ich finde das so wertvoll und so fruchtbar, dass ich das durchaus auch als Modell für viele andere kirchliche Institutionen mir vorstellen könnte.

Degenhardt: Zu den großen Problemen der Kirche gehört ja bekanntlich auch der Priestermangel. Ich will noch mal nachfragen, können Sie sich Priesterinnen vorstellen, auch, um diesen Mangel zu beheben?

Rapp: Ich kann mir Priesterinnen vorstellen, aber nicht aus dem Grund, diesen Mangel zu beheben. Ich denke, das sind zwei Paar Stiefel, die müssen wir ganz weit auseinanderhalten. Auf der einen Seite, ich tu mich nach wie vor schwer mit den lehramtlichen Aussagen, warum Frauen nicht zu Priestern geweiht werden, da … Die haben mich noch nie persönlich überzeugt. Und im Gespräch mit vor allem auch jungen Menschen merke ich, da ist keine Überzeugungskraft drin.

Die Frage, wo ich eher hinziele, wenn es um die Frage des Frauenpriestertums oder auch überhaupt um das Priestertum geht, ist eher, dass wir uns grundlegende Gedanken machen müssen, warum wir in unserer Kirche Priester haben, welche Aufgaben sie tatsächlich haben, ob es rein die Leitungs- und Führungsaufgaben sind und die sakramentalen Spendungen, oder ob wir nicht gerade bei Leitungs- und Führungsaufgaben in unserer Kirche viel mehr den Kreis weiten müssen und nicht alles auf den Kleriker verengen dürfen in unserer Kirche. Da sehe ich ein ganz, ganz großes Zukunftsproblem, das wir auch dringend angehen müssten.

Degenhardt: Ein weiteres Problem möchte ich noch streifen, und zwar mit einem Ausblick auf den Stand der Ökumene aus der Sicht junger Katholiken, ein wichtiges Thema. Muss da mehr Bewegung rein?

Rapp: Ich möchte schon fast ketzerisch sagen: Die jungen Leute haben das Thema Ökumene abgehakt, sie tun es einfach. Wenn es junge Menschen gibt, oder die jungen Menschen, die wirklich daran interessiert sind, dass sie in Kirche arbeiten, dass sie eine Botschaft von Gott haben, die sie gerne in die Welt hinaussagen wollen, die wollen diese Botschaft gemeinsam hinaustragen, die trennen da nicht nach Konfessionen und nach einzelnen theologischen Fragestellungen, die bis heute nicht geklärt sind. Die gemeinsame christliche Botschaft hinauszusagen, das gemeinsame christliche Zeugnis in einer säkular werdenden Welt ist ihnen wesentlich wichtiger als die Abgrenzung zwischen irgendwelchen Konfessionen.

Degenhardt: Mit Simon Rapp, Bundespräses des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, sprach ich über seine Vorstellungen von einem modernen Katholizismus. Herr Rapp, vielen Dank für das Gespräch!

Rapp: Gerne, schönen Tag noch!

Degenhardt: Danke!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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