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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.09.2009

"Ich habe sie nicht selber entdeckt"

Margarethe von Trotta im Gespräch mit Holger Hettinger

Regisseurin Margarethe von Trotta über ihren Film "Vision" und das Leben von Hildegard von Bingen, die im 12. Jahrhundert in einem Benediktinerkloster aufgewachsen ist.

Hettinger: Wie haben Sie denn Hildegard von Bingen entdeckt?

von Trotta: Also ich habe sie nicht selber entdeckt, den Verdienst kann ich mir nicht anziehen, das waren die Frauen, die damals im Verlauf der Frauenbewegung nach Vorbildern in der Geschichte gesucht haben. Und wie Sie wissen, ist Geschichte ja immer von Männern gemacht worden – oder jedenfalls sah es so aus – und deswegen war es gar nicht so leicht, Frauen zu finden.

Und dann sind eben diese Frauen auf Hildegard von Bingen gestoßen, und ich habe mich im Verlauf ihrer Recherchen dann auch für sie interessiert. Das war am Anfang der 80er-Jahre fing ich schon an, mich mit ihr zu beschäftigen. Ich habe sogar schon die erste Szene geschrieben gehabt, also dieser Übergang vom ersten zum zweiten Jahrtausend, wo ja die Menschen Angst hatten, dass die Welt untergeht und sie die Sonne nicht wiedersehen. Und ich habe mir immer wieder vorgestellt, dass die Sonne plötzlich wieder da ist, also, das hat mich irgendwie bewegt, und deswegen wollte ich das als erste Szene haben.

Hettinger: Eine mittelalterliche Figur – ich bin immer ganz fasziniert davon, wenn man sich dieser Figur nähert, weil das einfach so weit weg ist. Wie sind Sie denn damit umgegangen, so ein Gebiet zu beackern, das auf einem, ja, ich sage mal, recht dünnen Quellenfundament steht?

von Trotta: Na ja, es ist ja so: Wenn Sie Historiker sind, da dürfen Sie eigentlich von den Quellen überhaupt nicht abweichen, also, da darf Ihre Fantasie – leider, finde ich, manchmal könnten Historiker ruhig ein bisschen mehr Fantasie auch mit reinbringen, … Aber wir als Filmemacher dürfen ja, wir sind ja auf unsere Fantasie angewiesen. Selbst, wenn wir – zum Beispiel Rosa Luxemburg – alle Quellen haben, müssen Sie trotzdem, um den Menschen lebendig zu machen und eine Szene zu schreiben, wo er geht und spricht und isst, das müssen Sie immer erfinden.

Und ich denke, wenn wir Filme machen, auch selbst, wenn Sie heute einen römischen Film über die Römerzeit machen, versuchen Sie doch immer, irgendetwas darin zu finden, was mit unserer Gegenwart auch zu tun hat.

Hettinger: Ein weiteres Moment, das ich sehr modern und zeitgemäß fand, war die Zeichnung, dass wir hier eine Frau haben, die ihren Glauben hat, Glauben an Gott, aber auch ganz stark den Glauben an sich selbst, und dadurch, durch diese Elemente und durch diese Ruhe in sich selbst, bestehen kann in einer Männergesellschaft, die nicht unbedingt freundlich gesinnt ist.

von Trotta: Ja. Ich habe gerade noch wieder auf dem Herweg gelesen, wie wenig Frauen in den Unternehmen, also, sozusagen auf den höheren Etagen sitzen. Das ist immer noch … Die Abwehr der Männer, dass Frauen in bestimmten Kreisen hochkommen, ist ja immer noch da. Und damals war die Kirche natürlich von den Männern bestimmt und die Frauen hatten nicht das Recht, den Mund aufzumachen.

Wenn sie sich nicht als Seherin, als Visionärin sozusagen durchgesetzt hätte, dass sie eine Seherin sein darf und dass sie als schwache Frau auserwählt ist von Gott, diese Vision zu haben und die Menschen zu ermahnen, dann hätte man ihr das auch alles nicht gestattet. Sie hat das irgendwie doch ganz geschickt auch angestellt, würde ich sagen.

Hettinger: Ihre Hildegard von Bingen wird im Film verkörpert von Barbara Sukowa. Das ist nicht die erste Zusammenarbeit, da erinnern wir uns an sehr schöne, intensive, sehr beglückende Momente. Barbara Sukowa spielt in einem Film von Margarethe von Trotta eine starke Frau. Ist das die Variation eines bekannten Themas?

von Trotta: Na ja, sie hat im … seinerzeit hat sie die Gudrun Ensslin gespielt, die zwar nicht so genannt wurde, aber die doch sich anlehnt an sie, dann hat sie Rosa Luxemburg gespielt. Das ist unser fünfter Film zusammen, und wir versuchen halt immer wieder noch, eine Variante zu finden.

Und sie ist, wenn sie bei mir spielt, eine wirkliche Partnerin, also, sie liest alles, was ich lese oder gelesen habe zu dem Zeitpunkt, weil ich es ja schon lesen musste, um das Drehbuch zu schreiben, und sie findet sogar Dinge, auf die ich nicht gekommen wäre, zum Beispiel in dem Film die Szene, wo sie beschreibt, wie Männer und Frauen miteinander Liebe machen und was dabei passiert, was ja eigentlich eine Nonne gar nicht wissen sollte und wo auch der Mönch Vollmer dementsprechend erstaunt ist, was sie da von sich gibt – dieser Text existiert. Der stammt von ihr, und den hat die Barbara gefunden und hat gesagt: Den müssen wir unbedingt noch reinnehmen.

Hettinger: Wie haben Sie überhaupt recherchiert? Haben Sie viele Texte über das Mittelalter gelesen oder eher die Quellen der Hildegard? Wie sind Sie da vorgegangen?

von Trotta: Ja, natürlich habe ich viele mittelalterliche Texte, also Texte, die kann ich ja alle nicht lesen, die sind ja alle in Latein, aber ich habe über das Mittelalter gelesen, ich habe Biografien von ihr gelesen, ich war im Hildegard-Kloster in Eibingen und habe mit der Schwester Philippa, die dort also für die Presse zuständig ist, geredet. Die hat mir gesagt, Sie müssen auf jeden Fall die Briefe lesen, die Korrespondenz, das ist ganz wichtig. Und das habe ich auch getan.

Und da habe ich zum Beispiel die Geschichte der Richardes drin gefunden. Denn sie hat, als die junge Nonne von ihr weggenommen werden soll, wie eine furiose Frau, also eine rabiate, hat sie darum gekämpft, dieses Mädchen zurückzuhalten. Und sie hat geschrieben an den Bruder und an die Mutter und an den Erzbischof und an den Abt und sogar an den Papst, ja, muss man sich mal vorstellen. Also da hat sie sehr gekämpft.

Hettinger: Nicht gerade der vorgesehene Dienstweg, wenn man so will.

von Trotta: Ja

Hettinger: Ich hatte bei diesem Film an einigen Stellen regelrecht Gänsehaut, und zwar da, wo mittelalterliche Räume ganz ruhig, fast schon meditativ, ganz intensiv gezeigt werden. Standen bei dieser Bildästhetik mittelalterliche Gemälde Pate?

von Trotta: Schon. Wenn Sie an die Fresken denken oder an die Heiligen, wie Sie in den Kirchen, die sind gerade, stehen aufrecht, gerade und gucken uns an. Also, es hat schon was sehr Statisches auch, obwohl ich da natürlich auch Bewegung durch Kamera und so weiter. Aber ich hatte natürlich auch das Problem, dass die Nonnen nur von vorne erkennbar sind, ja.

Durch den Schleier, schon wenn ich von der Seite aus hätte fotografieren wollen, hätte man die jeweilige nicht mehr erkannt. Und von hinten schon mal gleich gar nicht. Also, das ist schon eine Einschränkung dann. Aber das gibt dadurch auch so eine gewisse Strenge.

Hettinger: Ganz interessant fand ich die Umsetzung dieses Themas der Vision, also, Visionen zu haben kann man sich, glaube ich, in unserer heutigen Zeit gar nicht mehr vorstellen, die wir so verstandesgeleitet sind und uns irgendwie alles herleiten, und das ist sehr schön umgesetzt. Man hat so das Gefühl, es ist so, ich sage mal, es ist so nicht bewertet, es ist keine übersinnliche Wahrnehmung, kein Wunder, aber auch niemand, der jetzt in irgendeiner Weise hysterisch ist, sondern es ist einfach in einem wunderbaren Bereich dazwischen. Wie haben Sie sich diesem Problemkreis der Abbildung dieser Visionen genähert?

von Trotta: Na ja, die allererste Vision, die war mir sehr wichtig, weil das ist ja sozusagen der Initialfunke. Und da hat sie ja auch noch Angst, die mitzuteilen, weil das war ja sehr gefährlich für sie. Man hätte ja auch sagen können, ihre Visionen stammen vom Teufel, und dann wäre sie exkommuniziert worden – also diese Angst auch, das mitzuteilen eben dem Vollmer. Das ist die erste Vision, die sie hatte, wo sie die genau beschreibt, dass also ein Lichtblitz aus dem Himmel kommt und dann eine Stimme dazu.

Und für mich ist das natürlich auch die Sonne, weil das lebendige Licht ist die Sonne auch. Und deswegen: Also in diesem dunklen Himmel plötzlich die Sonne, die auftaucht, und die dann wie so ein Auge und durch das Auge hindurch der Lichtstrahl auf sie drauf. Und ganz am Anfang, sagte ich Ihnen schon, dass mich das so fasziniert, dass die Menschen nicht glaubten, dass die Sonne am Tag nicht wieder aufgeht nach dem ersten Millenium und diesem Erstauen, das plötzlich noch, das ist die Sonne, das ist das lebendige Licht, das ist das, was uns das Leben gibt.

Hettinger: In diesem Film wird öfter ein Vers gesprochen über die giftige Wirkung von Neid. Der kommt ja mehrfach vor. Und ich hatte so ein bisschen das Gefühl, das ist einerseits natürlich historische Quellenlage, aber auch ein ganz besonderes Anliegen der Regisseurin. Habe ich recht?

von Trotta: Haben Sie absolut recht. Übrigens stammen diese Worte oder diese Zeilen aus der benediktinischen Regel. Und das fand ich halt auch besonders schön ausgedrückt. Der Neid, ja, das finde ich, also … Neid, neidisch sein auf andere, das finde ich mit eine der schlimmsten Untugenden, auch in unserer heutigen Zeit.

Hettinger: Schönen Dank, die Regisseurin Margarete von Trotta über ihren neuen Film "Vision – Aus dem Leben der Hildegard von Bingen". Der Film kommt am 24. September in Deutschland in die Kinos.

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