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Thema / Archiv | Beitrag vom 04.01.2011

"Hurra, das ganze Dorf ist da"

Zwei Dokfilmer waren beim Aufstieg der TSG Hoffenheim in die Bundesliga dabei

Frank Pfeiffer und Rouven Rech im Gespräch mit Britta Bürger

Der Hauptsponsor von 1899 Hoffenheim, Dietmar Hopp, feiert mit Spielern den Aufstieg des Vereins in die Erste Fußball-Bundesliga. (AP)
Der Hauptsponsor von 1899 Hoffenheim, Dietmar Hopp, feiert mit Spielern den Aufstieg des Vereins in die Erste Fußball-Bundesliga. (AP)

Die Idee, den Fußball-Dorfclub TSG Hoffenheim filmisch zu begleiten, kam Rouven Rech und Frank Pfeiffer durch einen Zeitungsartikel im Jahr 2005. Dass daraus wirklich mal ein Bundesliga-Erstligist mit eigenem Stadion und 30.000 Zuschauern werden würde, war nicht absehbar. Jetzt kommt ihre Dokumentation "Hoffenheim - Das Leben ist kein Heimspiel" in die Kinos.

Britta Bürger: "Das Leben ist kein Heimspiel". Morgen kommt eine Langzeitdokumentation über den rasanten Aufstieg der TSG Hoffenheim in die deutschen Kinos. Und schon jetzt bei uns zu Gast sind die beiden Regisseure des Films, Frank Pfeiffer und Rouven Rech – herzlich willkommen!

Frank Pfeiffer und Rouven Rech: Hallo!

Bürger: Haben Sie den aktuellen Spielerverkauf und Trainerwechsel eingefädelt, als Werbekampagne für den Film?

Pfeiffer: Oh, wenn ich das gemacht hätte, wäre ich, glaube ich, auch ein guter Marketingmensch oder zumindest PR-Mensch. Aber ich glaube, das ist eher andersrum. Also wir haben das zwar jetzt nur nicht mehr aus der Nähe mitverfolgen können, was dort passiert, aber in den zweieinhalb Jahren, die wir vor Ort waren, haben wir schon mitgekriegt, wie das Ganze dort funktioniert und was da eigentlich vonstatten geht. Und ich glaube, dass das, was man jetzt sieht, besser zu verstehen ist, wenn man unseren Film auch sich anschaut.

Bürger: So was hat es ja bislang wohl im Profifußball noch nicht gegeben, dass der beste Spieler hinter dem Rücken des Trainers an einen anderen Verein verkauft wird. Was haben Sie konkret von diesen Grabenkämpfen mitbekommen zwischen Management und Trainer? Im Film sieht man davon nicht so viel.

Pfeiffer: Na ja, konkret davon mitbekommen, wie gesagt, es sind halt Sachen, die dann auch noch weiter hinter den Kulissen stattfinden. Und natürlich haben wir öfter mal Telefonate mitbekommen, aber das sind natürlich auch Sachen, die in einer Geschäftswelt ganz normal sind. Es ist ja nicht so, dass man sich da immer nur bekämpft, sondern das sind ganz normale Praktiken, die dort stattfinden. Also es ist nicht so, dass man sich vorstellen kann, dass da jeden Tag ein Scharmützel stattgefunden hat. Also so war es nicht, auf keinen Fall.

Bürger: Aber ist die Sache nach dem Muster gelaufen, der Trainer hat in der Aufbauphase seine Schuldigkeit getan, jetzt kann er gehen?

Pfeiffer: Ich weiß nicht, ob ich das so hart formulieren würde, jetzt nach außen hin scheint es natürlich so. Das, was wir gesehen haben, ist, dass dort auf jeden Fall sehr geschäftsmännisch gedacht wird, und das hat sich ja jetzt in letzter Konsequenz fortgeführt.

Bürger: Sie erzählen in dem Film die Geschichte eines kleinen Dorfvereins, der jetzt einer der großen Player im deutschen Fußball ist. Ist der Verkauf des Spielers Luiz Gustavo an den FC Bayern für 15 Millionen Euro also der vorläufige Höhepunkt dieser ja durch und durch kapitalistischen Geschichte, die Sie in dem Film zurückverfolgen Schritt für Schritt?

Rech: Ob es der Höhepunkt ist, das kann ich natürlich nicht sagen, ich weiß nicht, was noch kommt.

Bürger: Vorläufig.

Rech: Vorläufig. Aber wir haben ja das ganze Projekt von Anfang an mitverfolgt und filmisch begleitet und haben auch schon sehr früh Interviews geführt mit den Machern von Hoffenheim, also mit Herrn Hopp und Herrn Rotthaus …

Bürger: Dem Geschäftsführer.

Rech: Dem Geschäftsführer. Und es wurde auch von Anfang an betont, dass wichtig ist, ein Fußballunternehmen zu schaffen, das schwarze Zahlen schreibt. Und so gesehen ist das wohl die Konsequenz daraus, was jetzt passiert.

Bürger: Wie sind Sie überhaupt damals darauf gekommen, von Anfang an dabei zu sein, 2006, wo man ja noch überhaupt nicht wusste, was aus diesem Verein einmal werden würde?

Rech: Ja, ich hatte Ende 2005 einen kleinen Zeitungsartikel in der "TAZ" gelesen mit der Überschrift "Träume eines Finanziers", und da wurde sehr schön bildlich beschrieben, was der Plan für den Herrn Hopp ist, seinen Dorfverein, sein Dorfclub, wo er selbst Fußball gespielt hat als Jugendlicher, in die Bundesliga zu führen und ein 30.000 Zuschauer fassendes Stadion auf die grüne Wiese zu stellen. Und das war für uns beide so ein Bild, wo wir gesagt haben, das kann wirklich ein sehr schöner Film und sehr interessanter Film werden.

Bürger: Also Sie haben auch wirklich geglaubt, das kann tatsächlich Wirklichkeit werden?

Rech: In dem Moment war es auch noch nicht so wichtig für uns. Und wir haben auch den Film und das filmische Projekt von Anfang an so angelegt, dass wir gesagt haben, wir verfolgen den Bau des Stadions, als roter Faden, und den Aufbau eines Dorfclubs zum Fußballunternehmen. Was daraus wird und wie es wird, da waren wir selber überrascht, dass es dann natürlich so schnell ging und der Aufstieg in die Bundesliga stattgefunden hat, was natürlich jetzt dem Film auch sehr zugute kommt. Aber wir denken auch, der Film hätte durchaus funktioniert mit einem Nichtaufstieg. Man kann sich es auch gut vorstellen, ein Riesenstadion und sitzen nur wenig Zuschauer drin – wäre für einen Film wahrscheinlich auch spannend gewesen.

Bürger: Bleiben wir bei einem der Protagonisten des Films, bei dem Geschäftsführer Rotthaus, der seine Unternehmensphilosophie wirklich variantenreich vor der Kamera ausbreitet. Und man fragt sich immer, ist das jetzt eine knallharte Show oder glaubt der Mann wirklich, was er sagt. Welche Unternehmensphilosophie hat er? Hat das überhaupt noch was mit Fußball zu tun?

Rech: Also es hat in erster Linie mal mit Unternehmen zu tun, also mit Geschäftmachen und das auch nach außen hin zu verkaufen. Ich glaube schon, dass Herr Rotthaus genau das glaubt, was er da beschreibt, weil sonst geht es auch nicht. Also ich glaube, sonst kann man da nicht wirklich leidenschaftlich für engagiert sein und jeden Tag aufstehen, morgens um sechs, sieben Uhr und bis nachts um 24 Uhr dann dafür auch einstehen. Es ist natürlich ein Gebiet, was für viele von uns nicht unbedingt zum Alltag gehört, und deswegen vielleicht auch für uns jetzt so spannend, also für uns prinzipiell als Film auch so spannend, dabei zu sein und zu gucken und den Menschen mal über die Schulter zu schauen.

Bürger: Wie haben Sie sein Vertrauen gewonnen? Vieles von dem, was er über sein Experiment mit dem Unternehmen Fußball erzählt, das hätte er ja auch für sich behalten können.

Pfeiffer: Tja, weil wir so sympathisch sind vielleicht.

Bürger: Haben Sie sich da so dezent zurückgehalten mit der Kamera, dass er die vergessen hat?

Pfeiffer: Also das ist unser Prinzip. Wir arbeiten schon so, dass wir versuchen, dabei zu sein und lange dabei zu sein. Da kam es auch mal vor, dass wir wirklich über Stunden in dem Büro stehen und nicht gedreht haben und sich Herr Rotthaus vielleicht auch mal gefragt hat, was machen die zwei eigentlich hier. Der hat uns auch nicht rausgeschickt. Also wir haben mit ihm eine ganz klare Vereinbarung gehabt, wenn es jetzt irgendwie brenzlig oder so wird, dann können Sie uns rausschicken – das ist ein-, zweimal vorgekommen, das muss man dazusagen, aber meistens nicht. Meistens war es eher so, dass wir geduldete Gäste waren und irgendwann natürlich auch vergessen worden sind, weil wir ein Teil dieses Unternehmens waren, so ein bisschen zumindest. Zumindest dieses Ablaufs, der da vonstatten ging.

Bürger: War Herr Rotthaus auch bei der Uraufführung in Hoffenheim dabei?

Rech: Nein, leider nicht. Das finden wir auch sehr bedauerlich. Er hatte den Film allerdings davor schon mal gesehen, bei der Premiere, bei dem Max-Ophüls-Festival in Saarbrücken im Januar 2010. Da war die eigentliche Festivalpremiere, da war er anwesend, jetzt leider bei der Premiere in Hoffenheim nicht mehr.

Bürger: Rotthaus’ Strategie besteht ja unter anderem darin, die Herzen der Zuschauer zu gewinnen, veranschaulicht wird das zum Beispiel an der geradezu aggressiven Werbekampagne für dieses neu gebaute Stadion, der man sich in der Region anscheinend wirklich nur schwer entziehen konnte. Doch Rotthaus hat sich ja auch vor Ort gezeigt, bei den Hoffenheimern zu kleineren persönlichen Auftritten, in denen er zum Beispiel mit dem höchsten Komfort für die Damen war, mit Blick auf die Damentoiletten im Stadion. Wie hat das Vereinsmanagement das also tatsächlich geschafft, die Bevölkerung für diesen Verein zu begeistern? Welche Sehnsüchte wurden geweckt und auch erfüllt?

Rech: Na, ich glaube, es ist schon eine Region, die danach ein bisschen gedürstet hat, auch Erfolg zu haben. Und der kam natürlich auf beiden Ebenen – sowohl einmal durch den sportlichen Erfolg, und mit dem sportlichen Erfolg kam ein großes Medienecho. Und dieses Medienecho hat den Leuten dort vor Ort natürlich gut getan. Das ist so ein Selbstwertgefühl, was dort gesteigert wurde und wo die sich auch endlich mal reflektiert gesehen haben.

Rech: Und es wurde auch – was wir gut in dem Film, glaube ich, zeigen – ein Produkt geschaffen, womit sich viele dort identifizieren können, auch mit dem Slogan "Hurra, das ganze Dorf ist da" und …

Bürger: Also sich selbst aufgewertet fühlen?

Rech: … der sympathische Dorfclub.

Pfeiffer: "Wir haben Kühe und ihr nicht" waren ja so Slogans.

Bürger: Der Film, der lebt ja auch durch skurrile Typen, wie zum Beispiel Torro, ein Fan der ersten Stunde. 2006, da gab es nur einen Fanclub der TSG Hoffenheim, mittlerweile sind es wohl an die 100, und gerade diese Pioniere haben aber wohl ein Problem jetzt mit dem rasanten Aufstieg des Vereins. Anfangs war die Kritik an der Vermarktung überall zu hören. Im Film wirkt es jetzt so, als seien die Fans so was wie die letzten der Mohikaner. Sind sie das auch in Augen des Managements?

Rech: Da kann ich nur von außen jetzt sprechen beziehungsweise was Torro uns auch jetzt gesagt hat: Also in den Augen des Managements, denke ich, sind die genauso gut angesehen wie zuvor. Allerdings hat sich für Torro und seine Ur-Fans doch erheblich viel verändert. Anfangs standen die hinter dem Tor, kannten jeden Spieler, konnten den per Handschlag begrüßen und kannten sich untereinander sehr gut. Inzwischen ist es so, sie sind in einem großen Stadion, sie sind wenige von 30.000. Es ist alles in Sektoren eingeteilt, viel Security – also für sie ist wirklich ein Stück verloren gegangen, und da schauen die auch wehmütig drauf zurück.

Bürger: "Das Leben ist kein Heimspiel", die Langzeitdokumentation über die TSG Hoffenheim kommt morgen in die deutschen Kinos, und den beiden Regisseuren Frank Pfeiffer und Rouven Rech danke ich für den Besuch im Studio!

Rech: Vielen Dank!

Pfeiffer: Danke auch!

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"Das Leben ist kein Heimspiel"

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