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Buchkritik

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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.07.2009

Ich ist ein anderer

Bragi Olafsson: "Der Botschafter", Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2009, 365 Seiten

Verschwommene Wahrnehmung: In der Geschichte mischen sich die Identitäten.
Verschwommene Wahrnehmung: In der Geschichte mischen sich die Identitäten. (intuitivmedia.net)

Der isländische Lyriker Sturla Jon wird zu einem Literaturfestival nach Litauen eingeladen. Dort will er seinen neuen Gedichtband vorstellen - doch sind die Gedichte überhaupt von ihm? In seinem Roman "Der Botschafter" spielt Bragi Olafsson, ehemaliger Bassist der Björk-Gruppe "Sugarcubes", mit den Identitäten von Menschen, Texten und Dingen.

"Wir Dichter dürfen sagen, was uns in den Sinn kommt, nicht wahr? Selbst wenn es grober Unfug ist", sagt irgendwo in der Mitte dieses Romans, der sich etwas kokett "Gedicht in freiem Vers" nennt, in Wilna ein bärtiger litauischer Dichter namens Jokubas Daugirdas, der einen Bruder hat, der wiederum ein Restaurant führt, das Jokubas dem Helden des Romans, dem isländischen Dichter Sturla Jon, dringend empfiehlt, worauf Sturla Jon sich in dieses Lokal begibt, wo ihm nun sein schöner teurer Aquascutum-Trenchcoat gestohlen wird, den er am Anfang…

Nein, hier brechen wir ab, der Satz könnte noch lange so weitergehen. "Der Botschafter" ist ein Roman vertauschter und unsicherer Identitäten, und zwar von Menschen, Texten und Dingen. Selbst dieser Sturla wird sich irgendwann fremd. Dann erinnert man sich an den Hinweis auf Rimbauds berühmtes "Ich ist ein anderer" schon nach 30 Seiten. Das eine ergibt sich aus dem anderen, es treten erstaunliche Beziehungen zutage, alles hängt irgendwie zusammen (und ist eigentlich gar nicht so kompliziert, wie es sich hier vielleicht anhören mag).

Sturla Jon, Anfang 50, ein bekannter Lyriker in Island, wird also nach Litauen eingeladen, zu einem Lyrikfestival, und irgendwie fühlt er sich in Wilna und dann in einem Kaff namens Druskininkai (das nahe der weißrussischen Grenze tatsächlich existiert!) als Vertreter, als "Botschafter" seines Landes. Ehe es so weit ist, muss er sich noch von Vater, einem etwas nervenden Filmbesessenen, und Mutter, einer manchmal den Verstand verlierenden Alkoholikerin, verabschieden. Das braucht bei beiden seine Zeit, in der wir nun gleichzeitig mit einigen Sachen vertraut gemacht werden, die wir einfach wissen müssen.

Vor allem die Sache mit der Mappe, die Sturlas Großvater gehörte und die nach Großvaters Tod zunächst bei Sturlas Vetter Jonas landete. In der Mappe fand Sturla dann ein fertiges Lyrikmanuskript mit sehr brauchbaren Gedichten, die nun, nach 30 Jahren, die Grundlage seines neusten Gedichtbands bildeten, wegen dem er nach Litauen eingeladen wurde. Womit er nicht rechnete: Ein ehemaliger Schulkamerad kennt den Zusammenhang und bezichtigt ihn öffentlich des Plagiats…

Man liest das gerne, weil der Roman im Ganzen geistreich ist, artistisch raffiniert, amüsant und mit einer "haarfeinen, cleveren Ironie", wie es (in Tina Fleckens haarfeinem, cleveren Deutsch) heißt. Und weil sich die überraschenden und skurrilen Szenen in schneller Folge abwechseln (auch wenn man versucht sein wird, die eine oder andere Passage zu überspringen, zum Beispiel wenn Sturla seitenlang über seine fünf Kinder räsoniert).

Natürlich ist Bragi Olafsson ein postmoderner Spieler, man darf ihn wohl auch mit Fug und Recht einen Paul-Auster-Schüler nennen (wenn auch für Olafsson der Zufall nicht ganz so bedeutend ist wie für Auster). Fazit: Neu ist das Spiel mit den Identitäten, mit Originalen, Artefakten und Plagiaten weiß Gott nicht mehr. Aber eben noch immer faszinierend.

Besprochen von Peter Urban-Halle

Bragi Olafsson: Der Botschafter. Gedicht in freiem Vers
Aus dem Isländischen von Tina Flecken
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2009
365 Seiten, 19,95 Euro