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Radiofeuilleton - Kino und Film / Archiv | Beitrag vom 29.11.2009

"Ich glaube, dass man wenig tun kann"

Regisseurin Sandra Nettelbeck thematisiert in "Helen" Depressionen

Andreas Müller im Gespräch mit Sandra Nettelbeck

Regisseurin Sandra Nettelbeck - bekannt geworden mit ihrem Film "Bella Martha" - hat jetzt in Vancouver mit der Hollywoodschauspielerin Ashley Judd in der Hauptrolle "Helen" gedreht. Der Film zeigt eine depressive Musikprofessorin, die eigentlich glücklich sein müsste und könnte.

Andreas Müller: Jetzt ist Sandra Nettelbeck, die Regisseurin dieses Films bei uns zu Gast. Schönen guten Morgen!

Sandra Nettelbeck: Guten Morgen!

Müller: Sie sind eine lange Zeit mit diesem Film schwanger gegangen, Sie wollten ihn eigentlich schon vor Ihrem Film "Bella Martha" realisieren, denn Sie haben vor einigen Jahren eine gute Freundin an die Depression verloren, sie hat sich das Leben genommen. Wollten Sie das Erlebte mit diesem Film für sich auch verarbeiten?

Nettelbeck: Nein, das kann man so nicht sagen. Ich hab das Erlebte bis heute nicht verarbeitet, und der Film hat mir geholfen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen, aber weniger mit der Geschichte meiner Freundin. Ich habe ganz viel gelernt darüber, ich habe ganz viel gelesen. Ich habe das angefangen zu recherchieren, als ich einen Artikel von Andrew Solomon im "New Yorker" gelesen habe, das war drei Jahre nach dem Tod meiner Freundin. Und der hat mich dazu motiviert, diesen Film zu machen. Und er ist meiner Freundin gewidmet, aber es ist nicht ihre Geschichte.

Müller: Im Film stellen sich Helens Ehemann und ihre Tochter die Frage nach ihrer Schuld, also inwieweit sind die vielleicht mitverantwortlich für das, was da geschieht, für den Zustand der Mutter. Hatten Sie auch so etwas wie ein Schuldgefühl damals und – Sie haben es schon gesagt, Sie haben viel recherchiert, haben viel gelernt – konnten Sie sich befreien, wenn Sie so ein Schuldgefühl hatten?

Nettelbeck: Rational vielleicht ja, emotional nicht. Ich bin nicht davon frei, bis heute nicht, mich zu fragen, ob ich irgendwas hätte tun können, ob ich irgendwas nicht getan habe. Das lässt einen glaube ich nicht los, ganz egal wie viel man dann darüber weiß und wie sehr man vielleicht auch davon überzeugt sein muss, es hätte nichts gegeben oder man hätte sie nicht retten können. Das maße ich mir auch nicht an, das heute zu wissen, ob das möglich gewesen wäre oder nicht. Und trotzdem verfolgt es einen. Der Film hat mir geholfen und das Wissen hat mir geholfen, dass ich weiß, dass man beim nächsten Mal anders reagieren kann und vielleicht früher reagieren kann – und dass die Schuldgefühle einem nicht helfen, sondern dass man versuchen muss, jemandem zu helfen, aber auch die Familie von Helen ist ja nicht schuld.

Müller: Es gibt ja so schöne Sätze – wir haben einen eben in der Einführung gehört –, da heißt es: Ihre Frau ist nicht unglücklich, sie ist krank. Das ist etwas, was man glaube ich lernen muss so als Nahestehender oder Angehöriger. Und dann gibt es aber auch solche Sprüche wie die Top 5 der schlechtesten gut gemeinten Ratschläge, also mach mal Yoga, reiß dich mal zusammen oder so was, oder wo man schon merkt, das ist schwer zu verstehen, was da in einem losgeht. Im Film bekommt man so ein bisschen den Eindruck, man könne als Angehöriger gar nicht so richtig viel machen.

Nettelbeck: Ich glaube auch tatsächlich, dass man wenig tun kann. Man kann für jemanden da sein, aber man muss es oft aushalten, dass man nicht wirklich helfen kann. Man kann jemandem helfen, Hilfe zu suchen, das finde ich einen ganz wichtigen Aspekt, was ich auch immer wieder Leuten sage. Man kann jemandem helfen, Hilfe zu finden, weil das ist so ein wahnsinnig schwieriger Schritt, den man ganz oft alleine als Depressiver nicht schafft. Und man kann dem Depressiven den Liebesdienst tun, auszuhalten, dass man nicht viel tun kann. Weil auch das fällt ja gerade David besonders schwer, weil er möchte so gerne glauben, dass er einen Unterschied macht und dass seine Liebe Helen retten wird. Und noch viel schwieriger wird es, als er bemerkt, dass Mathilda etwas für Helen tun kann, was er offensichtlich nicht tun kann für sie.

Müller: Also Mathilda ist die eigentliche, die einzige Figur, die noch herankommt an Helen, da gibt es dann fast so etwas wie Eifersucht. Ist diese Mathilda vielleicht auch ein bisschen geformt – sie ist um die 30 – wie jene Freundin von damals?

Nettelbeck: Das kann ich schwer sagen. Diese Figuren sind alle ausgedacht, und das war für mich auch notwendig, also diese Distanz dann zu finden und sich die Figuren neu zu gestalten, weil in diese Nähe kann ich dann auch gar nicht rücken. Also was bei Mathilda so wichtig ist, ist, dass sie etwas von Helen weiß und etwas von Helen versteht, was ihr Mann nicht versteht.

Müller: Im Deutschlandradio Kultur spreche ich mit der Regisseurin Sandra Nettelbeck über ihren neuen Film "Helen", der jetzt im Kino zu sehen ist. Der Film wirkt ein wenig wie ein gut gemachter, inszenierter Dokumentarfilm mit einer richtig guten Besetzung, offensichtlich will dieser Film nämlich auch unter anderem aufklären, könnte man denken. Warum haben Sie das Gefühl gehabt, diese Geschichte, diese Problematik in einem Spielfilm besser erzählen, beleuchten zu können als mit einem Dokumentarfilm zum Beispiel?

Nettelbeck: Das Gefühl hatte ich gar nicht, weil ich glaube, dass man hervorragende Dokumentarfilme über dieses Thema machen kann, und ich habe auch schon ganz hervorragende Dokumentarfilme gesehen. Mir ging es um was anderes: Ich wollte eine sehr persönliche Geschichte erzählen – und ich bin Spielfilmregisseurin, ich bin nicht Dokumentarfilmerin – und es ging mir gar nicht so sehr darum, jetzt alle Antworten zu liefern oder die Leute aufzuklären. Mir lag es in erster Linie daran – ich lass ja auch ganz viel weg, also ich erkläre ja so gut wie gar nichts in dem Film, und das machen mir ja auch Leute zum Vorwurf. Sie sagen, wir verstehen so wenig, der Film bleibt an der Oberfläche.

Das sehe ich natürlich anders. Ich wollte nur keinen Erziehungsfilm machen. Ich wollte eine sehr persönliche Geschichte erzählen, die sehr aus Helens Perspektive erzählt wird, das heißt, das Verstummen der Figur in ihrer Krankheit, das reflektiert sich auch in der Erzählweise des Films.

Und ich hoffe, dass das ... Also das, was ich mir wünschen kann von dem Film, ist, dass er die Leute anregt, sich darüber zu unterhalten und darüber noch mehr zu lernen und nachzufragen und zu diskutieren, weil das ist das, was wir unbedingt brauchen, weil wir nur helfen können, besser helfen können, wenn wir aufgeklärter sind.

Müller: Der Film ist eine deutsch-kanadische Koproduktion, auf Englisch gedreht, ich glaube der erste, den Sie überhaupt auf Englisch gedreht haben. Sie haben ihn auch auf Englisch geschrieben, sie sprechen perfekt englisch. Die Weltpremiere war beim renommierten Sundance-Festival. Wie sieht es denn aus mit dem Interesse für so einen Film mit diesem Thema, mit dem sich ja eigentlich niemand so richtig auseinandersetzen möchte?

Nettelbeck: Ja Mann! Es müsste größer sein, finde ich. Es ist aber natürlich auch eine sehr schwierige Zeit im Moment für Independentfilme, ganz egal, ob sie dramatisch oder komisch sind. Die Leute kaufen wahnsinnig wenig, es ist einfach schwierig. Und ich glaube, dass das Interesse größer ist, als die Verleiher vielleicht auch glauben, also international, in Deutschland – Warner Brothers steht ja sehr hinter dem Film, was ich ganz toll finde, weil es ja wirklich kein einfacher Film ist. Es ist nicht so, dass man den, dass das so das Samstagabendprogramm ist, nach dem sich jeder sehnt, sondern es ist schon ein schwieriger Film und der das Publikum auch sehr fordert. Und trotzdem hoffe ich natürlich, dass es ein ganz, ganz großes Interesse gibt und dass ich vielleicht auch noch sogar einen Verleiher in Amerika finde, was ich ganz toll fände, weil die Geschichte ja auch sehr amerikanisch ist.

Müller: Es klingt fast pietätlos, aber nach dem Freitod von Nationaltorwart Robert Enke und dem riesigen öffentlichen Interesse an dem, was da passiert ist und der damit verbundenen Frage, warum?, startet "Helen" ja, wenn man so will, zu einem richtigen Zeitpunkt, zufälligerweise. Meinen Sie, dass das vielleicht auch noch mal ein Interesse erhöhen könnte, noch mehr Menschen jetzt vielleicht ins Kino gehen? Es gab einfach sehr viel Geschichten nach diesem Freitod.

Nettelbeck: Ja, das ist natürlich schwierig. Also ich bin das jetzt auch immer gefragt worden. Natürlich bringt den Film jetzt jeder damit in Verbindung. Ich finde es, so wie ich das erlebt habe, ich finde es ganz tragisch, dass jemand sterben muss, damit die Leute anfangen, darüber zu reden. Gleichzeitig ist es so, dass ich denke, es ist gut, dass die Leute drüber reden, weil das vielleicht den Nächsten rettet. Weil nur das Drüberreden die Leute davor bewahren kann, wenn überhaupt, dass so etwas noch mal passiert. Und es passiert ja stündlich in Deutschland. Und ich kann nur hoffen, dass sich irgendwas bewegt, dass vielleicht auch irgendjemand aus dem Film geht und jemanden anruft, weil er was verstanden hat. Und das hilft uns hoffentlich allen.

Müller: Die Hauptrolle spielt Ashley Judd sehr eindrucksvoll, und jetzt konnte man aber in einem Interview lesen, dass das erst auf den letzten Drücker überhaupt geklappt hat oder passiert ist, dass sie diese Rolle bekommen hat, weil die ursprünglich geplante Hauptdarstellerin durch den verschobenen Zeitplan, den es gab bei den Arbeiten, dann plötzlich anderweitig beschäftigt war. Und Ashley Judd soll sich geradezu bei Ihnen beworben haben. Hat die vielleicht auch etwas abzuarbeiten gehabt?

Nettelbeck: Also beworben würde ich das jetzt nicht nennen, aber Ashley hatte das Drehbuch gelesen, zufällig – also ein Agent hatte ihr das Drehbuch zu lesen gegeben, das kam nicht von mir, und das war knapp sechs Monate, bevor wir gedreht haben – und hat mir dann einen Brief geschrieben, weil das Drehbuch sie sehr berührt hat und aus sehr persönlichen Gründen sehr bewegt hat, und sie mir dann sagte, sie möchte gerne mitmachen und sie würde alles tun, um dabei zu sein, weil ihr das sehr viel bedeutet und weil ihr das sehr nahegeht und weil sie das Drehbuch sehr gut versteht. Und das hat mich natürlich sehr berührt, weil so was passiert einem ja auch nicht alle Tage als Regisseur. Und ich hatte nun mal aber zu der Zeit eine Hauptdarstellerin, der ich schon verpflichtet war. Und wir haben uns dann aber trotzdem kennengelernt, Ashley und ich, in Los Angeles, was auch sehr nett war. Und dann, Monate später hat es sich dann so ergeben, dass meine Hauptdarstellerin plötzlich aussteigen musste. Und plötzlich war es so, dass jetzt gehen wir entweder alle nach Hause oder ich rufe Ashley an. Und dann habe ich Ashley angerufen, und dann war sie am nächsten Tag dabei. Und das war wirklich wie, wir haben das beide so als Fügung empfunden. Das war irgendwie klar, dass das ... Irgendwie haben wir es auch geahnt, deswegen haben wir uns glaube ich auch getroffen. Vielleicht hat man das dann doch so, hat so einen siebten Sinn für so was.

Müller: Jetzt sind wir in einer sehr dunklen Jahreszeit, das Thema ist ein sehr ernstes, um nicht zu sagen fast schon wieder deprimierendes. Gestatten Sie mir diese letzte Frage: Was kommt nach "Helen", was steht auf Ihrem Arbeitsplan? Vielleicht zur Abwechslung mal was Leichtfüßiges?

Nettelbeck: Also auf jeden Fall sehr viel leichter als "Helen", das ist aber ja auch nicht schwer. Nein, ich schreibe gerade an einer sehr schönen Geschichte, die in Paris spielt – es ist eine Adaption einer französischen Novelle. Und das macht mir ganz großes Vergnügen, weil es tatsächlich sehr viel mehr an "Martha" anschließt als an "Helen" und ich mich da viel mehr vergnügen kann. Und es ist schon eine Befreiung auch, nach elf Jahren ist man ganz froh, wenn man dann mal was anderes machen kann. Also weil ich weiß, ich habe es jetzt gemacht, ich muss es nicht mehr machen, ich kann jetzt was anderes machen.

Müller: Die Regisseurin Sandra Nettelbeck. Ihr Film "Helen" ist jetzt in den Kinos. Vielen Dank!

Nettelbeck: Danke schön!

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