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Interview / Archiv | Beitrag vom 11.10.2012

"Ich habe mich sehr eng an die historischen Fakten gehalten"

Schriftstellerin Sabine Friedrich über ihren Widerstandsroman "Wer wir sind"

Sabine Friedrich im Gespräch mit Gabi Wuttke

Sabine Friedrich stellt ihr Buch "Wer wir sind" auf der Buchmesse in Frankfurt vor. (dpa/Susannah V. Vergau)
Sabine Friedrich stellt ihr Buch "Wer wir sind" auf der Buchmesse in Frankfurt vor. (dpa/Susannah V. Vergau)

Wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten und "was sie zu Widerständlern macht", darum gehe es in ihrem Roman "Wer wir sind", sagt die Schriftstellerin Sabine Friedrich. Ihr 2007 Seiten starkes Zeitpanorama thematisiert die ganze Bandbreite des deutschen Widerstands in der NS-Zeit von der Roten Kapelle bis zum Kreisauer Kreis.

Gabi Wuttke: "Was folgt auf das Ende, was liegt vor dem Anfang? Das Korn ist eingebracht, die Felder sind leer." – So beginnt, woran Sabine Friedrich sechs Jahre lang gearbeitet hat: "Wer wir sind", ein Buch über den deutschen Widerstand von der Roten Kapelle bis zum Kreisauer Kreis. In Frankfurt stellt die Autorin, bei der Familie, Frauen und Geschichte immer schon eine große Rolle spielten, ihr Opus Magnum gerade vor. Das Bemerkenswerte: der 2027 Seiten Dünndruck ist als Roman ausgewiesen. Zu Gast in unserem Studio auf der Buchmesse antwortete Sabine Friedrich auf meine Frage, wie viel Fiktion in ihrem Roman steckt:

Sabine Friedrich: Ich habe mich sehr eng an die historischen Fakten gehalten. Das geht ja gar nicht anders bei den Personen, um die es geht, die ganze Bandbreite eigentlich des deutschen Widerstandes. Aber es ist ein Roman, ich habe die Figuren in meinem Roman quasi in ihrer Kindheit abgeholt, der Roman beginnt zur Zeit des deutschen Kaiserreiches in Amerika. Und mich hat natürlich auch das Politische interessiert, aber eben auch diese Menschen als Menschen in ihren Zusammenhängen als Freunde, Eltern, Liebespaare. Die Art, wie ich das umgesetzt habe, sind verschiedene literarische Mittel. Ich habe im Prinzip Leute auf Bühnen gestellt und die müssen da miteinander reden und miteinander agieren. Und wie sie sich verhalten, die Basis für die Figuren ist quasi das, was über sie bekannt ist. Aber was sie dann tun, das ist ein Romantext.

Wuttke: Lag es Ihnen denn dabei mehr, Anne Nelson, Ursula von Kardorff oder Freya von Moltke zu lesen, will fragen Populärwissenschaftliches aus den USA oder Lebenserinnerungen?

Friedrich: Nein, überhaupt nicht. Ich habe ja auch sehr viel Zeit zugebracht, um fest zu tackern, wie genau der Russland-Feldzug gelaufen ist, dass auch das Militärische zum Beispiel korrekt ist. Das ist nicht nur irgendwo im Gefühligen oder im Populären angesiedelt. Die Frauen haben eine Rolle gespielt und diese Rolle soll nicht unter den Tisch fallen. Nehmen Sie die Rote Kapelle: in der Roten Kapelle haben die Frauen mitgearbeitet, die haben mitgeklebt, die haben Flugblätter mit entworfen. Das hat mich genauso fasziniert wie die Tatsache, dass Freya von Moltke in Kreisau die Stellung gehalten hat, wenn Helmuth in Berlin war.

Wuttke: Diese Lebenserinnerung, die Sie gerade geschildert haben, verstehen Sie deshalb Ihren Roman als einen Wirklichkeitsentwurf, oder als Zeitpanorama?

Friedrich: Ach wissen Sie, das sind Fragen, die sind schwierig zu beantworten. Es ist auf jeden Fall natürlich ein Zeitpanorama, das ist klar. Ich habe versucht, möglichst nahe auch an der Atmosphäre dran zu bleiben. Aber jeder Roman ist ein Wirklichkeitsentwurf, das kann gar nicht anders sein, zumal ein Roman, der ja mit dem Interesse geschrieben worden ist: mein erstes Interesse, daher der Titel, war ja, etwas herauszufinden darüber, wie Menschen sich verhalten in extremen Situationen und was sie dazu bringt, dann so oder so zu handeln, also was sie verkürzt gesagt zu Widerständlern macht. Ist das eine große Entscheidung, ist das eine Summierung vieler kleiner Entscheidungen, die einen plötzlich dort hinträgt, dass man sagt, das ist jetzt die Todeszelle von Plötzensee. Was ist es, was motiviert den Menschen, was treibt ihn an, das war so ein Hauptinteresse daran, warum ich dieses Buch geschrieben habe und warum es auch "Wer wir sind" heißt.

Wuttke: Und warum 2027 Seiten?

Friedrich: Ja! Ich wollte es eigentlich, ich wollte mich viel kürzer fassen. Aber es hat sich dann beim Schreiben oder beim Recherchieren schon für mich schnell eben dieses Panorama entwickelt, also die Rote Kapelle und der 20. Juli und die Weiße Rose. Da gibt es in der Familie Harnack drei Mitglieder, Arvid Harnack Rote Kapelle, sein kleiner Bruder Falk Weiße Rose, sein Cousin Ernst von Harnack wird hingerichtet im Zusammenhang mit dem 20. Juli. Und dann sieht man ja sehr, sehr schnell, dass diese Bande in Wirklichkeit sehr eng sind und eben auch schon oft vorpolitische Bande sind, also vor 1933 entstanden, und dadurch wurden es dann quasi immer mehr Leute.

Wuttke: Ist aber natürlich sehr, sehr anspruchsvoll und von daher tatsächlich ein Opus Magnum im wahrsten Sinne des Wortes. Im Verhältnis dazu hinten sieben Seiten Quellenangaben, das wirkt jetzt wiederum sehr schmal. Auf der Website zu Ihrem Buch ist die Liste weitaus länger. Wie kam es denn zu dieser merkwürdigen Trennung, zumal im Werkstattbericht, den man extra kaufen kann, eine viel längere Quellenliste zu finden ist? Das ist schon irgendwie merkwürdig.

Friedrich: Die Liste, die hinten im Roman drin ist, das hängt auch damit zusammen, dass es ohnehin schon so ein dickes Buch ist.

Wuttke: Na da hätten die paar Seiten aber den Kohl auch nicht mehr fett gemacht!

Friedrich: Also hinten im Roman ist die Liste drin der wirklich zitierten Stellen. Die gesamte Literatur, die ich gelesen habe, von der ich dann teilweise gar nicht mehr so genau sagen kann nach sechs Jahren Arbeit, wie tief der Aufsatz oder das Werk dann noch eigentlich eingegangen ist in mein gedankliches Gebäude, was ich dann da errichtet habe, diese Gesamtliste ist im Internet auf der Webseite des Buches und im Werkstattbericht hinten drin. Und außerdem ist ja noch mal so ein QR-Code auch im Roman, wo man dann auch da noch mal sich das angucken kann.

Wuttke: Also die neuen Medien haben bei 2027 Seiten dann letztlich einen schon erheblichen Anteil bei der Publizierung dieses Buches?

Friedrich: Ich hätte das Buch sicher ohne Computer auch gar nicht schreiben können. Das sind Textmengen, die zu verwalten mit einer Schere, einer Tube Uhu und Papier, das wäre sicher gar nicht gegangen. Um diese Mengen von Text zu organisieren, war das natürlich total günstig, dass man die modernen technischen Möglichkeiten hat.

Wuttke: Sabine Friedrich über ihr Buch "Wer wir sind", über 2000 Seiten deutscher Widerstand als Roman. Ich danke Ihnen sehr, wünsche Ihnen viel Erfolg.

Friedrich: Ich danke Ihnen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



Gesamtübersicht: Unser Programm zur Frankfurter Buchmesse auf dradio.de

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