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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 28.10.2007

Hyperaktivität durch Farbstoffe

Kleinkind beim Essen
Kleinkind beim Essen (AP)

Konservierungs- und Farbstoffe stehen seit längerer Zeit im Verdacht, das Zappelphilipp-Syndrom, also Hyperaktivität, auszulösen. Eine von der EU in Auftrag gegebene Studie untermauert diesen Verdacht. Doch beim genauen Hinsehen leidet die Untersuchung an allerhand Ungereimtheiten.

Anlass: Eine Studie, die von der EU-Kommission in Auftrag gegeben wurde, um im placebokontrollierten Doppelblindversuch die These zu prüfen, inwieweit Konservierungsstoffe und Farbstoffe das Zappelphilipp-Syndrom, also Hyperaktivität, auslösen können. Die Diskussion geht ja schon seit Jahrzehnten, wobei die Amerikaner und Briten vor allem die Farbstoffe im Visier haben und die Deutschen das Phosphat.

Was und wie wurde geprüft? Insgesamt 300 Kindern im Alter von drei und acht bis neun Jahren bekamen sechs Wochen lang einen Fruchtsaft, der neben dem Konservierungsmittel Natriumbenzoat (E 211) entweder die Farbstoffe Gelborange (E 110), Carmoisin (E 122), Tartrazin (E 102) und Cochinellenrot A (E 124) enthielt (Mischung A) oder Gelborange, Carmoisin (E 122), Chinolingelb (E 104) und Allurarot AC (E 129) (Mischung B). Bei den Kleinkindern entsprach die gesamte Farbstoffmenge einem Verzehr von gut 100 Gramm Süßigkeiten, bei den Acht- bis Neunjährigen machte sie gut 100 Gram (Mischung A) oder etwas über 200 (Mischung B) Gramm Süßigkeiten aus.
Die Hyperaktivität wurde anhand einer so genannten ADHS-Skala, Bewertungen von Eltern und Lehrern, Beobachtungen im Klassenzimmer plus – bei den Schulkindern – einem Aufmerksamkeitstest am Computer ermittelt.

Und was kam heraus? Die britischen Forscher sehen ihre These bestätigt. Bei den Kleinkindern korrelierte die Mischung A signifikant mit der Hyperaktivität, die ähnliche Mischung B hingegen nur bei jenen Probanden, die mindestens 85 Prozent der Getränkemenge konsumiert hatten. Bei den Schulkindern verhielt es sich genau umgekehrt: Hier zeigte sich ein durchgängig signifikanter Zusammenhang mit Mischung B, nicht aber mit Mischung A. Die Autoren ziehen daraus den Schluss, dass künstliche Farbstoffe oder der Konservierungsstoff Natriumbenzoat oder beide zu einer gesteigerten Hyperaktivität bei Drei- und Acht- bis Neunjährigen führen. Das Ergebnis ist aus Sicht der Autoren signifikant: Lebensmittelzusatzstoffe fördern Hyperaktivität.

Würden Sie das Ergebnis bestätigen? Nein. Die Studie leidet an Ungereimtheiten. Zunächst: Einschätzungen von Eltern sind relativ "weiche" Daten. Mit denen haben die Autoren dann höchst komplexe statistische Tests durchgeführt, bis ein "signifikantes" Ergebnis herauskam. Das deutet auf eine statistische Massagepraxis. Das führt dann beispielsweise dazu, dass bei den Kleinkindern die Mischung A einen eindeutigen Effekt hatte, nicht hingegen die ziemlich ähnliche Mischung B, obwohl diese die doppelte Farbstoffmenge enthielt. Und weshalb reagierten die Schulkinder wiederum kaum auf die Mischung A? Lag es an der Menge oder doch an einem bestimmten Farbstoff? Warum werden gerade 85 Prozent für die "signifikante" Statistik? Passte das Ergebnis bei 75 oder 100 Prozent etwa nicht?

Sind die Zusatzstoffe also unschuldig? Nicht unbedingt. Die beste Untersuchung bisher kommt aus München. Danach lösen Nahrungsmittel tatsächlich bei einem Teil der Kinder Hyperaktivität aus. Die Crux ist jedoch, dass die Lebensmittel oder Zusatzstoffe, die bei einem Kind Symptome hervorrufen können, individuell verschieden sind. Das im Einzelfall herauszufinden erfordert dann beinahe kriminalistische Fähigkeiten. Die Wirkungen treten auch nur bei ganz bestimmten Formen auf, die einen Enzymmangel vermuten lassen, weil sie beispielsweise mit Kopfschmerzen verbunden sind. Darauf deutet auch der Tatbestand, daß Eineiige Zwillinge oft gleichermaßen von der Hyperaktivität betroffen sind. Vermutlich stecken hinter dem Symptom Hyperaktivität eine ganze Reihe unterschiedlicher Syndrome bzw. Ursachen.

Gibt es dafür Belege? Ja. Einige Infektionskrankheiten bzw. Parasitosen wie Borreliose (übertragen durch Zeckenbisse), Toxoplasmose oder Toxocarose können psychische Störungen hervorrufen, wie sie für das Tourette-Syndrom typisch sind. Dieses ist eine Variante der Hyperaktivität. Inzwischen weiß man, daß die bei Kindern gar nicht so seltenen Streptokokkeninfektionen ebenfalls zu erheblichen Verhaltensstörungen führen können. Behandelt man diese "Problemkinder" mit Antibiotika, ist die Hyperaktivität mit einem Mal wie weggeblasen. Bei anderen hyperaktivien Kindern hilft beispielsweise Tageslicht – also draußen toben. Das Tageslicht reguliert das hormonelle System des Menschen. Vermutlich spielt hier eine Störung der sog. HPA-Achse eine Rolle, also die Verbindung zwischen Hypothalamus, Hypophyse (Pituitary) und Nebennierenrinde (Adrenals). Ein wichtiger Störfaktor der HPA-Achse ist stundenlanges Fernsehen oder Neonröhren wie sie teilweise noch in Schulen verwendet werden.

Fazit: Wir haben uns wieder einmal ins Essen verbissen. Es ist zwar anzunehmen, dass es aufgrund individueller Unterschiede hyperaktive Reaktionen auf Lebensmittel und auch auf Zusatzstoffe gibt. Darüber werden andere Faktoren wie z.B. Infektionen vernachlässigt.

Literatur:
McCann D et al: Food additives and hyperactive behaviour in 3-year-old and 8/9-year-old children in the community: a randomised, double-blinded, placebo-controlled trial. Lancet 5. September 2007, Epub ahead of print.
Pollmer U, Niehaus M: Food Design: Panschen erlaubt. Hirzel, Stuttgart 2007