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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.08.2007

Hypochonder und Selbstüberschätzer

Thomas Glavinic: "Das bin doch ich", Hanser Verlag, München 2007, 237 S.

"Jemand schreibt in der 'Süddeutschen', Daniel sei der beste Autor seiner Generation. Ich zucke zusammen. Das bin doch ich!"
"Jemand schreibt in der 'Süddeutschen', Daniel sei der beste Autor seiner Generation. Ich zucke zusammen. Das bin doch ich!" (AP)

Der Österreicher Thomas Glavinic schreibt in seinem hochkomischen Roman "Das bin doch ich" über einen mehr oder weniger erfolglosen Schriftsteller namens Thomas Glavinic – und dessen Freund, den Beststellerautoren Daniel Kehlmann. Die Mischung aus Selbstmitleid und rührend peinlichen Slapstick-Nummern erinnert an die Filme Woody Allens.

"Das bin doch ich" heißt das neue Buch von Thomas Glavinic. Bereits auf der zweiten Seite erfahren wir, dass der Erzähler von Beruf Schriftsteller ist. Gerade hat er seinen fünften Roman beendet. Diesen Roman kennen wir. Er heißt "Die Arbeit der Nacht", ist im vergangenen Jahr erschienen, und auch den Autor dieses Romans kennen wir. Thomas Glavinic. Und genau dieser Thomas Glavinic schreibt jetzt also ganz offenbar über sich selbst.



Es ist kein besonders schmeichelhaftes Porträt, das der 1972 geborene österreichische Schriftsteller hier von sich zeichnet. Sein Alter Ego ist "Anlasstrinker", was nichts anderes heißt, als dass er jede Gelegenheit zum erhöhten Alkoholkonsum nutzt, nur um dann spät nachts per Email Freunde und Kollegen zu beleidigen. Thomas Glavinic, so erfahren wir, ist ein klassischer Hypochonder, der seinen Körper unentwegt auf die Symptome von Hodenkrebs und anderen hässlichen Krankheiten absucht – und er leidet unter einem Hang zur maßlosen Selbstüberschätzung.



Dann ist da noch sein bester Freund, ebenfalls Schriftsteller, der gerade mit einem Roman namens "Die Vermessung der Welt" einen Bestseller gelandet hat. Richtig: Es handelt sich um Daniel Kehlmann, und Thomas Glavinic ist nicht wirklich von Herzen erfreut, wenn eine weitere hymnische Rezension erscheint: "Jemand schreibt in der 'Süddeutschen', Daniel sei der beste Autor seiner Generation. Ich zucke zusammen. Das bin doch ich!"



Die Eckdaten stimmen. Thomas Glavinic lebt wie seine gleichnamige Romanfigur in Wien, er hat Frau und Kind, und mit Daniel Kehlmann, dem besten oder vielleicht auch nur zweitbesten Autor seiner Generation, ist er tatsächlich befreundet. Man mag sich als aufgeklärter Leser den Gedanken noch so sehr verbieten: Es liegt einfach nahe, darüber nachzudenken, ob der Autor Thomas Glavinic tatsächlich so ein eher schwieriger Charakter mit einem Faible für peinliche Auftritte ist wie der autobiographisch gestaltete Protagonist seines Buches.



Thomas Glavinic weiß das – und er spielt mit den voyeuristischen Gelüsten seiner Leser. Genussvoll legt er immer noch eins drauf. Sein literarischer Stellvertreter ist bekennender "Clever & Smart"-Leser, betupft seine Kopfhaut mit "Capillotin", um seinen Haarausfall zu bekämpfen und schildert ungeniert, wie ihm auf einer Bahnfahrt eine heftige Übelkeit überkommt und ihm während des Erbrechens unglücklicherweise ein Zahnimplantat in die Toilettenschüssel der Zugtoilette fällt: "Es ist nicht der glücklichste Augenblick meines Lebens, als ich sie wieder einsetze."



Thomas Glavinic gelingt das seltene Kunststück, eine halbfiktive Figur auf der Grundlage seines eigenen, eher durchschnittlichen Lebens zum Hanswurst zu machen und dabei stilistisch auf hohem Niveau zu operieren. Die Mischung aus Selbstmitleid und rührend peinlichen Slapstick-Nummern erinnert an die Filme Woody Allens. In der Literatur und insbesondere in der deutschsprachigen Literatur ist diese Form der selbstbezüglichen Heiterkeit leider eher selten anzutreffen. Thomas Kapielski könnte man nennen, vielleicht auch einige wenige Autoren der Lesebühnen-Szene. Jetzt eben Thomas Glavinic. Und der macht es richtig gut.



Rezensiert von Kolja Mensing



Thomas Glavinic: "Das bin doch ich"

Hanser Verlag, München 2007

237 S., 19,90 Euro