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Profil / Archiv | Beitrag vom 08.02.2010

"Ich bin eine totale Spießerin"

Die 17-jährige Helene Hegemann über sich und ihren Debütroman

Von Tobias Wenzel

Helene Hegemann (Mae Ost)
Helene Hegemann (Mae Ost)

Mit 15 veröffentlichte sie das Theaterstück "Ariel 15", mit 16 ihren Kinofilm "Torpedo" und nun, mit 17 Jahren, ihren ersten Roman mit dem Titel "Axolotl Roadkill". Viele Feuilletonisten sind begeistert von der Berlinerin Helene Hegemann, von ihrem Umgang mit Sprache und von ihren Provokationen.

"Ich lebe in ernsthaft harmonischen Zusammenhängen im Moment, glaube ich. Und ich mache auch wahnsinnig gerne Urlaub auf kleinen französischen Schlössern. Also ich bin wirklich eine totale Spießerin, glaube ich, wirklich!"

Diese knapp 18-Jährige, die ihre schwarze Wollmütze abnimmt und ihre langen blonden Haare frech ins Gesicht hängen lässt, soll eine harmonische Spießerin sein? Diese junge Frau, die einen Roman über ein ebenso neurotisches wie kluges 16-jähriges Mädchen geschrieben hat, das als Kulisse ganz bewusst die Welt der Clubs, Drogen und überhaupt Exzesse wählt? Viele trauten Helene Hegemann nicht zu, in diesem Alter eine solche Geschichte zu erfinden.

"Das unterschätzt einen, glaube ich, auch. Das ist schon alles irgendwie rational erarbeitet, was ich da mache, und hat einen Zweck. Wäre ich jetzt ernsthaft so drogenabhängig, hätte ich einfach mein letztes Jahr damit verbracht, irgendwie nicht zu duschen und auf Partys rumzuhängen, dann: Wo hätte ich dieses Ding schreiben sollen? Dann fehlt da ja ein Aspekt in dem Buch, nämlich dass sie dann gut genug situiert ist, um das alles aufzuschreiben. Und deshalb regt es mich total auf, wenn sich all die Leute, die es lesen, das Recht rausnehmen, sie wüssten jetzt ernsthaft konkret etwas über mich."

Einiges weiß man natürlich doch über Helene Hegemann. Dass ihre Mutter starb, als Helene 13 war, dass Helene dann aus Bochum zu ihrem Vater nach Berlin zog, dem Theatermann Carl Hegemann. Helene Hegemanns Theaterstück "Ariel 15", ihr Kinofilm "Torpedo" und nun auch der Roman "Axolotl Roadkill" werden aus der Perspektive eines Mädchens geschildert, das durch den Tod seiner Mutter traumatisiert ist.

Ganze Passagen hat die Autorin fast wortgleich aus dem Theaterstück in den Roman übernommen: eine Szene mit Gedanken über Erbrochenes, eine andere, in der jene 46-jährige Frau, in die die Ich-Erzählerin verliebt ist, einen Eimer Wasser über den Kopf des Mädchens ausschüttet:

"Ich hab' ja sowieso grundsätzlich alles von irgendwoher genommen, also beispielsweise aus meinem Umfeld, meinem näheren, aus Zeitschriften, aus Büchern von anderen Autoren. Also ich klaue einfach hauptsächlich – weißt du? -, wenn ich nicht mehr weiterkomme und wenn ich denke, es ist notwendig, um so etwas zusammenzusetzen, was man da erzählen will. Und deswegen klaue ich natürlich auch von mir."

In diesem Sinne beklaut jeder jeden in ihrem Freundeskreis. Und niemand nimmt es übel. Im Gegenteil. Man inspiriert sich gegenseitig, auch durch Begriffe wie "Axolotl" und "Roadkill". Mifti, die 16-jährige Ich-Erzählerin des Romans, gleicht seelisch einem Tier, das von einem Auto angefahren wurde, einem sogenannten "Roadkill". Dieses Mädchen will ebenso wenig erwachsen werden, wie der Schwanzlurch Axolotl erwachsen werden kann. Denn der bleibt aufgrund eines Defektes sein Leben lang im Larvenstadium:

"Mein Freund Jonas hat mir davon erzählt. Und der hat mir dann den Link geschickt, und ich hab's mir angeguckt und dachte, das muss man jetzt irgendwie verbraten. Ich fand's auch so gut, dass es noch so unbenutzt war. Es ist noch kein ernsthaftes Maskottchen für irgendein Projekt. Und ich fand's auch einfach niedlich. Wenn's so pink lächelnd irgendwo abhängt, also ich fand's wirklich ernsthaft süß." [Lacht.]

So wird der Axolotl zu Miftis Maskottchen. Die Autorin hat ganz bewusst, wie schon im Theaterstück und im Film, über ein gleichaltriges Mädchen geschrieben. Warum, sagt sie, sollte sie auch über eine doppelt so alte Person schreiben, die einen Beruf hat, über den sie nichts weiß? Diskotheken und Clubs kennt Helene Hegemann dagegen selbst von innen, auch wenn sie im Gegensatz zu Mifti kein Ecstasy und Heroin nimmt. Wichtig aber war Helene Hegemann das Experiment, mit Mifti eine Figur zu schaffen, die sich ganz bewusst in die Welt der Drogen und Exzesse begibt.

"Andererseits ist es einfach ein Unterhaltungsroman. Das war der eigentliche Impuls, warum ich es geschrieben habe. Wenn er einen nicht unterhält, kann ich natürlich auch nichts machen. Ich will da ja auch niemandem was aufdrängen. Schon gar nicht irgendeine Weisheit, die daraus gezogen werden muss, weil da steckt absolut keine drin."

Unterhaltsam und auch komisch sind tatsächlich einige Dialoge, zum Beispiel jene zwischen Mifti und ihren beiden Halbgeschwistern. Helene Hegemann selbst hat keine Geschwister:

"Ich fand's super, keine zu haben, ehrlich gesagt. [Lacht.] Könnte ich mir auch nicht ernsthaft vorstellen."

Wieder ein Beleg dafür, dass viel weniger, als man ihr unterstellt, autobiografisch ist in "Axolotl Roadkill". Dann schon eher der Satz, den Mifti gleich zu Beginn in ihr Tagebuch schreibt: "O.k., die Nacht, wieder mal so ein Ringen mit dem Tod":

"Seit ich sechs bin, habe ich panische Angst vorm Tod, weißt du? So wöchentlich einmal mindestens einen hysterischen Anfall, weil ich es einfach nicht verstehe und nicht verstehe, warum man so ein Bewusstsein angeeignet kriegt und die wichtigste Information aber einfach fehlt, wie man mit diesem Tatbestand umgeht, dass alles sinnlos offenbar ist."

Mifti wählt im Roman die Welt der Exzesse und kann nicht mehr zwischen Realität, Rausch und Traum unterscheiden. Die Kritiker überboten sich gegenseitig in ihrem Lob für den Roman, entdeckten in der dargestellten Hässlichkeit gar das Schöne. Trotzdem wird so manch ein Leser ratlos vor dem Buch stehen und sich fragen, warum er dieses Buch lesen soll, das jede aufkommende Harmonie oder Romantik brutal zerstört.

"Mich interessiert harmonische Literatur wirklich nicht. Dann kann ich auch an einen See fahren und ein Ruderboot mieten, wenn ich Harmonie will. Und da brauch ich nicht unbedingt ein Buch lesen, in dessen Rahmen dann Sachen verhandelt werden, für die man nicht unbedingt die Konsequenzen tragen muss."

Die Konsequenz ihres Romans "Axolotl Roadkill" ist, dass die Medien sich auf die Autorin, auf ihr Fräuleinwunder, stürzen. Nicht das Buch allein zählt, sondern eben auch ganz besonders die Tatsache, dass Helene Hegemann es 17-jährig geschrieben hat.

"Mir hätten auch zwei Beine fehlen können. Das ist mir völlig egal. Das ist mir halt die Aufmerksamkeit dadurch zuteil geworden. Ich weiß auch, dass, wenn jemand sagt 'Wunderkind', das in irgendeiner Form als Kompliment gemeint ist, aber ich setz' mich damit einfach nicht auseinander." [Lacht]

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