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Thema / Archiv | Beitrag vom 23.10.2012

"Ich glaube, dass viele Fußballfans weiter sind als manche konservative Innenpolitiker"

Grünen-Chefin Roth über die Integrationskraft des Sports und das neue Buch "Fußballgipfel"

Claudia Roth im Gespräch mit Matthias Hanselmann

"Ich gehe ja nicht zum Fußball, um gesehen zu werden", sagt Roth (hier beim WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Färöer in Hannover) (dpa / picture alliance / Marcus Brandt)
"Ich gehe ja nicht zum Fußball, um gesehen zu werden", sagt Roth (hier beim WM-Qualifikationsspiel Deutschland gegen Färöer in Hannover) (dpa / picture alliance / Marcus Brandt)

Claudia Roth spricht über ihren "Fußballgipfel" mit den Experten Manni Breckmann, Harald Schmidt und Uli Hoeneß: Die Grünen-Vorsitzende betont die gesellschaftspolitische Bedeutung des Sports - und erklärt, warum sie sich bei einem DFB-Spiel besonders über die Rufe "Mesut, Mesut, Mesut" freute.

Matthias Hanselmann: Der legendäre Fußball-Moderator Manni Breuckmann, der Late-Night-Talker Harald Schmidt, der Fußball-Manager Uli Hoeneß und die Bundesvorsitzende der Grünen, Claudia Roth, haben sich im vergangenen Spätsommer in Manni Breuckmanns Wohnung getroffen, um über eine Nebensache zu reden - Fußball natürlich.

Über sechs Stunden haben diese prominenten Fans miteinander geplaudert, gelacht und gestritten. Herausgekommen ist ein interessantes und amüsantes Buch mit dem Titel "Fußballgipfel". Auf dem Cover steht: "Endlich ein Gipfel mit Ergebnissen." Ich habe mich mit Claudia Roth unterhalten und wollte wissen, wie sie denn auf diese Anfrage Manni Breuckmann zu dem Gespräch reagiert habe.

Claudia Roth: Also erst mal war das natürlich eine riesengroße Ehre für mich, wenn du von einer Legende wie Manni Breuckmann – der ist ja mit Fußball wie kaum ein anderer Sportjournalist verbunden -, wenn der einlädt zum Fußballgipfel, und dann kommen solche Berühmtheiten wie Uli Hoeneß und wie Harald Schmidt, und dann werde ich dazu eingeladen, das hat mich erst mal ein bisschen verwundert, und natürlich habe ich mich richtig darüber gefreut.

Er wusste offensichtlich nicht, dass er mit den drei Personen, die er da eingeladen hat, drei Ulmer eingeladen hat, die natürlich, was Fußball angeht, eh schon traumatisiert sind, alle Höhen und Tiefen erlebt haben, und das hat es noch mal besonders schwäbisch gemacht im Wohnzimmer eines Schalke-Fans.

Hanselmann: Ich habe mich sofort gefragt: Warum stört sich Claudia Roth eigentlich nicht daran, dass sie als einzige Frau in der Runde sitzt? Wieso haben sie nicht für die Quote gesorgt?

Roth: Na ja, weil erst mal ist ja der Fußball eine immer noch ziemlich dicke Männerbastion, und weil ich ja auch nicht zuletzt deswegen sehr aktiv bin beim DFB, um da ein bisschen einzubrechen in diese Männerwelt. Und ich fand bei dreien, sagen wir mal, ein Drittel des Frauenelements schon ziemlich gut quotiert.

Hanselmann: Sie sind aktiv beim DFB, reden wir gleich noch mal drüber. Erst mal Folgendes: Politiker, die sich medienwirksam in Stadien setzen, besonders bei Spitzenspielen und natürlich auch zu Wahlkampfzeiten, machen sich ja auch irgendwie verdächtig nach dem Motto: Keine Ahnung von Fußball, aber den Fan spielen. Was haben Sie denn für eine Beziehung zum Fußball?

Roth: Na ja, ich habe eine Beziehung, die fängt ganz, ganz, ganz früh an, die geht schon sehr lang, schon seit über 50 Jahren, weil ich war die Erstgeborene in einem Haushalt, wo es nur Töchter gab, aber einen total fußballnarrischen Vater, und ich kann mich eben erinnern, so Anfang der 60er-Jahre gab es bei Aral, das war die einzige Tankstelle, die es in unserem Dorf gab, gab es diese blauen, wunderschönen Bücher, wo man Fußballbildchen einkleben konnte, in Zeiten, als es die Pixi-Bilder noch nicht gab. Und ich bin eben mit meinem Vater durch "Sportschau"-gucken, ins Stadion gehen, zum Eishockey nach Füssen fahren, bin ich richtig in den Sport und in die Leidenschaft reingezogen worden.

Sie haben Recht, ich wundere mich auch, wer dann bei Endspielen immer sich um Karten bemüht, und das finde ich dann doch ein bisschen durchschaubar, und ich bin halt eine treue Seele und seit vielen Jahren dann eben auch bei den Spielen, die nicht so attraktiv sind, wenn zum Beispiel die deutsche Frauenfußballnationalmannschaft gegen die nordkoreanische Fußballmannschaft spielt in Duisburg im Stadion, da waren weniger von den prominenteren Politikern da, da gab es auch keine Live-Übertragung.

Hanselmann: Wenn Sie dann mal kurz zu sehen sind, das stört Sie dann auch nicht wirklich?

Roth: Ja, aber ich gehe ja nicht zum Fußball, um gesehen zu werden, sondern ich gehe zum Fußball, um schönen Fußball zu sehen, wie ich es zum Beispiel in 60 Minuten letzte Woche sehen konnte, als die deutsche Fußballnationalmannschaft absolut Weltklasse gespielt hat gegen Schweden, 60 Minuten, und – puff! – dann bricht es weg, und dann kommt natürlich die große Frage, was ist denn da passiert. Also ich gehe nicht, um gesehen zu werden, sondern ich gehe hin, weil ich Fußball genießen will, und da gibt es schon einige tolle Spiele, die ich nie wieder vergessen habe.

Hanselmann: Sie haben erzählt, in Ihrer Kindheit ging es los mit der Fußballbegeisterung – fußballspielende Frauen, das war ja in ihrer Kindheit auch noch fast ein Tabuthema. Haben Sie vielleicht auch selbst gekickt?

Roth: Nein, ich habe nicht selber gekickt, es gab in meiner ganzen Schule, Schulzeit gab es eine Schulkameradin, die war sehr wie ein Junge, und die hat manchmal bei den Jungs im Tor stehen dürfen. Aber es ist noch gar nicht so lange her, dass der Frauenfußball überhaupt erlaubt wurde. Der DFB hatte den ja sozusagen auf dem Index, also es ist in der Tat wirklich ein Einbruch in eine geschlossene Männerwelt, dass Frauen Fußball spielen, dass sie auch eine eigene Ästhetik, einen eigenen Stil entwickelt haben, dass der Frauenfußball auch viele, viele Anhänger und Anhängerinnen hat, und dass Mädchen mehr und mehr den Anspruch erheben, auch überhaupt die Rahmenbedingungen zu bekommen, damit sie auch Fußball spielen können.

Hanselmann: Deutschlandradio Kultur – wir sprechen mit Claudia Roth, der Bundesvorsitzenden der Grünen, und Teilnehmerin an einem Gespräch mit den Fußballfans und Experten Manni Breuckmann, Harald Schmidt und Uli Hoeneß. Das Gespräch ist gerade in Buchform erschienen, Titel: "Fußballgipfel".

Frau Roth, zu dieser Runde noch einmal: Für den Bayern-Präsidenten und wohl erfolgreichsten deutschen Fußballmanager Uli Hoeneß ist eine der Ursachen für die deutschen Fußballprobleme die Verweichlichung, die den 68ern zuzuschreiben ist, also die Nachfolgegenerationen wollen sich nicht mehr quälen, sie haben nicht die nötige Disziplin und so weiter. Nun sind Sie keine 68erin, aber auch nicht weit entfernt davon. Hat Hoeneß Sie denn überhaupt ernst genommen in dieser Runde?

Roth: Ich glaube schon, dass er auch mich ernst genommen hat, auch in durchaus kontroversen Auffassungen, aber er hatte bestimmte Vorstellungen auch von Hierarchie oder von dieser Debatte, die ja jetzt losgegangen ist mit den Führungspersönlichkeiten, die es braucht auf dem Platz.

Ich bin wirklich Fan von dem wenig hierarchischen Stil, wie ihn Jogi Löw ja praktiziert. Und dieses Gejammere und dieses Aufheulen, wenn man nicht immer den Titel holt – natürlich will so eine Mannschaft auch mal ganz vorne sein, aber wir sind seit Jahren – wir! –, die deutsche Fußballnationalmannschaft spielt seit Jahren, seit Jogi Löw, ganz vorne mit unter den besten vier Mannschaften auf der ganzen Welt.

Die Brasilianer, die nun wirklich die Heimat von spannendem Fußball sind, beneiden uns beinahe für dieses moderne Spiel, für dieses kluge Spiel, und ich bin froh, dass es bei uns in der Mannschaft Spieler gibt, die auch eine eigene Meinung vertreten.

Ich bin froh, wenn so ein Philipp Lahm über die Menschenrechtsverletzungen in der Ukraine sich äußert. Also ich glaube, das ist ein sehr modernes Spiel, wie es Jogi Löw möchte von seiner Mannschaft, er respektiert diese Persönlichkeiten auf dem Platz – ich möchte nicht zurück in dieses Alte, wo es den Chef gibt, und die anderen haben zu schweigen, und diesen Drill auf dem Platz. Das ist nicht modern.

Hanselmann: Ein Thema Ihres Fußballgipfels war die Frage nach der Integrationskraft des Fußballs in Deutschland. Für wie groß halten Sie diese?

Roth: Ich halte die für sehr groß, und deswegen bin ich wirklich seit vielen Jahren jetzt, seit sechs, sieben Jahren ... darf ich beim DFB mit aktiv sein auf unterschiedlichen Ebenen, beispielsweise in der Nachhaltigkeits-Kommission, wo ich die Beauftragte bin für Umwelt und Klima, in der DFB-Kulturstiftung – es war ja gerade der Präsident Theo Zwanziger, der auf die gesellschaftspolitische Funktion des Fußballs auch immer wieder abgehoben hat.

Der Frauenfußball hat viel dazu beigetragen, dass junge Mädchen dieses Spiel jetzt auch als ihres Verstehen, dass sie sich gleichberechtigt empfinden. Und wenn ich mir unsere Nationalmannschaft anschaue und weiß, dass bei Online-Befragungen Mesut Özil als der beste deutsche Spieler gevotet worden ist, dann ist die deutsche Fußballnationalmannschaft oder die Fußballclubs, -vereine, sind viel mehr ein Spiegelbild dessen, was in der Realität einer Einwanderungsgesellschaft Bundesrepublik Deutschland ist, wo die polnische Abstammung oder die halb algerische Abstammung oder tunesische Abstammung oder die türkische Abstammung deutlich macht, dass man eben Deutscher ist, auch wenn deine Wurzeln wo ganz anders sind.

Hanselmann: Es könnte auch sein, solang man erfolgreich ist und Özil heißt, werden sozusagen die türkischen Wurzeln mit in Kauf genommen, werden mit berücksichtigt. Wenn er aber erfolglos wäre, und ich denke da an Rassismus und Antisemitismus, der doch nach wie vor auch zu den Schattenseiten des Fußballs, zumindest in den unteren deutschen Fußballligen gehört – also das Problem ist nicht vom Tisch.

Roth: Das Problem ist nicht vom Tisch, natürlich nicht. Und natürlich gibt es immer wieder die Versuche, Fußball oder Fußballfans auch zu unterwandern, zu missbrauchen, weil das sind ja keine Fans, die antisemitische Sprüche in Kaiserslautern gegen einen jüdischen Spieler loslassen. Aber da ist dann eben, da sind die Vereine gefragt, da ist der Verband gefragt, tatsächlich, es nicht zuzulassen, dass Rassismus, dass Ausgrenzung, dass rechtsextremistische Beschimpfungen und Stimmungsmache auf dem Platz passiert.

Ich glaube, tatsächlich, dass – und da habe ich ein Schlüsselerlebnis gehabt: Bei der Qualifikation für die Europameisterschaft hat es ein Hinspiel gegeben in Berlin, Deutschland, Türkei, und die türkischen Fans, die angereist waren aus der Türkei – und das waren ziemlich viele, 15.000, 20.000 – haben jedes Mal, wenn Mesut Özil an den Ball kam, unglaublich gepfiffen, gebuht, und es war echt schlimm, und dann nach kurzer Zeit haben aber die deutschen Fans gesungen und geklatscht und haben "Mesut, Mesut, Mesut" ... und ich hatte das Gefühl, jetzt ist er wirklich richtig eingebürgert, und da trägt der Fußball dazu bei. Natürlich kann der Fußball nicht eine andere Einwanderungs- und Innenpolitik gestalten, aber ich glaube, dass viele Fußballfans weiter sind als manche konservative Innenpolitiker.

Hanselmann: Frau Roth, der "Berliner Tagesspiegel" brachte gestern eine Karikatur aus Anlass der Wahl Ihres Parteifreundes Kuhn zum Stuttgarter Oberbürgermeister, da sagt Frau Merkel vor dem Fernseher: "Fehlt nur noch, dass Claudia Roth die neue Trainerin vom VfB Stuttgart wird!" Wie wäre es denn?

Roth: Ja, das hat mich sehr gefreut, aber ich glaube, als Trainerin vom VfB Stuttgart wäre ich nicht so geeignet. Also das war eine große Ehre, das heißt, die Bastionen werden genommen, und das heißt aber auch, dass der Fußball und die Verbandsstruktur, die ja in der Regel als sehr konservativ wahrgenommen worden ist, mit Mayer-Vorfelder und anderen, dass die sich geöffnet hat. Der ganze Fußball ist nicht eine geschlossene Männerwelt, und es ist auch nicht eine geschlossene CDU/CSU-Welt, sondern sie ist bunt, sie ist vielfältig, und da passen auch grüne Frauen und Männer dazu.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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