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Thema / Archiv | Beitrag vom 18.08.2011

"Ich habe manchmal Lust, eine Utopie zu zeigen"

Regisseur Marcus Rosenmüller über die Dreharbeiten zu "Sommer in Orange"

Moderation: Dieter Kassel

Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2007. (AP Archiv)
Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 2007. (AP Archiv)

In seiner Komödie "Sommer in Orange" über Bhagwan-Anhänger, die nach Bayern ziehen, hat Regisseur Marcus H. Rosenmüller auch einen "Culture Clash" in sich selbst verarbeitet: Die Sehnsucht nach Freiheit – und zugleich nach Regeln.

Dieter Kassel: Herr Rosenmüller, erklären Sie mir doch zuerst mal, wie man heutzutage eigentlich darauf kommt, einen Film über Sannyasins und über Bhagwanjünger zu drehen. Ich muss zugeben, ich hatte schon fast vergessen, dass es die mal gab.

Marcus H. Rosenmüller: Ich auch und fand es aber als großen Wink des Schicksals, dass mir dieses Buch plötzlich vorgelegt wurde, weil ich vor zehn Jahren in etwa einen Film über Sannyasin und Bhagwan machen wollte, weil ich in Puna in Indien studiert habe und da der Ashram genau ist. Ich hab damals keine Geschichte gefunden und habe einfach gesagt, das muss jetzt der Zufall sein, dass ich ein Buch über dieses Thema bekomme. Dann hab ich es gelesen und hab eben was entdeckt, was ich sehr aktuell finde, und zwar: neben der Culture-Clash-Komödie ist es auch dieser Culture Clash in mir, der eine Teil, der immer versucht, wilder, freier zu leben, diese Regeln über Bord zu schmeißen, endlich mal die Sau rauszulassen und auf der anderen Seite dann doch diese Sehnsucht nach diesen Regeln, dass ich merke, bestimmte Regeln tun mir gut, das ist eine Basis, die brauche ich. Und das fand ich das Spannende an dem Buch.

Kassel: Hat denn Ursula Gruber, die das Drehbuch geschrieben hat, Ihnen das vorgelegt hat, die mit ihrem Bruder ja selber in so einer Community aufgewachsen ist irgendwo in der Nähe von München, hat die eigentlich das Drehbuch von Anfang an so als Komödie auch angelegt?

Rosenmüller: Die ganz skurrilen, komödiantischen Elemente, die haben wir dann miteinander noch entwickelt. Und das war das Tolle, es war eben kein zynischer Versuch, hier die Vergangenheit aufzuarbeiten, was man ja erwarten hätte können, sondern es war schon ein harmonischer. Die hat bei beiden Seiten einfach was Positives gesehen, also ein sehr versöhnlicher [Versuch]. Und das war eben auch ein Aspekt, den ich wahnsinnig gern mag, dass das Thema zwar grundsätzlich da ist und das Drama grundsätzlich da ist, aber eben nicht mit Häme oder mit Zynismus gearbeitet wird.

Kassel: Ich frage das deshalb, weil ich mir auch vorstellen könnte, wenn zwei so aufgewachsen sind, in so einer Kommune, und dann später darüber nachdenken, das ist ja gerade - man sieht es auch im Film, bei allem Witz - gerade für Kinder oft sehr, sehr hart. Es hätte ja auch sein können, dass die sagt, aber mach dich mal nicht zu sehr drüber lustig.

Rosenmüller: Das kann durchaus sein, und ich schätze, dass wenn der Film von einer 13- oder 14-jährigen Ursel geschrieben worden wäre, dass das noch nicht so versöhnlich, sondern erst das Reflektierende, das Verständnis, wenn man plötzlich im Erwachsenwerden vor ähnlichen Problemen steht und dann erst kapiert, warum haben sich die Erwachsenen, warum war die Kommune damals so und was wollte die Mama damit. Andererseits hat die Ursel natürlich auch Verständnis und, sag ich mal, Talent dazu, dass sie eh die Sachen zugespitzt hat und nicht eins zu eins ihre Jugend da aufgeschrieben hat.

Kassel: Ist es wahr - was natürlich sofort wieder durch die Gerüchteküche im Internet wabert -, dass dieser Hof, wo Sie das gedreht haben, nur ein paar Kilometer weit weg ist von dem Hof, wo Sie "Wer früher stirbt, ist länger tot" gedreht haben?

Rosenmüller: Nein, das ist nicht ein paar Kilometer, das ist 20 Meter, also das war unglaublich. Da war ich auch da gestanden, das gibt es doch nicht, 20 Meter entfernt von "Wer früher stirbt, ist länger tot", die Wirtschaft ist ja auch im Bild zu sehen, ist die Gaststätte Kandler wieder im Bild, die damals eben unser Hauptmotiv war.

Kassel: Wie waren nun diese Wochen, diese Dreharbeiten, dieser Hof? Ist da wirklich auch mit den Schauspielern, mit dem ganzen Team so eine Art ja wirklich Guru-, Mediationsatmosphäre entstanden irgendwann?

Rosenmüller: Also Guruatmosphäre nicht, Kommunenatmosphäre eher schon. Und das ist aber eher filmtypisch, weil Filmdreh einfach auch anstrengend ist, und es ist nicht nur Spaß, sondern es ist von jedem professionelles Verständnis und arbeiten, nur malochen und tun und wirklich jeder hat sich angestrengt, das Beste herauszuholen. Und das bedeutet, man geht auch an seine Grenzen. Und es gibt auch Szenen im Film, die Grenzszenen sind, wo die Schauspieler alles geben müssen, sowohl spielerisch als auch körperlich dann. Und so was verbindet.

Kassel: Haben Sie da alle gemeinsam auch noch ein bisschen was entdeckt? Mir ging es nämlich wie folgt: Ich konnte mich so vorurteilsbelastet an die Bhagwanzeiten erinnern, also ich kannte das jetzt auch nur so besseren Zeitungsmeldungen, aber ich konnte mich an die Rolls-Royce vom großen Guru erinnern, an irgendwelche Gruppensexgerüchte und zum Teil auch Wahrheiten. Ich konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie politisch das zum Teil auch gewesen ist und wie viel da bei allem Lachen, das man haben kann, wenn man sich das heute anguckt, auch wirklich passiert ist. Haben Sie das gemeinsam so nach und nach dann auch entdeckt?

Rosenmüller: Es war ja ganz klar, dass die Autorin auch gesagt hat, also pass auf, Rosi, es hat diese Bewegung gegeben und es hat verschiedene Höfe gegeben. Es hat viele Höfe gegeben, es hat viele Kommunen gegeben, aber die waren nicht alle gleich, sondern diese Kommune ist so. Bei anderen hat es vielleicht irgendwie Vergehen gegeben, die viel gröber waren oder so, aber hier will ich diese Geschichte so erzählen, und bei uns ist es so in etwa zugegangen, aber das ist nicht so, dass es überall so war.

Kassel: Wir reden heute im Deutschlandradio Kultur mit Marcus H. Rosenmüller über seinen neuen Film "Sommer in Orange", kommt heute in die deutschen Kinos, und die eigentliche Heldin des Films - es gibt viele Wahnsinnsschauspieler, die man da sieht -, aber die eigentliche Heldin des Films, Herr Rosenmüller, ist für mich schon Amber Bongard. Die spielt die 12-jährige Lili, das ist das Kind, aus dessen Sicht die ganze Geschichte erzählt wird, und das fand ich absolut fantastisch. Wie findet man denn so jemanden, wie findet man ein Kind in dem Alter, das so viel Talent hat?

Rosenmüller: Für mich war es nicht so schwer, es war auch nicht schwer zu erkennen, weil es so offensichtlich ist, dieses Talent bei der Amber. Die kam in ein Casting, die kam rein und nach einer Minute wusste ich, das ist meine Lili. Die war einfach perfekt. Und es ist ja bei der Amber, ein 12-jähriges Mädel, unglaublich, wie die Sachen reflektiert, wie die einen verstehen kann, wenn sie einen denn erst mal vom Dialekt her versteht. Also das ist ein großartiges Talent, genau.

Kassel: Wenn Sie sich vorstellen, damals, 1980, Sie waren sieben, in heute der Großgemeinde Tegernsee, damals in Hausham, hätten Sie da gesessen und es wären wirklich 12 Westberliner Bhagwananhänger gekommen, wie hätten Sie eigentlich damals reagiert?

Rosenmüller: Mit Sicherheit mit Neugierde. Wir waren immer so Pulkkinder, wir wären bestimmt so wie die zwei, der Max und der Franz waren. Wir hätten uns angeschlichen, wir hätten uns nicht so offensichtlich an den Zaun gestellt, sondern mehr im Wald, dass wir noch ein bisschen länger zuschauen können, wie sie nackig tanzt. Das hätte uns natürlich interessiert.

Kassel: Jetzt kommt die Frage, die ich mir die ganze Zeit aufgehoben habe, weil sie so blöd ist, dass ich mich schäme, aber ich will das wissen. Es gibt in diesem Film, was ich toll finde, was sich kaum noch einer traut heutzutage, Szenen, die finde ich total albern.

Rosenmüller: Ja, ich auch.

Kassel: Gab es denn da Momente, wo ihr wirklich aufhören musstet zu drehen, weil selbst die ganzen Profis nicht mehr aus dem Lachen rauskamen?

Rosenmüller: Also es war mal anders. Und zwar bei einer albernen Szene, bei einer Klamaukszene, wo ich heute immer so, 80 Prozent von mir sagt, die müsste man rausnehmen, und 20 Prozent von mir sagt, hei, der Mut, die gedreht zu haben und drin zu lassen, ist hervorragend, und in der richtigen Stimmung ist das ein Brüller. Also das war mal so, wir hatten eigentlich schon fast alles abgebaut, wir hatten den Stunt gedreht, wie diese Nachbarin, wie sie den Balkon runterstürzt, und plötzlich hatte ich die Vision, dass sie wieder aufsteht und sagt: Oh, jetzt hab ich mich ausgesperrt. Ich hab das gesehen in meinem Kopf und musste so lachen, und dann wollte ich es ihr erzählen, den anderen, aber dann musste ich so lachen, dass mir Tränen kamen, und ich hab immer wieder, wollen wir die nicht drehen, und scheinbar mein Lachen hat die alle angesteckt, die Schauspieler: Nein, ich bin schon wieder aus dem Kostümi, die wird doch sowieso rausgeschnitten, die Szene. Und ich hab gesagt: Nein, mit Sicherheit nicht. Und beinahe hätte ich es dann rausgeschnitten. Und dann haben die alle so zu lachen angefangen und dann haben wir alles noch mal, also das Licht stand glaube ich noch, aber sie kam wieder in Kostüm, Maske, und dann haben wir diese Szene noch mal nachgedreht. Um drei in der Früh noch ungefähr 12 oder 13 Stunden Dreh, alle waren fertig, und trotzdem war es so. Das ist schon ein Teil von mir, dass ich sage, Klamauk darf ruhig einmal rein.

Kassel: Das ist wunderbar, ich hab auch durchaus gebrüllt bei der Szene.

Rosenmüller: Genau.

Kassel: Was natürlich ein paar Leute sagen werden, gab ja auch schon Ärger, ich sag jetzt mal das böse Wort, Münchener Filmfest, da wollte man den Film nicht zeigen, hat man auch nicht. Ein paar Leute haben Ihnen dann vorgeworfen - ich glaube, die haben sich da nicht so getraut, aber ich hab es von anderen gehört -, da ist ja wieder Harmonie, da kommen die Sannyasins nach Oberbayern und der CSU-Bürgermeister macht zwar ein bisschen Ärger, aber am Ende gibt auch der Ruhe. Und - ich verrate die Pointe von dem Film nicht, aber man darf sagen, es geht gut aus alles am Ende. Ist Ihnen das egal, wenn dann die Schlaumeier kommen und sagen, aber das ist alles Sauce, das ist einfach zu brav. Ist Ihnen das sogar wichtig, dass ein guter Heimatfilm am Ende auch eine gewisse Grenze an Bösartigkeit nicht überschreiten darf?

Rosenmüller: Ein guter Heimatfilm, damit hat es nichts zu tun, sondern ein Film von mir. Ich kenne das natürlich, und ich bin beim Drehen und merke, okay, wenn ich es jetzt anders mache, dann ist es Kalkül, damit ich von denen auch das Lob bekomme. Aber ich hab manchmal die Lust, eine Utopie zu zeigen. Ich möchte nicht immer Filme über welche machen, sondern auch für bestimmte Leute. Und eine Utopie von mir, wie ich mir wünschen würde, dass Menschen miteinander umgehen und diese Harmoniesucht, die ist in mir drin, und ich muss tatsächlich manchmal aufpassen, dass ich nicht zu kitschig und harmonisier. Das ist vielleicht, weil ich wahnsinnig früh Simon and Garfunkel und Paul Simon gehört habe und dass in mir so eine Harmoniesucht drin ist. Ich kann nichts dafür. Ich entschuldige mich, aber geht trotzdem rein!

Kassel: Ich kann das nur unterstützen. Ich hoffe, dass das genauso wie bei "Wer früher stirbt" auch Leute nördlich von Ingolstadt den Film sehen, weil da ist er dann nicht mehr einfach zu verstehen, aber wenn ein vom Balkon fällt, dann versteht man das.

Rosenmüller: Genau.

Kassel: Marcus H. Rosenmüller, ich danke Ihnen sehr, vergessen Sie die üblen Kritiker und freuen Sie sich darauf, dass - ich bin mir ziemlich sicher, dass das passieren wird - dass ganz viele Leute ins Kino strömen und sich totlachen.

Rosenmüller: Kiek mal, also, viel Spaß!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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