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Papst Franziskus hält im Rahmen der außerordentlichen Bischofssynode eine Rede.

In der heutigen Ausgabe ziehen wir Bilanz der Bischofssynode in Rom. Außerdem stellen wir eine christliche Notunterkunft für Junkies vor und besprechen den Film "Am Sonntag bist du tot" von John Michael McDonagh.Mehr

Soziale DiensteErste Hilfe für Muslime von Christen
Ein Sanitäter hält die Hand einer Rentnerin

Von der Fürsorge für Drogenabhängige bis hin zur Notfallrettung: Christlich geprägte Dienste wie die katholischen Malteser oder die evangelischen Johanniter helfen auch Andersgläubigen. Und die Arbeit der Dienste ist eine tägliche Herausforderung. Mehr

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Religionen / Archiv | Beitrag vom 21.11.2009

"Ich habe den guten Kampf des Glaubens gekämpft"

Von alten und neuen, inneren und äußeren Glaubenskämpfen

Von Peter Kaiser

Mutter Teresa offenbarte ihren Zweifel am Glauben
Mutter Teresa offenbarte ihren Zweifel am Glauben (AP)

Als im Jahr 2007 Mutter Theresas sehr private Notizen und Briefe veröffentlicht wurden, ging ein Staunen durch die Welt. Denn die für mache "größte christliche Gestalt unserer Zeit" offenbarte sich in den Notaten als ein an Gott zutiefst zweifelnder Mensch.

Doch ebenso wie der "Engel der Armen" um den Glauben an Gott rang, so ringen tagtäglich – und das seit Jahrtausenden – Menschen überall auf der Welt um ihren Glauben.

Nur, was genau ist ein Zweifel am Glauben? Wie äußert er sich, woran macht man das fest? Welche Wege gibt, um wieder in das tiefe Zwiegespräch mit Gott zu kommen, Gottes Stimme in sich zu hören? Und was ist es, was daran hindert? Dabei - kann es nicht auch sein, dass der Glaubenszweifel selbst von Gott gewollt ist? Denn der Gläubige, der sich dem Zweifel stellt, stellt sich auch den Veränderungen, die in dieser Krise stecken. Selbst wenn die Veränderung die ist, dass der Gläubige zu einem anderen Glauben konvertiert.

Reporter: "Ihr Glaube ist keine abstrakte Überzeugung, nicht wahr?"

Mutter Teresa: "Er ist eine lebendige Wirklichkeit."

Dr. Kaiser: " »Ich frage, wie Sie ihn verloren haben?""

Frau, mittleres Alter: "Das ist oft, sehr oft, dass ich mit dem Glauben an Gott ringe bei den grauenhaften Dingen um mich herum, auf der ganzen Welt.

Weil … ich frage mich, wie er das zulassen kann?"

Mann, mittleren Alters: "Ach, das Leid der Welt … warum soll mich das am Glauben hindern?"

Dr. Kaiser: "Ich frage, welchen Gott Sie vorher hatten? Wie Sie ihn verloren haben? Und dann werden wir schauen!"

Reporter: "Sie fühlen wirklich Gottes Anwesenheit?"

Mutter Teresa: "Ich glaube, dass es ihn wirklich gibt."

Als im Jahr 2007 private Briefe und sehr persönliche Notizen der 10 Jahre zuvor verstorbenen Mutter Teresa veröffentlicht wurden, ging ein Staunen durch die Welt. War die für manche "größte christliche Gestalt unserer Zeit" öffentlich von tiefster Frömmigkeit, so zeigte sie sich in ihren geheimen Hinterlassenschaften als ein an Gott zweifelnder Mensch.

"Er will mich nicht. Es gibt ihn gar nicht."

Viele Bewunderer der Frau, die 1949 in Kalkutta allein begonnen hatte Straßenkindern, Leprakranken und Sterbenden zu helfen, fragten sich erstaunt, ob solche Sätze wirklich von ihr kamen:

"Sollte ich jemals eine Heilige sein, dann höchstens eine der Dunkelheit. Mein Schicksal ist es, den Himmel für immer zu verlieren, um ein Licht für alle zu sein, die im Dunkeln leben."

Doch die Seelennot des "Engel der Armen", wie Mutter Teresa oft genannt wurde, ist keine, die nur solche außerordentlichen Menschen wie sie befällt. Um und mit Gott wird und wurde überall auf der Welt gerungen, seit Jahrtausenden, täglich, stündlich, in allen Sprachen und Formen. Vielmehr ist es, als gehöre der Glaubenszweifel, der Kampf um den Glauben zum Glauben selbst. Wie die Nacht zum Tag.

Doch ein Glaubenszweifel ist keine eindimensionale Angelegenheit.

Es gibt eine lateinische Formel für diese Situation. Credere aliquid et credere alicui. An etwas glauben, und jemandem glauben.

An die Inhalte unseres Glaubens ist nicht zu rütteln, denn sie sind von Gott selbst verbrieft. Und da Gott nicht täuscht und die Wahrheit selbst ist, glauben wir, was er gesagt hat.

Doch ein Glaubenszweifel kann auch heißen, dass man die Gegenwart Gottes nicht mehr in sich spürt, und die Allgegenwart Gottes darum generell in Frage stellt.

"Es herrscht eine solche Dunkelheit, dass ich wirklich nichts sehen kann – weder mit meinem Geist noch mit meinem Verstand." (aus: "Komm, sei mein Licht." Aufzeichnungen der Mutter Teresa)

Kaiser : " »Der christliche Glaube ist etwas sehr Schwieriges und Komplexes, weil er sich den unterschiedlichen Lebenserfahrungen anpasst. Und dazu gehören auch die Zweifel.""

Jürgen Kaiser ist Pfarrer an der Französischen Kirche am Berliner Gendarmenmarkt.
Kaiser : " »Sich den christlichen Glauben zu bewahren, ist schon relativ mühevoll, weil man sich immer wieder dem Anspruch und der Ansprache des Wort Gottes aussetzen muss.

Also um vom christlichen Glauben sich zu nähren und zu profitieren, da braucht es eine gewisse Beharrlichkeit. Und die Disziplin zu anderen Angeboten, die grade en vogue sind und die mir von allen Seiten angetragen werden, auch mal nein zu sagen.

Zu sagen, das magst du jetzt mal machen, mach du deine Erfahrungen mit dem Buddhismus oder mit dieser oder jener esoterischen Richtung, oder konvertier zum Katholizismus, oder was auch immer, oder werde Jude, oder was du magst, ich bleibe jetzt hierbei. Es gibt eigentlich in jeder Religion Tiefendimensionen, aber die erreicht man nur, wenn man dabei bleibt. Und das ist ein Lebensprozess.""

Frau, mittleres Alter: "Als ich jung war, da habe ich wie alle damals in den Siebzigern mit buddhistischen Dingen zu tun gehabt. Meditation, Versenkung, Yoga und Räucherstäbchen. Wärme in mir habe ich erst gefunden, als ich in die Kirche nebenan ging, und stundenlang still da saß. Da habe ich gefunden, was ich gesucht habe."

"Glaube ist ein Geschenk." (aus: Johannes 20, 19-31)

Kaum ein Heiliger oder eine Heilige der Antike und der Neuzeit, der oder die von Glaubenszweifeln verschont wurde. Ob die Heilige Hildegard von Bingen, Franz von Assisi, Johannes vom kreuz, Therese von Lisieux, und … und … wer an Gott glaubt, der wird von Zweifeln an diesem Glauben heimgesucht.

Kaiser: " »Glaubensnöte und -krisen entstehen, meiner Erfahrung nach eher aus einer inneren Leere und Sinnlosigkeit heraus, heutzutage, weil es die äußere Verfolgung, bei uns jedenfalls, so nicht mehr gibt. In anderen Erdteilen mag das anders sein.""

Und manchmal, sagt Jürgen Kaiser, scheint die Seelennot so groß zu sein, dass man sie einem Menschen direkt ansieht.

Kaiser : " »Etwas trauriger Blick, das kann schon sein, ja. Aber dazu muss man es wissen, es gibt viele Anlässe traurig zu sein. Das muss nicht immer eine Glaubensleere sein.""

Doch auch wenn es heißt, dass Glaubenszweifel sogar gottgewollt sind, weil sie letztlich den Glauben festigen - was genau ist das: eine Glaubensleere? Wie tief kann sie gehen? Mit welchen Auswirkungen? Und wie durchlebt und überwindet man sie?

Gesper: "”Ganz viele Leute kommen und sagen, ich bin am Ende der Fahnenstange angekommen. Ich habe keinen Mut, keine Perspektive mehr. Das sind zum Glück nicht die meisten, die kurz vorm Suizid stehen. Aber die Gedanken sind doch oftmals da, weil es scheinbar keinen Ausweg gibt.""

Erika Gesper berät Menschen in religiösen Sinnkrisen.

Gesper: "”Da es um einen Verwandlungsprozess geht, ist es so, dass Gott in diesen Menschen wirkt. Und manchmal kommen Dinge hoch und dann schauen wir die an. Und sortieren, was ist hier seelisch, und was ist hier geistlich. Das ist ein ganz großer Unterschied, denn im geistlichen Bereich ist eigentlich gar nichts kaputt gegangen. Die Beziehung zu Gott steht, weil Gott versprochen hat, ich gehe nicht weg.""

Lukus 13, 24: "Ringt danach, durch die enge Pforte zu gehen; viele versuchen es vergeblich."

Doch was genau ist mit den Menschen, die Hilfe bei einem christlichen Therapeuten oder bei einem Seelsorger suchen? Man verliert keinen lebendigen Glauben, nur weil etwas im Leben gerade nicht gut läuft? Oder etwa doch? Der Musiklehrer Hans.

Mann, mittleres Alter: "Als mich meine Frau verlassen hat, und ich mit unserem damals 10-jährigem Sohn allein dastand, da habe ich an Gott gezweifelt, schlimm gezweifelt. Weil ich mir das habe gar nicht vorstellen können, dass eine glückliche Familie wie unsere von einem Tag auf den anderen entzweibricht. Und ich war deprimiert, wochenlang, Monate."

Mann, mittleres Alter: "Und in der Zeit der Depression, oh Mann … da sind Sachen abgelaufen. Stimmen, Wut, Kälte, Leere. Das glaubt man nicht, wie leer man sich fühlen kann, wie ausgebrannt."

Gesper: "Man muss nur sozusagen in dieser tiefen Zeit, in dieser Schwierigkeit, lernen, Gott redet weiter. Ich muss nur herausfinden, wie kann ich hören, wie kriege ich ein neues offenes Ohr, um Dinge zu hören, die ich vielleicht noch nie gehört habe.

Vielleicht habe ich bis jetzt immer gehört, Gott nimmt alle meine Not weg, er hat meinen Schmerz weggenommen und jetzt plötzlich stecke ich in der Not und im Schmerz und höre nicht mehr die Worte: ‚Ich nehme dir alles weg’, sondern jetzt muss ich vielleicht lernen zu hören: ‚ Ich bin da’,; ‚ich höre dich’; ‚ ich verstehe dich, aber ich kann das Leid aus Deinem Leben und aus deiner Welt nicht ganz wegnehmen. Weil Not auch etwas ist, was eine ganz neue Beziehung zu mir ermöglicht."

Mann, mittleres Alter:
"Bis dann irgendwann in einer dieser Nächte, wie gesagt nach Monaten dann, so was ganz Ruhiges kam, was Friedliches."

Mann, mittleres Alter:
"Und so war’s dann auch. Also nicht von einer Minute auf die andere, oder so, das nicht. Aber es wurde immer besser. In mir, mit meinem Sohn, mit meiner Ex-Frau. Ja, dann habe ich eine neue Frau kennen gelernt. Heute weiß ich, wir waren damals schon lange keine glückliche Familie mehr gewesen, ich habe es nur nicht gesehen, wohl nicht sehen wollen. Und Gott hat nur das repariert, was zu reparieren war."

Rainer Maria Rilke an Marie von Thurn und Taxis, 1911:
"Alle Liebe ist Anstrengung für mich, Leistung. Nur Gott gegenüber habe ich einige Leichtigkeit, denn Gott lieben heißt eintreten, gehen, stehen, ausruhen und überall in der Liebe Gottes sein."

Frau, mittleres Alter: "Da ist bei mir diese Wut. Immer, tagtäglich."

Meister Eckhardt, Predigt 5: "Sollen wir nun sagen: wenn der Mensch Gott liebt, dass er dann Gott werde? Das klingt, wie wenn es Unglaube sei."

Frau, mittleres Alter: "Wenn ich als Krankenschwester im OP-Saal stehe, da habe ich oft diese Wut. Dass dieser junge Mensch da unheilbar Krebs hat, und die OP ihm nichts nützen wird. Oder der alte Mann da, den ich kenne und von dem ich weiß, wie er seine Kinder behandelt hat, der wird gesund werden, mit seinen über 80 Jahren. Da erfasst mich eine Wut, dass ich alles kurz und klein schlagen könnte, alles und alle. Gott vor allem."

Frau, mittleres Alter: "Aber neulich hat mir ein Pfarrer gesagt, oder ich habe es irgendwo gelesen, na ja, also Wut und Verzweiflung sind Schwestern des Glaubens. Und da hat was Klick bei mir gemacht, als ich das verstanden habe. Das heißt nämlich, Gott ist auch dann da, wenn ich nicht an ihn glaube."

Frau, mittleres Alter: "Und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Gott ist auch dann da, wenn ich nicht an ihn glaube. Heißt also, Gott ist da, egal, was ich glaube."

Innere Glaubenskrisen entstehen durch die Abkehr von Gott, von seinen Geboten. Doch nicht immer löst sich eine solche Krise so auf. Manche Gläubige meinen, dass ihr Zweifel Strafe verdient. Oder sie versuchen mit Gewalt, zum intensiveren Glauben zu kommen.

Reinhard Hempelmann, Leiter der evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Berlin: "Die Selbstgeisslung wird in den Dienst eines höheren Zieles gestellt. Und das Gebot der Gottes und der Nächstenliebe impliziert meines Erachtens in den biblischen Texten und Zeugnissen immer auch die Bewahrung des Anderen. Aber auch die Achtung vor mir selbst."

Früher nannte man die Selbstgeisselung Disciplina, Erziehung. Ziel dieser Erziehung war eine Art geistige Höchstleistung des Gläubigen.

Auch Pilgerwege sind eine Art der Disciplina. Denn auf dem Weg zu einem Wallfahrtsort soll eine Kontemplation erfolgen, und eine Einkehr zu Gott stattfinden. Pilgerwege oder Büßerwege sind darum auch Straßen des Glaubenszweifels.

Wer Gott als strafende Instanz begreift, die mit der Formel: Wohlverhalten gleich Erfolg, gefügig gemacht werden kann, der findet jetzt ein reiches Betätigungsfeld. So wird der Klimawandel von nicht wenigen als Strafe Gottes interpretiert, und nicht als menschengemacht. Oder AIDS, Tsunamis, Flugzeugabstürze, Arbeitslosigkeit, Erdbeben, AKW-Unfälle, und manche derzeit herrschenden Diktatoren.

In den Augen jener Gläubigen sind das Zeichen des Herrn zur Umkehr und zur Buße. Mindestens aber Teil des "göttlichen Plans". Doch wenn die Peitsche, die Askese, der Pilgerweg oder das noch so intensive Gebet den Glauben nicht reiner und zweifelsfreier machen – für manche kommt der Glaube zurück, wenn sie sich vom einstigen Glauben abkehren.

So gelten Konvertiten meist als Menschen, die nach dem unverfälschten Glauben in einer anderen Religionsform suchen.

Wer meint, dass ein paar Menschen pro Jahr die Glaubensrichtung wechseln, der irrt. Tausende konvertieren jährlich vom Christentum zum Islam, zum Buddhismus, zum Judentum. Oder vom Protestantismus zum Katholiszismus, vom Katholiszismus zum Protestantismus, und so weiter.

Friedensgebet Mutter Teresa: "Mach uns würdig Herr, unseren Mitmenschen in der ganzen Welt zu dienen, die in Armut leben und vor Hunger sterben. Gib ihnen durch unsere Hände ihr tägliches Brot, durch unsere verstehende Liebe Friede und Freude."

Friedensgebet der Mutter Teresa, deren eigener Weg am 10. September 1946 auf einer Zugfahrt in Indien begann. Als Jesus ihr erschien und befahl alles aufzugeben und Ihm in die Slums zu folgen, um Ihm in den Ärmsten der Armen zu dienen.

Doch als Mutter Teresa ihr Ziel erreicht, und die "Missionaries of Charity" gegründet hatte, da war das göttliche Licht weg, die Glut wie erloschen. Während der Messe, notierte sie, bewegte sie nur noch die Lippen.

"In meinem Inneren ist es eiskalt. Abgewiesen, -leer, -kein Glaube, -keine Liebe, -kein Eifer."