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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 20.11.2015

Ianina Ilitcheva: "183 Tage"Aus Einsamkeit wird Kunst

Von Eva Hepper

Ein Holzhaus spiegelt sich im Wasser eines Fließes im Spreewaldort Lübbenau (Brandenburg).  (dpa/ picture-alliance/ Patrick Pleul)
Nur die eigenen vier Wände hatte Ianina Ilitcheva ein halbes Jahr lang um sich. Wie sie die Zeit erlebt hat, hat sie in Bildern und Texten festgehalten. (dpa/ picture-alliance/ Patrick Pleul)

Die bildende Künstlerin Ianina Ilitcheva igelte sich ein halbes Jahr lang in ihrer Wohnung ein und beschäftigte sich nur mit sich selbst. Was sie in dieser Zeit über sich herausgefunden hat, zeigt sie nun in einem aufwändig gestalteten Buch mit Texten und vielen Bildern.

Kann ich mit mir selbst etwas anfangen? Werde ich meinem Innersten begegnen? Und was, wenn da nichts ist? Wenn mir nur langweilig sein wird? Diese Fragen beschäftigen Ianina Ilitcheva zu Beginn eines außergewöhnlichen Experiments: 2012/13 zieht sich die bildende Künstlerin 183 Tage vom sozialen Leben zurück.

Ein halbes Jahr trifft sie keine Freunde, meidet das Internet, greift nicht zum Telefon. Als Rückzugsort dient ihre Wohnung, die sie (bis auf Ausnahmen) nur zum Einkaufen und Spazierengehen verlässt. Wird sie unterwegs angesprochen, antwortet sie in aller Kürze. Einmal im Monat schickt sie ihrem Umfeld ein Lebenszeichen via Blog.

Wie Ianina Ilitcheva die Zeit erlebt, was sie erfahren, entdeckt, gelernt und auch durchlitten hat, zeigt die 1983 in Usbekistan geborene und seit 1991 in Wien lebende Malerin nun in einem auffallend schönen und aufwändig gestalteten Künstlerbuch. Darin versammelt sie Zeichnungen, Fotografien (Selbstporträts), längere Texte und Faksimiles ihrer täglich gemalten und handbeschriebenen Notizzettel.

Das Alleinsein wiegt von Tag zu Tag schwerer

Ilitcheva findet sich zunächst gut ein in ihr Robinson-Dasein. Sie entwickelt einen neuen Schlafrhythmus, malt Selbstporträts, schreibt Gedichte, lauscht der inneren Stimme - und den äußeren Geräuschen. Während ihre Augen schlechter werden (wegen der mangelnden Weite, wie sie glaubt), wird sie allmählich ganz Ohr. Ilitcheva "hört alles", sogar die Stille und wird von den Nachbarn und Grillen auf Trab gehalten. Doch von Tag zu Tag wiegt das Alleinsein schwerer. (Zumal ihr Hund, auch Teilnehmer des Experiments, nach einem Monat stirbt.)

Die 30-Jährige fühlt sich zwischenzeitlich wie umstellt. Leere, Einsamkeit, Verlangen, Sehnsucht, Sinnfragen, Gedanken, Sorgen, Ängste – all dem ist sie während dieser 183 Tage ausgesetzt. Und nichts davon kann sie teilen. Sie befürchtet zu platzen, "mein Körper ist zu klein für all diese Emotionen", und hält doch durch, weil immer wieder Wesentliches aufscheint über sie selbst und die Welt.

Es ist faszinierend, davon zu lesen. Bis auf wenige ins Pathos schlitternde Beschreibungen, schreibt Ilitcheva, die derweil Sprachkunst an der Wiener Universität für angewandte Kunst studiert, klar, treffend, poetisch und mit Witz. "Sich die Zeit vertreiben mit Emotionen versus Emotionen vertreiben mit Zeit" notiert sie beispielsweise am 22. Tag.

Hochästhetische Umsetzung des Einsamkeitsprojekts

Herausragend gelingt der Künstlerin, ihre Erfahrungen visuell umzusetzen. Etwa, wenn sie ihre Selbstporträt-Fotografien auf Transparentpapier druckt und so ein sprechendes Bild für ihre Brüchigkeit findet. Oder wenn schwarzes Seidenpapier ihre Zeichnungen fast schluckt, wie die Stille und Einsamkeit ein unbeschwertes Leben. Auch wenn sie ihre Notizen spiral-, kreis- oder sternförmig niederschreibt, ist das hochästhetisch.

Was für ein beeindruckendes Buch! Und das Fazit? Die anfangs gestellten Fragen sind alle beantwortet. Doch die letzte Seite zeigt nur einen leeren Zettel, den Sprechblasen umrunden: "huhu", "ich bins", "hey,hey", "ich bin wieder da". Wie schön.

Ianina Ilitcheva: 183 Tage
256 Seiten, Verlag Kremayr & Scheriau 2015, 29,90 Euro

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