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Kulturinterview / Archiv | Beitrag vom 16.07.2007

"Ich erfülle die Kriterien"

Nike Wagner: Abstammung alleine reicht nicht als Eignung für Bayreuth

Moderation: Holger Hettinger

Nike Wagner (AP)
Nike Wagner (AP)

Im Streit um die Nachfolge von Wolfgang Wagner als künstlerischem Leiter der Bayreuther Festspiele hat dessen Nichte Nike Wagner ihre Ambitionen konkretisiert. Wenn man einen Wagner-Nachkommen wolle, dann habe sie bestimmte Eignungsnachweise, sagte Nike Wagner. Außerdem leite sie bereits ein Festival, dessen Schwerpunkt Musik sei.

Holger Hettinger: In gut einer Woche beginnen in Bayreuth die Wagner-Festspiele. Mittlerweile ist es zur schönen Tradition geworden, dass diese Festspiele eine Art Prolog haben, der jedes Jahr um das selbe Thema kreist: Wer folgt Wolfgang Wagner nach, dem greisen Patriarchen des grünen Hügels und Enkel von Richard Wagner? Drei Urenkelinnen Wagners haben ihren Hut in den Ring geworfen: Eva Wagner-Pasquier, älteste Tochter von Wolfgang Wagner, dessen jüngste Tochter Katharina und Nike Wagner, die Tochter des 1966 verstorbenen Wieland Wagner, der gemeinsam mit seinem Bruder Wolfgang die Bayreuther Festspiele nach dem Krieg wiederaufgebaut hat. Nike Wagner ist Autorin, Dramaturgin, sie ist Leiterin des Kunstfestes Weimar und sie ist im Studio des Radiofeuilletons. Schön, dass Sie hier sind, herzlich Willkommen, Frau Wagner.

Nike Wagner: Guten Tag.

Hettinger: Frau Wagner, Sie haben schon vor knapp acht Jahren Ihre Vision von einem neuen "durchlüfteten" Bayreuth skizziert. Sie wollten auch andere als die zehn einst von Cosima Wagner festgelegten Opern aufführen. Sie wollten zusätzlich Opern von anderen Komponisten ins Festspielhaus bringen und ein Beiprogramm bieten. Die Bayreuth-Gemeinde hat gequält aufgestöhnt. Würden Sie ihre Modernisierungsvorschläge heute erneut so formulieren?

Wagner: Ich würde meinen Plan zu einer Neubestimmung von Bayreuth ganz sicherlich noch mal aufmerksam durchlesen. Es sind ein paar Jahre vergangen, es sind sehr viele Erfahrungen dazugekommen. Und was Sie nennen ist sicher der anstößigste Punkt, da schreien die Wagnerianer in der Tat gequält auf, die Idee andere Werke hereinzunehmen. Diese Idee muss man mal prüfen. Das Problem sind nicht nur die Wagner-Gesetze, vom Stiftungsrat noch einmal bekräftigt, dass dort nur Wagner gespielt werden kann. Das Problem ist ja auch, welche Werke eignen sich musikalisch überhaupt dafür, unter diesem Deckel des Bayreuther Orchestergrabens gespielt zu werden? Welche Werke vertragen überhaupt diesen spezifischen Mischklang?

Hettinger: Das sollten wir vielleicht noch erklären, nachschieben: Das Orchester in Bayreuth ist unter einer Art Deckel versammelt, was diesen, manche sagen einzigartigen, andere sagen hoch problematischen Wagner-Klang ausmacht. Das kommt wie aus einem Trichter raus, ist dadurch nicht so klar, als würde das Orchester in einem traditionellen Graben sitzen. Aber diese Schwammigkeit hat sich ja auch ein bisschen als Markenzeichen etabliert.

Wagner: Das ist ein reflektierter Sound, den vollen Schwall kriegen eigentlich nur die Sänger. Es gibt genug spezifische Bayreuth-Charakteristika, die mit der Bauweise des Hauses zu tun haben und die eine Art Einzigkeitigkeit und auch die Schönheit von Bayreuth ausmachen und die Besonderheit. Alles andere, für alles andere ist aber sonst Raum, neu zu denken, neu zu experimentieren. Das ist ja alles ein riesiges abgesunkenes Kulturgut im Grunde.

Hettinger: Muss man Bayreuth überhaupt modernisieren? Ihr Onkel Wolfgang Wagner verweist immer wieder gerne darauf, dass er jede Karte zehnmal verkaufen könnte. Warum also was ändern?

Wagner: Ja, da öffnen Sie jetzt wieder ein weites Feld. Modernisieren und Zeitgeistigkeit sind auch wieder zwei Paar Schuhe. Natürlich ist das Werk aus dem 19. Jahrhundert und bedarf ständig neuer Sichtweisen und das Regietheater im Allgemeinen hat dem alten Wagner sehr gut getan. Aber Sie wissen im Regie-Theater gibt es Quatsch und es gibt hervorragende Sachen. Wir sind momentan - und das ist interessant zu beobachten, dass Bayreuth sich immer parallel zu dem jeweiligen Entwicklungen, seien sie politisch oder auch zeitgeistig, immer parallel bewegt - wir sind momentan da durchaus auf einem sehr verflachten Begriff von Modernisierung, einem Event-Begriff, einem, ja sozusagen Gut-fürs-Marketing-Begriff, da muss man auch aufpassen, dass das Neue nicht mit dem besinnungslos Neuen verwechselt wird.

Hettinger: Frau Wagner, Sie haben nun die wunderbare Gelegenheit, Werbung in eigener Sache machen zu können. Was können Sie besser als Eva und Katharina?

Wagner: Ich habe eine andere Laufbahn, eine andere Ausbildung. Ich habe Germanistik, Musik, Theaterwissenschaft studiert, Dramaturgie gemacht. Ich bin mehr inhaltlich denkend. Ich komme in der Tat nicht von Marktstrategien her, sondern vom inhaltlichen Denken. Und ich war immer, sagen wir, in künstlerisch guter Gesellschaft, immer unter Künstlern, unter Schriftstellern, unter Theaterleuten und das färbt auch ab. Und Sie haben vorhin Wieland Wagner genannt, der Geist des Hauses. Wieland Wagner hat mich natürlich geprägt. Und der war ein künstlerischer Geist, ein sehr offener Geist, ein neugieriger. Ich habe immer in der Kunst gelebt.

Hettinger: Und die anderen haben das nicht?

Wagner: So kann ich das nicht sagen. Meine Cousine Eva hat erst mal sozusagen die ganzen Betriebsdinge im Festspielhaus von der praktischen Seite her, sie hat ja zehn Jahre dort gearbeitet, erfahren. Deswegen galt sie immer als die Praktikerin und ich galt mehr als der intellektuelle Luftmensch, wenn Sie so wollen. Natürlich, man ist für so einen Job von verschiedenen Seiten her geeignet, das will ich gar nicht absprechen.

Hettinger: Katharina Wagner ist die Favoritin Ihres Onkels Wolfgang Wagner, dem derzeitigen Festspielleiter. Die hat ja erheblich Boden gutgemacht, hat eine Regisseurshandschrift nach der anderen jetzt abgeliefert. Holt sie auf?

Wagner: Also ich würde Ihnen vorschlagen, dass Sie mir ersparen über Katharina Wagner zu reden. Ich finde das eine solche öffentliche Dressur, die da vorgeführt wird, ich habe keine ihrer Inszenierungen, in die sie vom Vaterhaus aus hineingeschoben worden ist, gesehen. Ich bin einfach nicht befugt, über diese Person zu reden.

Hettinger: Öffentliche Dressur? Wie meinen Sie das?

Wagner: Na, dynastische Dressur.

Hettinger: Dynastisch, das dynastische Prinzip, ein Wort, das Oliver Hilmes auch gebraucht hat in seiner Cosima Wagner-Biografie. Bayreuth ist seit Anbeginn der Festspielgeschichte fest in der Hand der Wagnerfamilie. Finden Sie das überhaupt sinnvoll?

Wagner: Na ja, marketingtechnisch, historisch ist es großartig, nicht? Es ist, sagen wir mal, von Romantik und überglänzt nur so. Und die Idee, dass heute ein Enkel die Festspiele führt eines Mannes, der 1813 geboren ist, ist gigantisch und trägt natürlich zur Mythisierung des ganzen Bayreuth-Komplexes unglaublich bei. Es ist ein schöner Gedanke, aber irgendwann muss man sich doch fragen: Genügt das Blut vom Blute für eine kompetente Leitung von Bayreuth oder kommen vielleicht allmählich mal auch deutliche Kriterien der Eignung dafür, kommen die nicht auch mal ins Spiel? Und ich muss sagen, es ist eigentlich lustig, über Bayreuth Witze zu machen und ich finde auch die Idee dieser oberfränkischen Posse, ich kann verstehen, dass es die Kulturlandschaft irgendwie erheitert, das kann ich verstehen.

Hettinger: Tut Ihnen das weh, als eher polyglotter Geist?

Wagner: Nein, ich bin auch sehr lachbereit über Bayreuth. Aber man darf allmählich nicht vergessen, wie ernst die Sache doch ist. Es handelt sich jetzt um die entscheidende Chance zu einer Veränderung in Bayreuth. Jetzt, nach der endlosen, endlosen Ära Wolfgang Wagner. Das muss man mal bedenken. Und den Stellenwert von Bayreuth kennen Sie auch. Das ist das nationale, kulturelle Identifikationssymbol. Es geht darum, die Gesellschaft identifiziert sich ja mit Bayreuth, sie rennen ja alle hin und zum Teil auch sehr kritiklos leider. Es geht um diese ganz große Entscheidung: Hat der Stiftungsrat den Mut, diese Chance wahrzunehmen? Hat er den Mut zu wissen, was wollen wir denn eigentlich mit Bayreuth? Wo soll's denn hingehen? Es werden ganz sicher strukturelle Veränderungen vorgenommen werden, das liegt in der Natur des Vertrages. Also der Lebenszeitvertrag, den wird es sicherlich niemals mehr geben, das ist klar. Es wird auch wohl die GmbH-Struktur, die damals erfunden wurde, mal ernsthaft durchgeführt, das ist ja alles so ein bisschen halbgegoren erst. Aber es steht eben eine künstlerische neue Definition von Bayreuth an. Und die interessiert mich.

Hettinger: Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein?

Wagner: Ich würde mal so sagen, in aller Unbescheidenheit. Wenn man einen Wagner-Nachkommen will, dann habe ich verschiedene Eignungsnachweise, reden wir ruhig mal bürokratisch vor uns hin. Ich habe sehr viel über Wagner gearbeitet, also die intellektuelle Seite, viel über Wagner nachgedacht, geschrieben, kann man alles nachlesen. Ich leite jetzt ein Festival, dessen Schwerpunkt Musik ist. Ja, was will man denn eigentlich mehr? Jemand, der sich mit Wagner auskennt, der Gott sei dank nicht selber inszenieren will, das halte ich für ganz wichtig.

Hettinger: Warum?

Wagner: Weil das dann zur Spielwiese ausartet, wenn der Intendant sozusagen immer das Recht hat, in diesem Haus zu inszenieren. Die Ära Wolfgang Wagner hat uns da einiges gelehrt. Gut, also ich...

Hettinger: Weil das Haus auch nichts sagt, mehr oder weniger, wenn der Chef...?

Wagner: Ja, was soll das Haus sagen, wenn der Chef dirigiert? Nein, also. Und ich leite ein Musikfestival. Also, wo ist das Problem? Deswegen würde ich sagen, ich werde mich nicht aktiv bewerben. Aber da ich die Kriterien erfülle, die für die Nachfolge aufgestellt sind, warum nicht?

Hettinger: Immer wenn Vorwürfe laut wurden, dass Bayreuth doch eine eher vermuffte Angelegenheit sei, hat Ihr Onkel Wolfgang Wagner ein As aus dem Ärmel gezogen. Ich denke da an progressive Regisseure wie Heiner Müller, Christoph Schlingensief, Lars von Trier. Wie beurteilen Sie das? Ist das ein Trick oder nicht doch letztlich ein Beleg für die Innovationskraft von Bayreuth?

Wagner: Also, was ich da eher zu bemängeln finde, ist, dass diese wenigen interessanten Namen, wo ohnehin die interessantesten haben das Boot ja vorzeitig verlassen, der Martin Kusej und der Lars von Trier. Man kann sich fragen, warum? Vielleicht konnten die da nicht in Ruhe arbeiten. Was ich aber monieren würde, ist, dass, ja, ein paar Schwalben machen noch keinen Sommer. Es hat keinen Sinn, ein, zwei interessante Leute mal reinzuholen. Es handelt sich hier mehr um eine gesamte konzeptuelle Linie. Man muss das Schiff insgesamt in eine bestimmte Richtung lenken, sodass eine Linie erkennbar wird, damit ich weiß, wofür Bayreuth steht. Jetzt ist es natürlich mal das und mal dies. Es gibt da keine verbindlichen ästhetischen Kriterien.

Hettinger: Sie selbst, Nike Wagner, sind in Bayreuth groß geworden, Sie haben gelebt in der Villa Wahnfried, der sagenumwobenen Villa von Richard Wagner. Mitglied der Wagnerfamilie zu sein, war das für Sie eher Fluch oder Segen?

Wagner: Das ist die Lieblingsfrage.

Hettinger: Dachte ich mir's doch.

Wagner: Aller Journalisten.

Hettinger: Deswegen stelle ich sie auch so spät.

Wagner: Last oder Lust? Fluch oder Segen? Nein, das ist etwas ganz Außerordentliches. Natürlich gibt es Jahre des Heranwachsens, wo sozusagen der Anspruch von außen an einen herangetragen wird und irgendwie muss man versuchen, damit umzugehen. Die Latte ist hochgelegt. Aber man hat auch ungeheuerliche Privilegien, das ist doch klar. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit befördert einen ja auch. Wie sich das alles zusammenfügt, ist ja ein wichtiger Teil unserer Kulturgeschichte und ich nehme diese Verantwortung und diese Stafette sehr gerne an.

Hettinger: Wie haben Sie das als Kind empfunden, wenn man so merkt "oh hoppla, ich komm da aus, ja, einer dynastischen Linie raus, die eine ganz eigene, große und auch wichtige verantwortungsvolle Verortung hat".

Wagner: Ach, das geht ja Stück für Stück. Ich habe eine außerordentlich schöne und fröhliche Kindheit in Wahnfried verlebt und das Festspielhaus gehörte dazu. Man ging rein und raus, man wächst da ganz selbstverständlich hinein. Später wachsen auch Kritik dazu, wächst Distanz dazu, es kommt ein historisches Sich-Befassen mit diesem Gegenstand Wagner und der Geschichte, auch der politischen Geschichte. Insofern ist es ein riesiger reicher Kontext, in den ich mich gerne auch hineingefressen habe, der fantastisch interessant ist und Teil dieser, ja, unserer kulturellen Identität.

Hettinger: Nike Wagner, Urenkelin von Richard Wagner. Sie ist Leiterin des Kunstfestes Weimar und war hier im Studio von Deutschlandradio Kultur, um im Radiofeuilleton über ihre Bayreuth-Erfahrungen und über die Nachfolgeregelung zu reden. Ich danke Ihnen sehr, Frau Wagner.

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