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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.08.2010

Humorfreie Neuauflage einer Kultserie

Die Kinoversion von "The A-Team" ist typische Action-Ballerei

Thomas Klein im Gespräch mit Klaus Pokatzky

Szene aus "Das A-Team" mit Quinton Jackson als B.A. Baracus (l.) und Bradley Cooper als Lt. Templeton "Faceman" Peck (AP)
Szene aus "Das A-Team" mit Quinton Jackson als B.A. Baracus (l.) und Bradley Cooper als Lt. Templeton "Faceman" Peck (AP)

Das "A-Team" eine der erfolgreichsten amerikanischen Fernsehserien, wird nun für das Kino aufbereitet. Bedauerlich sei aber die Grundsatzentscheidung, "dass man eben diesen ja doch relativ albernen, absurden Humor der Fernsehserie" herausgeschnitten habe - sagt der Filmkritiker Thomas Klein.

Klaus Pokatzky: Einer ist schön und einer ist irre, einer hat Angst vorm Fliegen und der vierte heißt Hannibal und ist der Chef vom A-Team, einer Art schwerbewaffneter Robin-Hood-Truppe, wie die "Süddeutsche Zeitung" das skurrile Quartett genannt hat. Nun ist das, was einst von 1983 bis 1987 eine US-Fernsehserie war, zum Kinofilm gedreht worden. Der Filmkritiker Thomas Klein hat den Film natürlich gesehen. Herr Klein, hat es sich gelohnt?

Thomas Klein: Ich würde sagen, es ist eine Auslegungssache. Ich habe in diesem Sommer weiß Gott schauderhaftere Filme gesehen.

Pokatzky: Aber auch bessere.

Klein: Deutlich bessere. Ich glaube, was man über das "A-Team" sagen kann als Produktion, ist: Es handelt sich halt um einen dieser kommerziell optimierten Streifen, die natürlich für ein ganz bestimmtes Publikum gedacht und zugeschnitten sind, und das bestimmte Publikum sind nicht unbedingt Mitteleuropäer über 30.

Pokatzky: Welches ist dieses Publikum, auf das der Film zugeschnitten ist?

Klein: Ich würde behaupten, dass man in Amerika im Grunde genommen nur eine Zielgruppe, besonders in der Sommerzeit, ernst nimmt, und das ist der männliche Teenager zwischen, sagen wir mal, 12 und 18. Das sind die Leute, die halt mit großer Clique in Filme gehen, bei Gefallen auch immer und immer und immer wieder. Und für die macht Hollywood im Grunde genommen das große Unterhaltungskino.

Das ist zwar einerseits bedauerlich, weil es relativ viel vom Tisch nimmt und eben auch bedeutet, dass bestimmte Standards - die Computereffekte, die eben möglichst spektakulär sein sollen, und eben auch die Pyrotechnik, Schießereien, Explosionen, schöne Frauen mit wenig an -, dass das natürlich dann spielbestimmend wird. Aber auf der anderen Seite muss man auch akzeptieren, dass Hollywood relativ verzweifelt ist mittlerweile, überhaupt die Kassen noch voll zu bekommen.

Pokatzky: Diese Klientel, die Sie angesprochen haben, junge Männer, die sind ja auch die sogenannten Fanboys, Fanboys werden sie genannt. Der britische "Guardian" hat unlängst geschrieben: "Die Fanboys halten das Kino im Würgegriff", meint damit das Hollywoodkino. Wie wirkt sich das denn genau dann aus auf andere Filmproduktionen?

Klein: Ich gebe da vielleicht mal ein Beispiel. Vor, ich glaube, jetzt zehn Tagen ist die sogenannte San Diego Comic-Con geendet, das war ursprünglich mal eine relativ kleine Veranstaltung für Comicleser und andere Stubenhocker. Aber seit nicht nur Hollywood, sondern auch amerikanische Fernsehsender und Computerspielhersteller festgestellt haben, dass man da irgendwie Begehrlichkeiten wecken und Vorfreude generieren kann, kommen die großen Studios mit ihren Produktionen fürs nächste aber auch schon fürs übernächste Jahr nach San Diego, um da eben zu zeigen, was man quasi schon in der Tüte hat für demnächst, bald oder deutlich später.

Und der Begriff Fanboys kommt ja eigentlich aus dem, sagen wir mal, Comicbereich. Das sind halt ... stilisiert diese etwas, sagen wir mal, nöligen Stubenhockertypen, die im Grunde genommen, um jetzt mal das Klischee zu bedienen, keine Freundin haben, sondern lieber ihre Comicsammlung durchsortieren oder ...

Pokatzky: ... vor dem Computer sitzen und Spiele herumballern.

Klein: ... oder vor dem Computer sitzen und in Spielen ballern. Und das sind natürlich dann auch so Querbezüge, die sich jetzt auf eine Art auch im Kino eben auch ausdrücken, dass man natürlich dem durchschnittlichen, sagen wir jetzt mal, Fanboy, dem männlichen amerikanischen Teenager, den es natürlich auch in dieser Form auch in Europa, in England und in Deutschland gibt, dass man dem natürlich jetzt auch was zeigen muss. Man kann sich eben nicht mehr darauf zurückziehen, dass man mit Andeutungen arbeitet oder mit, sagen wir mal, sparsamer Effekttechnik, sondern es muss jetzt schon richtig bollern, sonst geht da auch gar nichts an der Kasse.

Denn das Problem ist natürlich auch, dass die Filme, die Hollywood produziert, dass sich da eine gewisse Schere auftut. Ich habe auch mit dem Regisseur vom "A-Team" gesprochen, der hat auch gesagt, das Problem ist, dass in der amerikanischen Filmwirtschaft immer mehr Filme produziert werden mit großem Budget, also das heißt, die Headliner, das Top-Produkt wird sozusagen immer teurer, immer aufwändiger. Davon gibt es also immer noch sehr viel.

Aber auf der anderen Seite Filme mit kleinerem Budget, sagen wir mal, so "Schläfer"-Filme, die man sich erst erarbeiten muss, die haben halt in Hollywood gerade gar keine Chance mehr. Die will auch keiner mehr finanzieren, weil das eben nicht die Filme sind, wo, ich sage mal, der 14-jährige Teenager gerne reingeht.

Pokatzky: In den 98, also fast 100 Folgen der Fernsehserie "A-Team" gab es maximal fünf "dauerhaft Versehrte", also entscheidend in ihren körperlichen Möglichkeiten dann Eingeschränkte. In der Kinofassung gibt es nun 26 Tote. Was sagt das aus über die veränderte Erwartungshaltung des Publikums, seien es Fanboys oder auch andere?

Klein: Ich glaube, das Schwierige ist bei der Gewalt oder bei den Todesfällen im "A-Team" gar nicht so sehr die Anzahl der Todesopfer. Das sind im Grunde genommen auch Chiffren, das sind Leerstellen, also das sind gesichtslose Gegenspieler. Das hat man ja auch bei dem deutlich besseren Film von Christopher Nolan "Inception" in einer anderen Form. Da muss eben, wenn geballert wird, müssen eben Leute auch idealerweise tot umfallen, und das sind eben im Zweifelsfalle die Bösen.

Was ich schwieriger finde beim "A-Team" ist gar nicht so sehr die hohe Anzahl der Toten, sondern viel eher, was für Leute das sind, oder sagen wir mal, was für Staatsbürger das sind. In einer Prologsequenz legt sich das zu dem Zeitpunkt wohl noch in Gründung befindliche A-Team mit korrupter mexikanischer Polizei an. Die werden dann auch relativ lässig "neutralisiert", ist glaube ich die offizielle Sprachregelung. Später sind es dann irakische Aufständische, die Druckerpressen für Falschgelddollars aus Bagdad schmuggeln wollen.

Und da habe ich ein großes Problem einfach mit diesen Bezugspunkten: In Mexiko tobt momentan ein großer Banden- und Drogenkrieg, da gibt es Korruption. Im Irak sterben auch heute noch Leute. Und dann finde ich es halt sehr schwierig, wenn man für so ein Unterhaltungsprodukt dann ausgerechnet diese Bezüge nimmt, und dann tun mir auch die Todesopfer nicht leid, aber ich finde das sehr unangenehm, es hinterlässt einen sehr unschönen Nachgeschmack für meinen Geschmack.

Pokatzky: In der Fernsehserie waren die vier Helden ja Vietnamveteranen. Vietnam lag damals ein gutes Jahrzehnt zurück. Jetzt sind es Irakveteranen, das heißt, wir befinden uns im Hier und Jetzt, in einem noch andauernden kriegerischen Zustand. Bleibt deshalb auch der Humor auf der Strecke?

Klein: Ich glaube, das mit dem Humor hat eher damit zu tun – und das bemerkt man bei vielen Neuauflagen –, ... In Hollywood ist der Trend momentan nicht nur 3D, sondern eben auch 80er-Jahre-Material, also Fernsehserien, Kinofilme wieder aufzuwärmen, wir hatten ja schon "Kampf der Titanen", wir hatten schon "Nightmare On Elm Street", also nicht nur diese technische Innovation, sondern eben auch ein Blick zurück, dieser Remake-Trend, der drückt sich eben auch beim "A-Team" aus.

Und das Problem ist, dass viele Filmemacher und auch die Studiobosse, die Produzenten der Meinung sind, dass modern eben auch heißt: ernst. Und das ist eben auch beim "A-Team" eine bedauerliche Grundsatzentscheidung gewesen, dass man eben diesen ja doch relativ albernen, absurden Humor der Fernsehserie – denn machen wir uns bitte nichts vor, das war nie wirklich ernst gemeint und man konnte es auch nie wirklich ernst nehmen –, dass dieser Humor im Grunde genommen weggeschnitten oder aus dem Skript entfernt wurde, damit das eben noch etwas grimmiger und etwas entschlossener wird.

Also ich denke, wenn man das A-Team von damals mit dem A-Team von heute vergleicht, dann ist das heute doch eher so eine hochspezialisierte Elite-, schnelle Eingreiftruppe, und damals war das im Grunde genommen so ein kunterbunter Trupp von Freaks, Ex-Soldaten, die dann im Grunde genommen auch – und das fehlt natürlich in dem Kinofilm auch –, die dann einfach losziehen und vom Leben und korrupten Politikern oder fiesen Industriellen gegängelten Normalos irgendwie durch den Alltag zu helfen. Leute mit Problemen kommen zum A-Team, sowas, und das gibt es halt bei dem Film jetzt nicht, das ist mehr so, ja, ... Also dass die da ihren Namen reinwaschen und die wahren Schuldigen überführen wollen, ist relativ banal.

Pokatzky: Wenn Sie eine Note geben müssten von eins bis sechs?

Klein: Ich möchte jetzt nicht übertrieben unfreundlich sein, das sind alles nette Leute, die den Film gemacht haben. Ich will denen nichts Böses, aber ich würde sagen, deutlich besser als drei minus wird das leider nicht.

Pokatzky: Benotet der Filmkritiker Thomas Klein "A-Team" als Kinofilm, nun in den Kinos. Vielen Dank!

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Rückkehr eines Action-Klassikers

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