Seit 19:00 Uhr Oper
 
  • facebook
  •  
  • twitter
  •  
  • instagram
  •  
  • spotify
 
Seit 19:00 Uhr Oper
 
 

Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 08.09.2006

"Ich habe Angst um Israel"

Gaarder: Nicht jeder Israel-Kritiker ist Antisemit

Moderation: Matthias Hanselmann

Israelische Offensive im Libanon, August 2006 (AP)
Israelische Offensive im Libanon, August 2006 (AP)

Jostein Gaarder hat seine Kritik an Israels Kriegspolitik verteidigt. "Israel muss sich anders verhalten, um Frieden schaffen zu können", sagte der norwegische Autor des Welterfolgs "Sofies Welt". "Ich habe Angst um Israel - ähnlich wie ich Angst um mein Kind hätte, wenn es sich gewalttätig anderen Kindern gegenüber verhielte."

Matthias Hanselmann: "'Sofies Welt' war das Buch, mit dem er zum internationalen Bestsellerautor wurde: Jostein Gaarder, der norwegische Schriftsteller, Jahrgang 1952. Er ist zurzeit beim internationalen Literaturfestival in Berlin zu Gast. Und er hat gerade eine heftige Kontroverse ausgelöst durch einen Kommentar, in dem er den Staat Israel wegen des Krieges mit der Hisbollah äußerst scharf und mit umstrittenen Formulierungen angegriffen hat. Gestern habe ich mich mit Jostein Gaarder unterhalten über 'Sofies Welt' - aber natürlich auch über seinen umstrittenen Kommentar. Hier unser Gespräch: Ein herzliches Willkommen, Jostein Gaarder. Guten Tag."

Jostein Garder: "Danke, guten Tag."

Hanselmann: "Wie hat eigentlich der weltweite Erfolg von 'Sofies Welt' Ihr Leben verändert?"

Garder: "Das Buch hat mein Leben auf eine ganz praktische Weise verändert. Es hat nicht wirklich mich verändert. Ich habe jetzt aber insgesamt in den letzten 15 Jahren sehr viel Kontakt gehabt zu den Menschen überall auf der Welt. Also eine Veränderung in meinem Leben. Aber ich selber habe mich dadurch nicht geändert."

Hanselmann: "Und welche Veränderungen in Ihrem Leben hat es gebracht?"

Garder: "Ganz einfach. Ich habe jetzt ein schönes, großes, wunderbares Haus. Das ist die wichtigste Veränderung in meinem Leben. Wissen Sie, ich bin ja verheiratet, ich habe eine Familie. Ich reise zwar oft viel rum, aber den Rest der Zeit möchte ich mit den Menschen verbringen, die mir nahe stehen - und das ist eben meine Familie."

Hanselmann: "Wie viele Kinder haben Sie?"

Garder: "Ich habe zwei Söhne und ich habe inzwischen auch schon zwei Enkelkinder: einen dreijährigen Enkelsohn und eine Enkeltochter, die aber erst fünf Monate alt ist."

Hanselmann: "Reden wir dann von Ihren Kindern: Interessieren sie sich für Philosophie?"

Garder: "Ja, schon. Aber zunächst einmal versuche ich natürlich, ein guter Vater zu sein und nicht ein Philosophielehrer. Meine Söhne lesen schon meine Bücher, aber wir sprechen nicht sehr viel darüber. Wir sind einfach nur so zusammen. Und auf gewisse Weise kann ich auch was von meinen Söhnen lernen, die jetzt ja auch schon zur Universität gehen."

Hanselmann: "'Sofies Welt' ist ein Jugendroman über die Geschichte der Philosophie, in denen viele der so genannten letzten Fragen eine große Rolle spielen. Wie wichtig sind solche Fragen wie: Woher komme ich? Wohin gehe ich? - für Kinder und Jugendliche?

Garder: "Diese ganz fundamentalen, grundlegenden Fragen: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Gab es den Urknall? Gibt es Gott? - das sind ja Fragen, die sich insbesondere junge Menschen auch stellen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, dass ich mich eigentlich seit ich elf war mit diesen Fragen beschäftigt habe und mich selber als Teil eines Rätsels betrachtet habe. Und das war für mich auch eine richtige Inspiration für meine Arbeit. Ich lese auch sehr viele naturwissenschaftliche Texte - also Astronomie zum Beispiel, über das Universum, aber auch über Chemie, über Biologie - weil ich denke, dass diese ganzen fundamentalen Fragen, die wir uns im Laufe der Geschichte immer wieder gestellt haben, heutzutage insbesondere von den Naturwissenschaften behandelt werden."

Hanselmann: "'Sofies Welt' war, wie gesagt, ein weltweiter Erfolg und es war ein Buch über Geschichte der Philosophie - der europäischen Philosophie. Wie erklären Sie sich diesen großen Hunger, dieses Rieseninteresse an Philosophie?"

Garder: "Das hat vielleicht etwas zu tun mit der Säkularisierung des Denkens. Nicht nur in christlichen Staaten, sondern zum Beispiel auch in muslimischen und anderen Ländern gibt es das ja. Wenn die Religion eine immer weniger wichtige Rolle spielt, dann drängen sich eben philosophische Fragen in den Vordergrund, oder auch wissenschaftliche Fragen. Es gab also gewissermaßen dieses Vakuum. Außerdem: Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und nach dem Ende des Kommunismus' in vielen Teilen der Welt gab es neue Märkte für freies Denken und für Redefreiheit. Es gab neue Demokratien. Und für neue Demokratien brauchte man natürlich auch philosophische Fragen, die beantwortet werden mussten."

Hanselmann: "Ihr vorletztes in Deutschland veröffentlichtes Buch heißt 'Der Geschichtenverkäufer'. Es handelt von einem superkreativen, mit einer extremen Phantasie ausgestatteten Schriftsteller, der die Geschichten, die er erfindet, auch an andere Schriftsteller weiterverkauft und davon lebt. Schon als Schüler fällt dieser Mann auf durch seine Kreativität. War das bei Ihnen auch so? Ist das ein mehr oder weniger autobiografisches Buch?"

Garder: "Im 'Geschichtenverkäufer' geht es ja zum ersten Mal um einen schlechten Typen, um einen 'bad guy'. Sonst habe ich immer um warmherzige, humanistische Menschen geschrieben. In gewisser Weise ist das ein autobiografisches Buch. Dieser Peter, wie er in dem Buch heißt. Ich selber habe auch immer Ideen gehabt. Aber diese Ideen habe ich nie verkauft. Ich habe niemals als Ghostwriter gearbeitet. Aber ich kenne dieses Gefühl, seit frühester Jugend, überzusprudeln vor Ideen und vor Plänen."

Hanselmann: "Jostein Gaarder, durch so einen Weltbestseller wie 'Sofies Welt' kommt ja eine Menge Geld zusammen. Und das stecken Sie zum Teil in eine Stiftung: die Sofie-Stiftung für Umweltaktivisten und Globalisierungsgegner. Wen unterstützen Sie da?"

Garder: "Wir verleihen jetzt seit neun Jahren den Sophie-Preis, das heißt, demnächst werden wir das dann zum zehnten Mal verleihen. Ich werde morgen Wangari Maathai treffen, die ja auch schon den Friedensnobelpreis bekommen hat - und eben auch den Sophie-Preis. Wir unterstützen Umweltaktivisten, denn wir denken, dass unsere Welt sich in einer sehr, sehr problematischen Situation befindet. Der Preis ist mit 100.000 US-Dollar dotiert - es geht dabei also auch um viel Geld. Und ein großer Teil dieses Geldes stammt eben von den Einnahmen aus 'Sofies Welt'."

Hanselmann: "Wenn Sie sagen, Sie unterstützen Umweltaktivisten, was sind die politischen Ziele dieser Stiftung? Wie entscheiden Sie, wer von der Stiftung unterstützt wird und wer nicht?"

Garder: "Wir haben natürlich unsere Ziele erklärt in einem Dokument, in dem wir auch den Zustand der Welt analysieren. Die Frage, ob wir nicht in der Welt mit einer Art und Weise umgehen, dass wir zusätzliche Probleme schaffen, dass wir für Armut sorgen, CO2-Ausstoß, Klimawandel, und die Frage, ob nicht etwas grundlegend falsch ist in der Struktur unseres wirtschaftlichen Systems. Wir vertreten aber keine Doktrin. Wir haben neun sehr verschiedene Preisträger gehabt in den letzten neun Jahren: Sheri Liao beispielsweise, eine Frau aus China, die sehr viel dafür tut, das Umweltbewusstsein der Chinesen zu fördern. Und genau solche Menschen unterstützen wir. Menschen, die versuchen, Umweltprobleme zu kommunizieren. Möglicherweise könnten wir nächstes Jahr Al Gore auszeichnen, denn er tut genau das Gleiche. Auch attac, die französische Organisation, die auf ganz andere Weise tätig ist als Al Gore, käme infrage."

Hanselmann: "Deutschlandradio Kultur, das 'Radiofeuilleton', wir sprechen mit dem norwegischen Autor Jostein Gaarder, weltweit bekannt geworden durch seinen Roman 'Sofies Welt'. Und in jüngster Zeit tauchte der Name Jostein Gaarder in einem anderen Zusammenhang wieder auf, nämlich in dem Zusammenhang mit dem Krieg zwischen Israel und der Hisbollah. In der norwegischen 'Aftenposten' erschien vor zirka vier Wochen ein Artikel mit der Überschrift 'Gottes auserwähltes Volk', in dem Sie, Herr Gaarder, unter anderem schreiben - ich zitiere aus der deutschen Übersetzung: 'Wir anerkennen den Staat Israel nicht mehr. Wir konnten das südafrikanische Apartheid-Regime nicht anerkennen und wir anerkannten das afghanische Taliban-Regime nicht.' Wer ist 'wir'?"

Garder: "Das Wort 'wir' habe ich natürlich nur rhetorisch verwendet. Zu dem Zeitpunkt hatten wir gerade die Kana-Bilder gesehen: die toten Kinder und die toten Zivilisten dort. Das Problem ist, glaube ich, vor allen Dingen das Wort 'anerkennen', das ich verwendet habe. Es kann ja zwei verschiedene Bedeutungen haben. Es kann einerseits bedeuten, offiziell einen Staat in seiner Existenz anerkennen. Oder es kann bedeuten, jemanden Anderen für das anerkennen, was er tut. Und das hatte ich gemeint. Natürlich erkenne ich die Existenz und das Existenzrecht Israels an. Am Anfang des Artikels sage ich sogar, dass wir Europäer sehr besorgt sind um die Juden - wegen der Progrome, wegen des Holocausts. Aber es gibt auch UN-Resolutionen - sehr viele sogar - in diesem Zusammenhang. Unter anderem heißt es dort, dass die Grenzen vor 1967 Gültigkeit haben sollen. Ich hoffe, dass es in Zukunft eine Nahost-Friedenskonferenz geben wird. Ein Teil dieser Verhandlungen muss dann aber sein, dass Israel sich aus den besetzten Gebieten zurückzieht. Oder darüber muss eben weiter verhandelt werden. Die UN hat Resolutionen gegen die Hisbollah erlassen. Die UN hat auch Resolutionen erlassen, um Israel dazu zu bringen, sich zurückzuziehen. Das heißt also: Ich stimme letztlich, was Israel betrifft, völlig mit den Vereinten Nationen und auch mit der Weltöffentlichkeit überein. Aber es stimmt: Ja, ich habe diesen sehr engagierten und auch sehr emotionalen Artikel geschrieben."

Hanselmann: "Und es musste Ihnen doch auch klar sein, Herr Gaarder, dass Sie einen riesigen Wirbel verursachen, wenn Sie allein diesen Vergleich ziehen, wenn Sie allein das Apartheid-Regime in Südafrika und die afghanischen Taliban vergleichen mit Israel?"

Garder: "Ich habe übrigens als Beispiel auch die so genannte ethnische Säuberung in Bosnien erwähnt. Es ist heute sehr problematisch über Israel zu diskutieren. Ich spreche über Israel genauso wie auch über andere Länder. Wir haben beispielsweise die Kriege der USA kritisiert. Schon seit dem Vietnam-Krieg. Und das ist was ganz Ähnliches. In Norwegen zum Beispiel haben viele Menschen israelische Produkte boykottiert wegen der Opfer in der palästinensischen Zivilbevölkerung. Ich denke, dass wir insgesamt in Norwegen offener über das Thema Israel sprechen als das in Deutschland der Fall ist. Natürlich aus historischen Gründen. Aber sogar in Norwegen gibt es die Tendenz, dass jemand, der Israel kritisiert, sofort als Antisemit bezeichnet wird. Das ist zum einen sehr dumm und auch eine sehr schwerwiegende Anschuldigung. Zum anderen ist es aber auch gefährlich, weil auf diese Weise der Antisemitismus verharmlost wird. Antisemitismus ist das Schlimmste, was es gibt. Das ist so ähnlich, wie wenn man pädophil ist. Es ist also für mich sehr wichtig, zu unterstreichen, dass ich Israel nur Gutes wünsche. Aber ich habe eben auch Angst um Israel. Ich denke, Israel muss sich anders verhalten, um Frieden schaffen zu können. Ich habe Angst um Israel und habe deswegen diesen Artikel geschrieben - ähnlich wie ich Angst um meinen eigenen Sohn hätte, wenn ich wüsste, dass er anderen Kindern gegenüber gewalttätig ist."

Hanselmann: "Jostein Gaarder, zurück zu Ihnen als Schriftsteller. Ihr neues Buch heißt 'Schachmatt. Ein großes Lesebuch'. Was erzählen Sie Ihren Lesern darin?"

Garder: "Ich wurde gebeten, ein Buch zu veröffentlichen, weil ich ja vor 20 Jahren mein Debüt als Schriftsteller gegeben habe. Und dieses Buch präsentiert gewissermaßen einen Querschnitt meines Schaffens. Es sind also 64 einzelne Ausschnitte aus verschiedenen Büchern, die man auch getrennt lesen kann und die einen Überblick über mein Werk geben."

Hanselmann: "Also ein Überblick über das Werk von Jostein Gaarder sozusagen?"

Garder: "Genau."

Hanselmann: "Jostein Gaarder, hier bei Deutschlandradio Kultur im 'Radiofeuilleton'. Bedanke mich recht herzlich für das Gespräch. Danke."

Garder: "Danke sehr."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandradio Kultur